Werner Fritsch: Nofretete (HR 2 Kultur)

Reduzierte Mittel, große Wirkung

28.02.2017 •

28.02.2017 • Historische Dramen sind perfekt dafür geeignet, im glaubwürdigen Setting einer längst vergangenen Zeit Themen von aktueller Relevanz abzuhandeln. Dass die Form des historischen Dramas diese Funktion immer noch ausgezeichnet erfüllen kann, zeigt das Hörspiel „Nofretete“ von Werner Fritsch. Der 1960 geborene und seit Anfang der neunziger Jahre in Berlin lebende Autor hat für sein rund 55-minütiges Zwei-Personen-Stück, wie dessen Titel es unschwer erahnen lässt, das alte Ägypten im 14. Jahrhundert v. Chr. als Ort und Zeit des Geschehens gewählt.

Die unter der Regie des Autors vom Hessischen Rundfunk (HR) produzierte Tragödie eröffnet im ersten Teil mit einem Monolog der Titelheldin. Nofretete (Angela Winkler) befindet sich in einem Felsengrab und betrauert ihren toten Gemahl Echnaton. Die Mumie des verstorbenen Pharaos hat sie gemeinsam mit dem pharaonischen Hofbildhauer Thutmosis hierher gerettet, nachdem bei einer öffentlichen Prozession ein erfolgloses Attentat auf den einbalsamierten Leichnam verübt worden war.

Das Kuriose an der Angelegenheit ist (abgesehen von den äußeren Umständen): Echnaton hatte während seiner Herrschaft den Monotheismus eingeführt und als Hauptgott die Sonnenscheibe Aton eingesetzt. Im Zuge dessen wurden auch die Isis-Riten abgeschafft, die ein Fortleben nach dem Tod sichern sollten. Exakt diese Isis-Riten will Nofretete nun aber an ihrem geliebten toten Mann vollziehen. So zeigt sich Nofretete als Person, die in ein und derselben Handlung die Fürsorge um das Wohl des Gatten über den Tod hinaus mit einem emanzipatorischen Moment verbindet, indem sie sich nämlich dessen Religionsvorschriften widersetzt, um dadurch aus ihrer Sicht sein Seelenheil sicherzustellen.

Im zweiten Teil des Hörspiels tritt dann Thutmosis (Michael Altmann) auf. Er ist Nofretete als einziger Getreuer geblieben und berichtet ihr von dem politischen Umsturz, der sich gerade im Königreich abspielt. Die Gegenbewegung zu dem von Echnaton etablierten Religions- und Herrschaftsregime hat sich in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite steht die sich stetig bereichernde Priesterkaste, die sich um den Nachfolger Echnatons schart, dessen Sohn Tutanchamun, der nun der Herrscher Ägyptens ist. Tutanchamun hat für einen neuen Staatsglauben Aton durch Amun ersetzt, Umbenennungen und Statuenvernichtung mit einbegriffen. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger des Gottes Seth, die aus der verarmten Masse kommen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Andersgläubige zu köpfen.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht zunehmend auseinander, es herrscht ein allgemeiner religiöser Fanatismus – zu diesen auch heute aktuellen Themen kommt noch ein weiteres, nämlich die Debatte um die Änderung des Sexualstrafrechts. Sie spiegelt sich im Konflikt zwischen Thutmosis und Nofretete. Denn Thutmosis sieht nicht ein, dass Nofretete lieber sterben will, um mit Echnaton im Jenseits zusammenzukommen, als künftig mit ihm, dem Bildhauer, ein glückliches Liebespaar zu bilden. Nachdem seine Versuche, Echnaton wegen dessen inzestuöser Verbindungen zu verunglimpfen, fehlschlagen und er zum Schein fortgeht, kommt er heimlich zurück, um sich mit den Bandagen von Echnatons Mumie zu verkleiden und so erreichen zu wollen, dass Nofretete die Rituale – ohne es zu wissen – an ihm vollzieht. Als sie nach einem einleitenden Gesang, mit dem der dritte Teil des Stücks beginnt, die Täuschung entdeckt und abermals von Thutmosis aufgefordert wird, das Diesseits gemeinsam als Paar zu genießen, antwortet sie: „Nie!“ – womit das Hörspiel schließt. Sie hätte auch „Nein heißt nein!“ sagen können, so ist es aber noch deutlich prägnanter.

„Nofretete“ ist ein erstaunlich frisch daherkommendes Stück Radiokunst, das den zeitlichen Abstand zur Geschichte des alten Ägyptens geschickt nutzt, um eine geschichtlich ‘verbürgte’ Atmosphäre zu schaffen. Diese Atmosphäre eignet sich nicht nur, um in diesem Kontext über heutige Gesellschaftsprobleme zu reden, sondern taugt auch, um eine gewisse historische Kontinuität von Krisen zu verdeutlichen. Soundtechnisch ist das Beiwerk äußerst dezent gehalten. Lediglich einige ferne Tonspurschnipsel aus Werner Fritschs Filmarchiv sind hin und wieder leise unter den immer leicht hallenden Stimmen zu hören. Eine tolle Idee ist es auch, den Text da, wo es sich anbietet, singen zu lassen. Angela Winkler macht hier einen hervorragenden Job und etabliert die musikalische Ebene des Stücks. Insgesamt gelingt es im Hörspiel „Nofretete“ sehr gut, mit reduzierten Mitteln eine große Wirkung zu erzielen. Ausgezeichnet!

28.02.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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