Bis zur Schmerzgrenze

ARD und ZDF erhalten ab 2018 keine Live‑Rechte mehr an Olympischen Spielen

Von Volker Nünning
09.12.2016 •

09.12.2016 • ARD und ZDF werden über die Olympischen Sommer- und Winterspiele im Zeitraum von 2018 bis 2024 nicht live berichten. Die öffentlich-rechtlichen Sender konnten sich mit dem US-Medienkonzern Discovery Communications, zu dem unter anderem der Sender Eurosport 1 gehört, nicht über eine Sublizenzierung von Übertragungsrechten einigen (vgl. auch diesen MK-Artikel). Discovery Communications hatte im Juni 2015 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) den Zuschlag für die Übertragungsrechte in Europa an den vier Olympischen Spielen von 2018 bis 2024 erhalten. Für den Erwerb der Rechte zahlt der Konzern insgesamt 1,3 Mrd Euro (vgl. MK-Meldung).

Am 28. November gab Discovery Networks Deutschland bekannt, hierzulande in den eigenen Programmen live über die Olympischen Spiele ab 2018 zu berichten. Damit scheiterten die seit mehr als einem Jahr laufenden Verhandlungen zwischen Discovery und den öffentlich-rechtlichen Sendern über eine Sublizenzierung. Erstmals kommt es nun dazu, dass ARD und ZDF nicht über Olympische Spiele live berichten können. Im Februar 2018 finden in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang die nächsten Olympischen Winterspiele statt. Austragungsort der Sommerspiele 2020 ist Tokio. Die Winterspiele 2022 sind in Peking. Wo die Sommerspiele im Jahr 2024 stattfinden werden, soll im Herbst 2017 entschieden werden.

Zu hohe Preisforderungen von Discovery

Die Verhandlungen zwischen Discovery sowie ARD und ZDF scheiterten, weil sich beide Seiten nicht auf einen Rechtepreis für die Sublizenzierung einigen konnten. Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) und innerhalb der ARD federführend zuständig für den Sportrechteerwerb, bedauerte die Entscheidung: „Wir müssen aber erkennen, dass die Forderungen von Discovery bei weitem über dem liegen, was von uns verantwortet werden kann. Wir sind zu wirtschaftlichem Umgang mit Beitragsgeldern verpflichtet.“ Auch ZDF-Intendant Thomas Bellut verwies darauf, dass der von Discovery bis zuletzt geforderte Preis „deutlich zu hoch“ gewesen sei. „Wir sind Discovery bis an unsere Schmerzgrenze entgegengekommen“, erklärte Bellut. Susanne Aigner Drews, Geschäftsführerin von Discovery Networks Deutschland, sprach in einem Interview davon, ARD und ZDF hätten bei den Verhandlungen „zurückhaltend reagiert“.

Medienberichten zufolge soll Discovery für die sublizenzierten Rechte an den nächsten vier Olympischen Spielen insgesamt rund 300 Mio Euro von ARD und ZDF verlangt haben. Die Anstalten seien aber nur bereit gewesen, etwa 200 Mio Euro dafür auszugeben. Die Übertragungszeiten der drei kommenden Olympischen Spiele, die allesamt in Asien stattfinden, sind aufgrund der Zeitverschiebung hierzulande in der Nacht sowie im Vormittags- und frühen Nachmittagsprogramm, also außerhalb der Hauptsendezeit.

Olympia künftig auch im Pay-TV

Für die TV-Rechte an den letzten beiden Olympischen Spielen (2014 Winterspiele in Sotschi und 2016 Sommerspiele in Rio de Janeiro) sollen ARD und ZDF insgesamt rund 110 Mio Euro bezahlt haben. Diese Rechte hatten die Anstalten im Jahr 2011 erworben (vgl. FK-Heft Nr. 27-28/11). Während in Deutschland Discovery ab 2018 die Berichterstattung über die Olympischen Spiele selbst übernimmt, einigte sich der Konzern über Olympia-Sublizenzierungen unter anderem in Großbritannien (mit der BBC), in Österreich (mit dem ORF) und in der Schweiz (mit der SRG). Discovery konnte bisher aber auch noch keine Abschlüsse über Olympia-Sublizenzierungen in Italien, Spanien und Frankreich vermelden.

In Deutschland will Discovery die kommenden Olympischen Spiele nicht nur im frei empfangbaren Fernsehen übertragen, sondern auch im Pay-TV. Der Rechtevertrag zwischen Discovery und dem IOC schreibt vor, dass von Sommerspielen jeweils mindestens 200 Stunden im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden müssen. Bei Winterspielen sind es jeweils mindestens 100 Stunden. Mehr als 300 Stunden berichteten ARD und ZDF zusammen nach eigener Darstellung live über die Wettkämpfe bei den Sommerspielen 2016 in Rio – so viel wie nie zuvor. Hinzu kamen weitere 40 Stunden Zusammenfassungen. Die Übertragungszeit von den Wettkämpfen in den Livestreams, die ARD und ZDF ergänzend in ihren Internet-Angeboten bereitstellten, bezifferten die Sender auf mehr als 1000 Stunden.

