Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen (WDR 1Live)

Wenn fehlt, was das Menschsein ausmacht

28.02.2017 •

Vier „alte Freunde“, mit deren Freundschaft es längst nicht mehr weit her ist, unternehmen routinemäßig ihren jährlichen Ausflug zu einer einsamen Berghütte. Dort verbringen sie einige Tage mit albernen Spielen, belanglosen Reden und mit reichlich Alkohol. Der erste, von Beruf Architekt, hat bei einem Hausbau seine Aufsichtspflicht nicht erfüllt und versucht sich jetzt vor der Verantwortung zu drücken. Der zweite sollte eine unverbindliche Finanzberatung durchführen, erklärte nichts, nötigte den Interessenten aber einen unbrauchbaren Vertrag auf. Die anderen beiden sind vom gleichen Schlag.

Nachdem ihre Zeit in der Hütte vorbei ist und sie vom Berg ins nächste Dorf abgestiegen sind, finden sie fast alles zerstört und tot vor. Was zuerst wie eine Post-Doomsday-Story wirkt – das Genre für das Leben „nach dem großen Knall“ –, verläuft dann aber sehr untypisch. Der Rahmen entpuppt sich nämlich als Vehikel, es gibt keine Erklärung für die Szenerie und diese ist auch in sich alles andere als plausibel. Warum sich beispielsweise erst im soundsovielten Ort Konserven finden und vorher nicht, ist nicht einsehbar. Es dauert eine Weile, bis klar wird, dass ein Kriterium wie Schlüssigkeit hier gar keine Rolle spielt.

Nicht lange nach dem Abstieg finden die vier Männer eine Frau, die, teilweise von gammeligen Blättern bedeckt, in den Himmel stiert. Im Hörspiel wird nicht völlig klar, ob die arme überhaupt lebt und was da passiert; lediglich Atem- und Stimmgeräusche weisen darauf hin, dass etwas geschehen sein könnte. Die Buchvorlage drückt es deutlicher aus: Die Frau wird nacheinander von allen Mitgliedern der Gruppe vergewaltigt. Tage später erwischt es einen alten Mann, der, in seiner Hütte liegend, mit Schüppe und Beil erschlagen wird. Anders als im Hörspiel wird in der Buchvorlage auch noch von einem verstörten Mädchen berichtet, das man alleine zurückließ – es sei ja noch recht gut genährt und werde bestimmt noch eine Woche überleben.

Mit der Zeit wird die Gruppe dezimiert. Der erste bricht sich den Fuß – da hält man sich nicht auf und lässt ihn ohne Abschied hilflos liegen. Als sich der zweite schwer verletzt, wird er von den anderen beiden mit einem Stein erschlagen. Gegen Ende erwischt es auch den dritten, er wird vom namenlosen Ich-Erzähler erstochen. Der Überlebende schneidet sich anschließend zur Nahrung Fleisch aus dem Körper des Kumpanen. All dies geschieht in völliger Beiläufigkeit, inhaltlich wie stilistisch.

Wie sieht menschliches Leben aus ohne das, was den Menschen ausmacht? Hier hat jemand darüber nachgedacht. Man trifft auf eine Art Zombies, die ohne jegliche Empathie agieren: „Wir sind nur noch zu groß geratene Bakterien“, sinniert der Ich-Erzähler. Sie sind dazu verurteilt, wie auf einem Laufband zwanghaft weiterzugehen, ohne Ziel, Liebe, Hoffnung, Phantasie, Werte und Sinn. Vom Menschsein ist nur noch die seelenlose Routine geblieben, Körper funktionieren, Kälte, Hunger und Schmerz werden erlebt, Alltagskommunikation findet statt. An die positive Aggression, das menschliche Bedürfnis zur Konstruktivität, erinnert nur noch eine hirnlose Unruhe, ein Sich-bewegen-Müssen.

Die zwanghafte Auslebung der destruktiven Triebe verschafft weder Lustgewinn noch Befriedigung. Zerstörung wird zur ständigen Begleiterscheinung, Erlebnisse und Erinnerungen sind jeder Wärme beraubt. Erkennen und Reflektieren finden nicht statt. Was geblieben ist, ist eine undefinierbare Sehnsucht nach dem, was fehlt, ohne irgendeine Idee, was es denn sein könnte. Die Umgebung ist ein Spiegel der Seele – zerstört, verbrannt, tot. Wo das ausnahmsweise mal nicht der Fall ist, wird dafür gesorgt, dass es so wird. Ist das ‘nur’ ein Albtraum, aus dem es irgendwann ein Entrinnen durch Erwachen gibt – gewissermaßen wie ein Fegefeuer, als Warnung?

Der Werbetexter und Schriftsteller Heinz Helle, studierter Philosoph, erhielt sowohl für seinen Romanerstling „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ (2014) wie auch für sein zweites Werk „Eigentlich müssten wir tanzen“, viel Lob von den Kritikern. Regisseur Martin Heindel richtete Letzteres nun für den WDR als Hörspiel ein. Dass die Geschichte als Ausflug begann, erfährt man in Rückblenden. Außer zahlreichen Alltagsgeräuschen wurden dezente, oft minimalistische Geräusch- und Klangkompositionen unterlegt. Inhaltlich wurde im Hörspiel gegenüber dem Buch heftig gekürzt, unter anderem wurde ein Protagonist gestrichen (im Roman waren es noch fünf). Dem Stück schadet das aber nicht, die Plausibilität des Szenarios spielt ohnehin keine Rolle. Noch mehr Seelenlosigkeit hätte dem Hörer dieser Parabel auch keine zusätzlichen Erkenntnisse vermittelt.

Einen geeigneten Sendeplatz für ein Hörspiel zu finden, das dermaßen aus dem Rahmen fällt, ist sicherlich nicht leicht. Bei allem Verständnis für diese Schwierigkeiten darf bezweifelt werden, dass der Donnerstagabend-Sendeplatz „1Live Krimi“ für dieses Stück – in dem Jens Harzer, Florian Lukas, Nic Romm und Sebastian Weber die vier Hauptrollen sprachen – die bestmögliche Option darstellte.

28.02.2017 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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