BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Das irrsinnige Ausmaß an Fernsehkrimis: Fast anderthalb Tote pro anderthalb Stunden sind zu viel

Von Christian Bartels
17.02.2020 •

Oh, doch erst 25 Jahre „Wilsberg“! Beinahe hätte man diesem ZDF-Samstagskrimi, dessen Hauptdarsteller Leonard Lansink so sympathisch nicht-juvenil rüberkommt, ein paar Jährchen oder Jahrzehntchen mehr zugetraut. Jedenfalls hat das ZDF aus Anlass des Jubiläums ein bisschen Datenjournalismus betrieben: „In den bisher ausgestrahlten Folgen gab es 107 Mordopfer – 60 Männer, 34 Frauen, sieben Hühner und einen Zuchthengst. Unter den Opfern waren unter anderem sechs Priester, sechs Prostituierte, drei Finanzberater, drei Krankenschwestern, drei Anwälte, drei Landwirte und zwei Ärzte. In der Folge ‘Bielefeld 23’ sowie den Weihnachtsfolgen ‘Oh du tödliche…’ und ‘Alle Jahre wieder’ gab es keine Mordopfer. Wilsberg hat insgesamt 21 Morde verhindern können“, heißt es in Pressemappe zum 25-jährigen Jubiläum in der Rubrik „Zahlen, Preise, Hintergründe“. „Nicht so blutrünstig“ zu sein, das ist für den zuständigen ZDF-Redakteur Martin R. Neumann ein Grund für den Erfolg der in Münster spielenden Reihe. Von den Hühnern abgesehen – 94 Mordopfer in 67 Filmen, also 1,4 pro Folge, sind demzufolge ein geringer Fernsehkrimi-Bodycount.

Blutrunst kennzeichnet das gegenwärtige öffentlich-rechtliche Fernsehschaffen tatsächlich. Von der Reihe „Die Toten vom Bodensee“ strahlte das ZDF am 10. Februar die zehnte Folge aus. Da stieß das Ermittlerduo auf einen Taucher „am Ufer des Bodensees tot auf einer Bank sitzend“, „sein Mund ist zugenäht, eine Münze findet sich darin“. Am vorigen Samstag (15. Februar) folgten dann die Toten vom, pardon: von der Nordsee. Da wurden eine junge Frau, „an Seilen aufgeknüpft, tot in einem Baum“, und noch eine, „bis zum Hals im Sand vergraben“, aufgefunden und dann noch ein junger Mann, „im Watt an einen Holzpfahl gefesselt“ und „in der Flut ertrunken“, so hieß es in der ZDF-Pressemitteilung, die einen gespannt machen wollte auf diesen Film mit dem Titel „Ostfriesengrab“.

Und war es echt erst der „vierte Film“ der Ostfriesland-Krimireihe? Offenbar. Zum Eindruck, dass es schon viel mehr Ostfriesenkrimis gab, könnte die Krimireihe „Friesland“ ohne „Ost-„ davor („Mörderische Ermittlungen hinterm Deich“, auch ZDF) beigetragen haben, die demnächst auch zehn Folgen alt wird. „Friesland“ spielt im ostfriesischen Leer. „Nord Nord Mord“ (wiederum ZDF; am 13. Januar gab's die elfte Folge) spielt auf Sylt, also einer nordfriesischen Insel. „Nord bei Nordwest“ (jetzt mal ARD) spielt trotz des Titels an der Ostsee, aber, anders als „Mord auf Usedom“ an der alt-westdeutschen Ostsee. Neunzigminütige Küstenkrimis gibt es in mindestens ausreichender Anzahl, selbst wenn man das fiktive Nordholm an der Ostsee, in dem das ZDF ja auch gern, aber unregelmäßig-mehrteilig morden lässt, auslässt.

Immerhin ist in Krimis niemand „abgehängt“

Eine Vernachlässigung der wachsenden deutschen Großstädte als Krimischauplätze muss dennoch nicht beklagt werden. In München, das der meistgenutzte Fernsehkrimimord-Tatort sein dürfte, seit Herbert Reinecker und das Fernsehen einander entdeckten, ging gerade „Laim und die Tote im Teppich“ in Dreh („Die Leiche einer Frau wird vor einem Müllcontainer auf der Theresienwiese gefunden, eingewickelt in einen Perserteppich…“). Aktuell konkurrieren da in der Liga der Neunzigminüter Lukas Laim, „München Mord“ (auch ZDF, aber heiterer), das „Tatort“-Team der ARD und ein „Polizeiruf“ eigentlich auch noch.