Discovery kündigte nun an, seinen paneuropäischen Free-TV-Sender Eurosport 1 in Deutschland „zum Herzstück der Berichterstattung“ über die Olympischen Spiele machen zu wollen. Dazu solle das Programm lokalisiert werden. Das heißt, Eurosport 1 werde dann „aus Deutschland heraus entwickelt und produziert“. Zusätzlich will Discovery in seinem weiteren Free-TV-Programm DMAX über die Olympischen Spiele berichten. Beim Pay-TV-Sender Eurosport 2 sollen „exklusive Inhalte“ zu sehen sein. Den „uneingeschränkten Zugang zu den Olympischen Spielen“ soll aus Sicht von Discovery das On-Demand-Angebot Eurosport-Player bieten. Die Abo-Gebühr für diesen Online-Dienst beträgt derzeit 6,99 Euro pro Monat oder 60 Euro für ein Jahr.

Entschieden ist bisher noch nicht, ob die ARD etwa in der „Tagesschau“ in Bewegtbildern über Olympia 2018 berichten könne, erklärte Lutz Marmor, der Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR), am 30. November. Er äußerte sich in der im Radioprogramm NDR Info ausgestrahlten Sendung „Redezeit“, in der er zusammen mit NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth Hörerfragen beantwortete. Wenn die „Tagesschau“ Bilder von Olympia haben wolle, dann werde Discovery „einen wahnsinnigen Preis fordern“, meinte Marmor: Aber man werde „nicht jeden Preis zahlen“. Bisher habe man mit Discovery noch nicht über Olympia-Bildrechte für die „Tagesschau“ gesprochen.

Radiorechte: Noch keine Entscheidung

Die ARD, wie auch das ZDF, könnten sich indes auf das Recht auf nachrichtliche Kurzberichterstattung für Fernsehsender berufen, um über Olympia künftig nachrichtlich in Bewegtbildern zu berichten. Dieses Kurzberichterstattungsrecht ist im Rundfunkstaatsvertrag und in der ‘EU-Richtlinie für audiovisuelle Mediendienste’ (AVMD) verankert und gilt für Ereignisse, „die von großem öffentlichen Interesse sind“. Darunter wären sicherlich Olympische Spiele zu fassen. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg bestätigte das Recht auf Kurzberichterstattung im Jahr 2013, als es um einen Fall ging, der den Österreichischen Rundfunk (ORF) betraf.

Noch offen sei, erklärte NDR-Intendant Marmor in der Radiosendung weiter, ob die ARD in ihren Hörfunkprogrammen künftig von den Olympischen Spielen berichten könne. Hier gebe es bisher keine Entscheidung. In der „Redezeit“-Sendung sprach Marmor von „völlig unrealistischen Vorstellungen“ seitens Discovery für eine Sublizenzierung der Olympia-Rechte an ARD und ZDF. Das Geld, das die ARD nun für die Olympia-Rechte nicht ausgeben werde, benötige man für die Herstellung von anderen Programminhalten, so Marmor. „Wir können ja nicht nur Wiederholungen senden. Also müssen wir da, möglicherweise auch in anderen Genres, etwas tun. Das wird dann nicht unbedingt Sport sein.“

ARD-Programmdirektor Volker Herres warf in einem Kommentar in den ARD-„Tagesthemen“ am 23. November unter anderem die Fragen auf, ob bei der künftigen Live-Berichterstattung von Olympia durch Discovery weniger populäre Sportarten noch die gleiche Beachtung finden würden und ob das sportliche Geschehen kritisch begleitet werde, wenn es etwa um Doping oder Fehlverhalten von Funktionären gehe.

Ausufernde Kommerzialisierung

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bedauerte, dass sich Discovery und die öffentlich-rechtlichen Sender nicht einigen konnten. ARD und ZDF hätten zuletzt bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro eine exzellente Berichterstattung über Olympia abgeliefert, so der DOSB. Der Sportbund geht indes davon aus, dass von Discovery resp. Eurosport die Spiele künftig ebenso professionell präsentiert würden. Dabei ist allerdings davon auszugehen, so wäre hinzuzufügen, dass sich die Olympia-Zuschauer künftig mit einer massiven Zunahme an Werbespots konfrontiert sehen werden.

Tabea Rößner, medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, sieht in den gescheiterten Rechteverhandlungen „ein Resultat der ausufernden Kommerzialisierung von Großsportereignissen“. Leidtragende seien die Sportler und Zuschauer, „wenn nur noch wenige einzelne Wettkampfentscheidungen frei empfangbar ausgestrahlt werden“. Discovery sei beim Wort zu nehmen, die Versprechen einzuhalten, Wettkämpfe und Entscheidungen auch über das vom IOC geforderte Maß hinaus frei empfangbar auszustrahlen und eine kritisch begleitende Berichterstattung durchzuführen, meinte Rößner.

ARD und ZDF kündigten unterdessen an, weiterhin Interesse an einer Live-Berichterstattung von den Paralympics zu haben. Deren Übertragungsrechte werden vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) vergeben. Für die öffentlich-rechtlichen Sender führt die europäische Rundfunkunion EBU, der Dachverband der Rundfunkanstalten in Europa, derzeit die Rechteverhandlungen mit dem IPC. Bei ARD und ZDF geht man davon aus, dass Discovery kein Interesse an den TV-Rechten der Paralympics hat.

09.12.2016/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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