„Der letzte Schnee“: Erstmals ist ein Schweizer Stück Hörspiel des Monats

20.03.2019 •

Seit diesem Jahr können dank einer Statutenänderung beim Wettbewerb „Hörspiel des Monats“ neben den deutschen Sendern auch der Österreichische Rundfunk (ORF) und das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) Stücke einreichen (vgl. MK-Meldung). Und nun wurde erstmals eine Produktion aus der Schweiz zum Hörspiel des Monats benannt: Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, die den Wettbewerb veranstaltet, hat das SRF-Stück „Der letzte Schnee“ von Arno Camenisch zum besten Hörspiel des Monats Februar gewählt. Regie führte bei dem 50-minütigen Hörspiel Geri Dillier, die Musik komponierte Jul Dillier. Die Erstausstrahlung von „Der letzte Schnee“ erfolgte am 15. Februar um 14.06 Uhr bei Radio SRF 1. Das Hörspiel basiert auf Arno Camenischs gleichnamigem Roman, der im vorigen Jahr erschienen ist. Das Buch stand 2018 mehrere Monate lang auf der Schweizer Bestsellerliste. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«In der Hörspielbearbeitung seines Romans „Der letzte Schnee“ beschreibt Arno Camenisch die Zwiegespräche der beiden Besitzer eines betagten Skischlepplifts, Paul und Georg, in der Einsamkeit des Bündnerlands in den Schweizer Alpen. Es sind die Zeiten des Klimawechsels, des immer öfter ausbleibenden Schnees; noch hat die Saison nicht wirklich begonnen.

In den Dialogen, oft aber auch Monologen der beiden alten Hüter ihres Skischlepplifts entfaltet Arno Camenisch mit „Der letzte Schnee“ ein Endzeitstück, das niemals schwarzmalend daherkommt, sondern die Protagonisten immer in freundlicher, fast melancholischer Erwartung des Endes ihrer Bestimmung und damit auch der Schnee- und Skitradition ihres Bündner Landes beschreibt. Camenisch nutzt den Kreislauf des endlos abspulenden Skilifts als Definitionsbereich für die Lebensläufe, als Metapher für die mäandernden Erfüllungswege und Erwartungen der beiden Protagonisten: ein trauerndes, aber nie deprimiertes Abschiednehmen vom geregelten Zieleinlauf ihrer Pläne, ihrer Illusionen, ein Sich-Erfreuen am Leben mit dem Ende vor Augen. 

Mit den anekdotenreichen, zart ironischen Gesprächen der beiden Alten schafft Arno Camenisch ein fast meditatives Werk voller blitzend-lebenskluger Einsichten der beiden alpinen Philosophen – grandios gespielt von Ueli Jäggi und Stefan Kurt – und ihrem weiten, weisen Blick von ganz oben in die Täler der Realität. In sprachlich überaus poetischer Diktion bietet Camenisch über die Sicht seiner beiden knorrigen Protagonisten den Versuch einer Versöhnung mit den Veränderungen der Zukunft an. Die Musik von Jul Dillier unterstützt mit großartigen, äußerst einfachen, aber extrem wirksamen Statements eines einsamen Akkordeons die Melancholie des Textes, bleibt dabei aber immer der literarischen Struktur verpflichtet. Auch die Schlusssequenz von Arno Camenischs Hörspiel „Der letzte Schnee“ klingt nach dem ersten erschrockenen Wahrnehmen fast wie eine freundliche Tröstung: „Man will sich gar nicht ausmalen, was der Herrgott im Himmel als nächstes bereithält. Wenn es hochkommt, beginnt er vermutlich noch, die Berge ins Tal zu stürzen und macht uns alle zu Staub.“ – „Der Tod kuriert uns vom Leben.“ – „Und wir stehen hier wie zwei Pajasse, parat für die nächsten 50 Jahre, was für ein komisches Los wir da gezogen haben.“ – „Da käme man glatt auf die Idee, zu den Narren zu halten – anstatt zu den Heiligen.“»

20.03.2019 – MK

Print-Ausgabe 17/2019

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