Konstruktiv betrachtet: Im Fernsehkrimi gelingt unseren Öffentlich-Rechtlichen, was im Nachrichtengeschäft lange nicht so gut gelang (und derzeit zu fieberhaften Nachbesserungen führt), nämlich sowohl die größeren und kleineren Metropolen im Blick zu haben, in denen Journalisten, Politiker und Filmschaffende zu wohnen pflegen, als auch die „Provinz“ miteinzubeziehen, in der die Mehrheit der Bevölkerung lebt. Das ist sicher gut. An strukturschwachen Orten freut man sich oft schon während der Dreharbeiten, wenn etwa in der Nebensaison größere Filmteams anreisen. Und oft noch hinterher, da Fernsehkrimis durchaus den Tourismus ankurbeln können (siehe zum Beispiel spreewald.de: „Entdecken Sie die Schauplätze der beliebten ZDF Fernsehserie“).

Vielleicht hilft es sogar mittelfristig beim zunehmend hilflos beschworenen Zusammenwachsen Deutschlands, wenn im oft als „abgehängt“ apostrophierten Görlitz die ARD („Als eine aufgeregte Nonne des Marienthaler Zisterzienserinnen-Klosters den Kommissaren mitten in ihren Mordermittlungen von einem blutigen Schuh berichtet, den sie im Wald gefunden hat…“) und im Erzgebirge das ZDF („Ein Professor für Bergbau wird tot in einem alten Bergwerk gefunden. Wurde ihm das große Lithium-Vorkommen zum Verhängnis?“) jeweils Allerweltskrimis drehen, und das ohne strukturschwache westlichere Regionen wie Ostfriesland oder den Westharz zu vernachlässigen.

Andererseits: Wenn sogar der harmlose Freak Wilsberg auf fast anderthalb Tote pro anderthalb Stunden kommt, liegt die Zahl der Fernsehkrimimorde (in die die deutlich kürzeren, aber nicht weniger rünstigen Vorabendkrimi-Folgen zwischen „SOKO Wismar“ und den „Cops“ aus Ober- und Niederbayern ja auch noch einfließen) unsinnig hoch. Zum einen schon aus genrespezifischen Gründen: Der Reiz, den gute Krimis ausüben können, besteht ja in der Variation bekannter Schemata. Je mehr Menschen innerhalb einer Woche phantasievoll in Boden- oder Nordsee ersäuft werden, damit die Kommissarsteams Spuren zum Fälle-Lösen bekommen, desto schwieriger wird es, noch halbwegs reizvolle Krimis zu schreiben.

In den 2030ern werden sich alle an den Kopf fassen

Zum anderen und vor allem: An nicht-fiktionalen Diskussionen darüber, ob die Gesellschaft verroht, herrscht kein Mangel. Ob die Gewaltkriminalität in Deutschland ansteigt oder gerade nicht, sondern bloß der Eindruck und die allgemeine Verunsicherung zunehmen, darüber wird oft erregt und selten grundlos gestritten. Passt da die fiktionale Blutrunst in die Zeit? Zumal durchaus größere Teile des Publikums – wie auch der Kolumnist – sich deutsche Fernsehkrimis äußert selten anschauen. Vielen Menschen begegnen sie, wie alle anderen Medieninhalte, vor allem in Partikeln der Informationsflut wie etwa in Trailern vor (und dann immer auch noch nach!) Nachrichtensendungen, in Meldungen zu einem Jubiläum oder Drehstart oder so etwas. Oder in den Mediatheken, in denen der Krimi-Überfluss exemplarisch abtörnend nebeneinandersteht.

Doch die Programmplaner von ARD und ZDF scheinen vom Krimi gar nicht genug bekommen zu können, der damit zu erzielende Quotenerfolg ist wohl einfach zu verlockend. In den 2030er Jahren dürften diejenigen, die sich dann noch für Details des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens vorangegangener Jahrzehnte interessieren, sich an den Kopf fassen angesichts des irrsinnigen Ausmaßes der fast immer unterhaltsam gemeinten Morde.

Intendanten warnen eigentlich immer, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu Einsparungen aufgefordert wird, vor drohenden „Einschnitten ins Programm“. Derzeit tun sie es besonders häufig. Schließlich wird der Rundfunkbeitrag nicht so ansteigen wie die Inflation. Da könnte Wilsberg als Vorbild helfen: Morde verhindern! Aber nicht nur, indem Fernsehkrimihelden ihre Sidekicks aus der Schusslinie ziehen oder vergifteten Kaffee noch rechtzeitig wegschütten, sondern indem die Krimiunterhaltung gedeckelt wird. Jeder neunzigminütige Krimi, der nicht gedreht wird, spart weit mehr als eine Million Euro. Eine leichte Verknappung des Angebots könnte Qualität und Quote erhöhen. Und ein schöner Zug hin zum gern beschworenen „Public Value“ könnte darin bestehen, jenseits des „Tatorts“ Krimis reihen- und serienweise vorzugsweise in abgelegen bis „abgehängten“ Provinzorten zu drehen, wo sich die Einheimischen noch freuen. Metropolenbewohner freuen sich ja oft auch, wenn vor ihrer Tür mal nichts gedreht wird.

17.02.2020/MK