BARTELS BETRACHTUNGEN

Wenn AKK sich bei ARD und ZDF am selben Abend mit denselben Worten ans Fernsehpublikum wendet, ist das ein Problem

Von Christian Bartels
13.11.2019 •

Deutschlands Innenpolitik verläuft zur Zeit vergleichsweise spannend, was für berichterstattende Medien natürlich schön ist. Zwischen den Parteien und innerhalb von ihnen wird mehr als üblich gestritten und der Streit reicht sogar ins Außenpolitische. Eine Wegmarke war da der Vorschlag der Bundesverteidigungsministerin und CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, im Norden Syriens, in den die türkische Armee völkerrechtswidrig einmarschiert ist, eine „internationale Sicherheitszone“ einzurichten. Über diese Idee lässt sich diskutieren – und darüber, ob die noch neue Parteichefin viele Stärken besitzt und bereits gezeigt hat, natürlich auch.

Eine Stärke, die AKK jedenfalls regelmäßig demonstriert (zumal, seitdem ein schlechter, vielleicht karnevalstypischer Witz zu einem internettypischen Shitstorm eskaliert und sie noch vorsichtiger geworden ist): beinhart genau das sagen, was sie sagen möchte, und sich dabei von gestellten Fragen höchstens leicht beeinflussen zu lassen. Diese Eigenschaft zeigte sich gut am Abend des 21. Oktober, es war ein Montag, an dem sie ihren Vorschlag zuerst im ZDF-„Heute-Journal“ und dann in den ARD- „Tagesthemen“ der Öffentlichkeit vorstellte. Die beiden Nachrichtenmagazine laufen im Regelfall werktags von 21.45 bis 22.15 Uhr bzw. von 22.15 bis 22.45 Uhr und taten das auch an jenem Oktober-Tag.

Knallerzitate: „Führungsfrage in der Union“ und „Ältere Männer“

Heißt: Kramp-Karrenbauer sagte in beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen unmittelbar nacheinander weitgehend dasselbe. Das ist ein Problem, zumal so etwas nicht eben selten vorkommt. Eine Woche darauf wurde „der Kevin Kühnert der CDU“, wie „Heute-Journal“-Moderatorin Marietta Slomka den Junge-Unions-Bundesvorsitzenden Tilman Kuban nannte, ebenfalls am selben Abend im „Heute-Journal“ und in den „Tagesthemen“ interviewt, nachdem er mit der „offenen Führungsfrage in der Union“ tagesaktuell ein relatives Knallerzitat gelandet hatte.

Tags drauf (am 29. Oktober) sprach mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther ein weiterer jüngerer Mann der CDU seine anschließend für kurze Zeit vieldiskutierte Formulierung von „älteren Männern […], die vielleicht nicht ihre Karriereziele erreicht haben“ in dieser Formulierung nur im „Heute-Journal“ aus. In den „Tagesthemen“ (bei Min. 6.00) sagte er so ziemlich dasselbe („alte Herren“, die „in ihrem politischen Leben das nicht erreicht haben, was sie erreichen sollten“), jedoch nicht zu Moderatorin Caren Miosga, sondern nur in einem Filmbeitrag in ein Reportermikro. Das könnte allerdings einfach daran gelegen haben, dass die „Tagesthemen“ an diesem Abend aus Zeitgründen nicht so ausführlich sein konnten, da sie wegen Live-Fußball nur halb so lange dauerten wie üblich. In ein ZDF-Mikro hatte der Medienfuchs Günther tagsüber etwas wiederum Ähnliches („alte Rechnungen“...) auch schon gesprochen, sich das „Karriereziele“-Knallerzitat dort aber für den Abend aufgespart.

Viel Aufregung verdient das in den Einzelfällen nicht. So läuft der Politikbetrieb eben: ein Knallerzitat formulieren, das raussticht und von Freund und Feind zitiert wird – möglichst früh am Morgen, wenn es oft in den Radionachrichten zirkulieren soll (die sich im 20-minütigen bis stündlichen Zyklus ja nicht allzu oft ändern), eher spät, wenn man in die sogenannte zweite Primetime des Fernsehens strebt, und geduldig, wenn es oft nachgefragt wird. Und der Medienbetrieb läuft so, dass in der scharfen Konkurrenz (in der lineares Fernsehen ja nurmehr für ältere Männer und Frauen ein Leitmedium ist) alle die aktuell aufregendsten Schlagzeilen wollen.

In öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen basiert ohnehin vieles auf dem, was wichtige Politiker gerade so sagten; das hängt bloß ein bisschen damit zusammen, dass Politiker in den Aufsichtsgremien dieser Sender wichtige Rollen spielen (und damit, dass über Rundfunkbeiträge die Landtage entscheiden, deren Mitglieder sich immer wieder für die Rundfunkanstalten aus vielen guten Gründen einsetzen, unter denen der, dass sie selbst oft in deren Programmen auftauchen, wiederum nur einer ist). Der Einwand, dass selbstbewusste Redaktionen sich nicht zu sehr als Multiplikatoren der zu genau diesem Zweck entworfenen Politikeraussagen gebrauchen lassen sollten, ist von außerhalb der scharfen Echtzeit-Konkurrenz leicht erhoben.

„Von wem lässt du dir deine Fragen absegnen?“

Andererseits: Über weniges beklagen sich Journalisten – insbesondere des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – noch öfter als über den ähnlich falschen wie häufigen Vorwurf, von der Politik gesteuert zu werden. So zum Beispiel sagte Frank Plasberg kürzlich im „Süddeutsche“-Interview (€): „Wenn man wie ich als Fernsehnase im Land unterwegs ist, dann kommt man mit vielen Leuten ins Gespräch, was meistens schön ist. Umso kälter erwischt einen dann die Frage: Sag mal, von wem lässt du dir eigentlich deine Fragen absegnen? Und dann argumentierst du: Wir leben in einem freien Land, ich frage, was ich will. Es ist live. Und nachdem du dich leerargumentiert hast, schauen die dich an, klopfen dir auf die Schulter und sagen: Ist schon klar, das musst du ja jetzt sagen...“

Seit Jahren versuchen die Öffentlich-Rechtlichen mit solchen Vorwürfen umzugehen. Vermutlich wird genau dieses, äh, Narrativ jedesmal gestärkt, wenn die Nachrichtenmagazine von ARD und ZDF, die ohnehin selten durch sehr unterschiedliche Themensetzung und Herangehensweisen auffallen, gar noch am selben Abend denselben Interviewpartnern weitgehend dieselben Sätze entlocken. Vielleicht lässt sich das bei einer gelinden Überraschung, für die eine parteivorsitzende Bundesministerin sorgt, noch nachrichtlich verantworten. Aber beim Vorsitzenden der Jungen Union?

Klar, sämtliche Gemengelagen sind schwierig. Ob ARD und ZDF sich gegenseitig publizistische und Einschaltquoten-Konkurrenz machen sollten – was immerhin einfacher funktioniert, als sich mit völlig anders strukturierten Wettbewerbern zu messen – oder ob sie sich besser koordinieren sollten, ist auch eine offene Frage. Aber: Allein um den Eindruck zu bekämpfen, dass die Politik nur anrufen müsse, um den Anstalten durchzugeben, was gesendet werden soll, wäre in solchen Fällen irgendeine Koordination dringend nötig.

Eine der oft beschworenen, in der Praxis seltenen Win-Win-Situationen wäre ja außerdem, dass es sowohl für die parteivorsitzende Ministerin als auch für interviewende Journalisten als auch für die geneigte Öffentlichkeit mindestens so interessant ist, wie am allerersten Tag überall von ihrer neuen Idee zu hören, dann auch zwei oder drei Tage später zu erfahren, was daraus geworden ist und wie sie auf die inzwischen erwartungsgemäß überall aufgelaufenen Reaktionen reagiert. Vielfalt und Diversität werden an allen Ecken und Enden sehr oft mit Recht gefordert. In den Nachrichtensendungen müssten sie wirklich größer geschrieben werden.

13.11.2019/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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