Mark Watson: Elf Leben (NDR Info)

Schicksalhafte Ereigniskaskaden

21.05.2015 •

Der 1980 in Bristol geborene Mark Watson ist Literaturwissenschaftler und Comedian, hat auch schon als Fernsehmoderator gearbeitet und bereits eine Reihe von Romanen veröffentlicht. Auf Deutsch erschien von ihm als erstes 2011 unter dem Titel „Elf Leben“ (Eichborn-Verlag) sein Roman „Eleven“; die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Stefanie Jacobs. Auf Basis dieser 265 Seiten starken Übersetzung wurde im Januar und Februar 2015 beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg ein gleichnamiges, rund 65-minütiges Hörspiel produziert, das am 26. April auf NDR Info urgesendet wurde. Die Bearbeitung für das Radio und die Regie übernahm Irene Schuck. Im Fokus der Geschichte, die in einer klirrend kalten Februar-Nacht beginnt, steht der nach England ausgewanderte Australier Xavier Ireland (gesprochen von Markus Meyer). Er lebt zurückgezogen und arbeitet bei einem Londoner Radiosender, wo er die nächtliche Sendung „Late Lines“ moderiert. Hier nimmt er gemeinsam mit seinem Produzenten und Komoderator Murray (Jens Wawrczeck) die Anrufe schlafloser Hörer entgegen.

Der wichtigste Handlungsstrang in der Geschichte beginnt mit einem Speed-Dating, zu dem Murray seinen Arbeitskollegen überredet hat. Xavier lernt bei dieser Gelegenheit die ehemalige Diskuswerferin Pippa (Katja Danowski) kennen. Mit Pippa, die als Reinigungskraft arbeitet, verabredet er einen Termin zur Säuberung seiner Wohnung. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten in ihrem Verhältnis wird aus den beiden ein Paar. Die Beziehung beeinflusst vor allem Xavier positiv, reißt ihn aus seiner Lethargie und regt ihn wieder zu sozialem Verhalten an.

Die im Titel erwähnten elf Leben beziehen sich auf eine Reihe von Menschen, die durch die Ereignisse der Haupthandlung direkt oder indirekt betroffen werden. Und das naheliegende Ziel von „Elf Leben“ ist es, zu zeigen, wie verschachtelt schicksalhaft Kausalketten aufgebaut sein können. Durch das Unterlassen wie das Ausführen von Handlungen werden im Hörspiel regelrechte Ereigniskaskaden ausgelöst. So geht Xavier anfangs, ohne zu helfen, an einem Jugendlichen (Steffen Siegmund) vorbei, der von zwei Mitschülern geschlagen wird. Julius Brown, der traktierte Junge, beschließt, dass das Maß voll ist und geht von nun an täglich ins Fitness-Studio. Um den Mitgliedsbeitrag bezahlen zu können, bewaffnet er sich mit einem Küchenmesser und raubt einem Passanten, dem Immobilienmakler Ollie Harper (André Szymanski), die Brieftasche und das neue Handy. Ollie Harper wiederum kommt mit seinem alten Mobiltelefon nicht so recht klar und sendet versehentlich eine boshafte SMS über seinen Boss Roger (Peter Jordan) an ebendiesen.

Die hier gezeigte Handlungskette, deren einzelne Glieder von Friedhelm Ptok als Erzähler verbunden werden, geht noch weiter und kehrt letztendlich wieder zu Xavier zurück. Der reagiert mit seinem während der vergangenen Wochen gewonnenen Sozialverhalten ganz anders, als er es wahrscheinlich zu Beginn der Geschichte getan hätte – und sorgt damit für ein tragisches Ende: Als er den Sohn seiner Nachbarin davor rettet, von einem heranbrausenden Auto überfahren zu werden, wird er selbst von dem Wagen erfasst. Ob dieser Unfall, der die Schlussszene bildet, für ihn tödlich endet, bleibt offen.

Im Hörspiel wird nicht aufgezeigt, welche der vielen Figuren nun genau die elf ausmachen, die im Titel erwähnt werden, der Zuhörer kann sich mit einer jeweils recht guten Begründung unterschiedliche Elfer-Gruppen zusammenstellen. Insgesamt fehlt dem Hörspiel aber manchmal seine dramaturgische Notwendigkeit, was von der Alltäglichkeit und damit Beliebigkeit der gezeigten Ereignisse herrühren könnte. Doch dieser Alltäglichkeit ist auch Positives abzugewinnen, zuvorderst der Verzicht auf kosmische Verbundenheitstheorien. Allerdings wird dieser Verzicht auf eine Karma-Beschwörung nicht komplett durchgehalten, denn das mutige Handeln von Xavier, das zu dem tragischen Ende führt, ist gleichsam die Wiedergutmachung für lange zurückliegende Ereignisse.

Die detailreiche, kleinteilig aufgebaute Geschichte hat in ihrer Hörspielfassung dennoch einen gewissen Reiz, nicht zuletzt dank der vielen beteiligten Schauspieler, die durch die Bank einen guten Job machen (in den weiteren Rollen: Katharina Matz, Veit Stübner, Franz Ferdinand Möller-Titel, Maja Schöne, Maria Magdalena Wardzinska, Jörg Pohl, Leve Kühl, Thore Kühl, Mirco Kreibich, Anne Moll, Julia Nachtmann und Angelika Richter). Ein wirklich schönes und radioaffines Extra sind übrigens die im Hörspielstudio inszenierten „Late-Lines“-Sendungen, die die ansonsten mit Pianoklängen erzeugte melancholische Grundstimmung etwas auflockern.

21.05.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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