Grace Yoon: Love after Love (RBB Kulturradio)

28.02.2017 •

28.02.2017 • Ein Gedichtband von Ilma Rakusa mit dem Titel „Love after Love“ liegt der neuen Radioproduktion von Grace Yoon zugrunde. Doch sollte man sich von diesem Titel nicht täuschen lassen. Es geht um Liebe, aber um die Liebe, die folgt, folgen kann, wenn die andere schon gestorben ist, und also geht es vor allem und letztlich um den Tod. Um den Liebestod, den der stirbt, der verlassen wird. Und auch diesen Tod stirbt man nur einmal. „Twice no one dies“, schrieb der große englische Dichter Thomas Hardy (1840 bis 1928) in seinem Gedicht „In Tenebris“. Ihn zitiert Ilma Rakusa, die Schweizer Lyrikerin, Übersetzerin und Rezensentin mit slowakischen Wurzeln, in dem Langgedicht über die Liebe als Hörigkeit. Es ist bereits vor 15 Jahren erschienen und nun Textgrundlage einer radiophonen Komposition der in München lebenden Grace Yoon, Regisseurin und Komponistin mit (süd)koreanischen Wurzeln.

Der Text ist ein aus rhythmischen und poetischen, auch wortspielerischen Komponenten zusammengefügtes Amalgam, das gleichsam nach mündlichem Vortrag ‘schreit’ und doch den Hörer an manchen Stellen stirnrunzelnd zurücklässt. Zu unbekümmert springen gelegentlich die Binnenreime aus den Zeilen („Nur Hunde drehen eine schnelle Runde“), fragwürdig reimt sich, auch – unfreiwillig? – komisch, die Liebe dann, wenn die Sprache direkt wird („Mein Bub, mein lieber Bengel, dein Stengel steifes Glück in meinem Schoß“). Nun, Lyrik muss das dürfen, muss sich frei in den Multiversen der Sprache bewegen können. Und so ist es nachvollziehbar, dass diese Textvorlage stimulierend auf die Phantasie einer die radiophonen Möglichkeiten so meisterlich beherrschenden Regisseurin wie Grace Yoon wirkt. Die hörige Liebe, wie sie hier von Rakusa poetisch illustriert wird, interpretiert Yoon vor allem als das quälende Echo einer unstillbaren Einsamkeit.

Kleinere Einbrüche in die Makellosigkeit des Vortrags stehen sicher nicht im Vordergrund. Trotzdem ist es bedauerlich, dass hier und da Aussprachefehler auf Verständnisfehler hinweisen. In den gesprochenen Venedig-Passagen der poetischen Erinnerungen ist zum Beispiel vom „Ghetto dai Frari“ die Rede. Gemeint kann aber nur die Frari sein, also die Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari („Frari“ ist Venezianisch für „Brüder“.) Gemeint sind die „frari minori“, die „minderen Brüder“ des Franziskanerordens. Das venezianische Ghetto liegt hingegen im Sestiere Cannaregio und steht in keiner Beziehung zur Frari-Kirche. Im Skript steht an dieser Stelle „das Ghetto die Frari“, nicht durch Komma getrennt, worauf vermutlich dieser Lapsus im Vortrag zurückzuführen ist. Leider ist er irreführend.

Besungen hat die Marter der Einsamkeit niemand ergreifender als Henry Purcell, der Orpheus des Laments – mit Ausnahme vielleicht von Carlo Gesualdo da Venosa (1566 bis 1613), Mörder aus Leidenschaft und König des Madrigals. Purcell (1659 bis 1695) beschwört mit betörenden Klängen die verführerische Kraft der Einsamkeit und ist damit totaler Antipode von Ilma Rakusa. Wo Purcell noch schrie: „O, how I solitude adore!“, bleiben ihr bisweilen ekstatisch gewandete, eher verhauchte Erinnerungen an Schmerz, Trauer und Sehnsucht.

Corinna Harfouch spricht diese sorgfältig ausgezierte Litanei mit Empathie und einer Distanz, die man sich gelegentlich noch ausgeprägter gewünscht hätte. Doch die wunderbar feinfühlig eingesetzten Elemente aus Purcells Kompositionen geben der Emphase bereits so viel Raum, dass mehr Distanz kaum möglich scheint. Insofern hat die Regisseurin eine unumwundene Entscheidung für die Farbe und die Last des Gefühls getroffen – angesichts heutiger, eher frostiger Geschmacksbilder eine mutige Entscheidung, die von den Mitwirkenden (Mathis Mayr am Cello, die Sängerin Lauren Newton und an erster Stelle Corinna Harfouch) mitgetragen wird. Die 55-minütige Produktion „Love after Love“ entstand in einer Zusammenarbeit des Kulturradios des RBB mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF).

28.02.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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