Christine Wunnicke: Alles Rumi (SWR 2/Bremen Zwei)

Postmoderne Schlaflosigkeit

17.12.2018 •

Wer nicht einschlafen kann, der mag sich, schon etwas entrückt, unter anderem auch mit dem altpersischen Gelehrten und Mystiker Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī (1207-1273) beschäftigen. Jedenfalls legt dies das Hörspiel „Alles Rumi“ von Christine Wunnicke, wenn nicht direkt, so doch als möglicher Schlüssel zu durchaus verschlüsselten Einschlafbeobachtungen am Radio nahe. „Siehe, ich starb als Stein und ging als Pflanze auf, starb als Pflanze und nahm dann als Tier den Lauf. Starb als Tier und ward Mensch“, so sagt es der Meister und Christine Wunnicke deutet solches allenfalls ganz am Rande, wenn überhaupt.

Dem Hörer begegnen zwei namenlose Männerstimmen, die im Prozess des Einschlafens sich massiv behindern oder stalkend auf die Nerven gehen. Der eine will, der andere darf nicht in den Schlaf entrücken. Der Versuch des Entspannens und der der Flucht aus dem Tagbewusstsein werden massiv gestört durch blitzartig eingestreute Mythen und Sequenzen aus der Film- und Medienwelt, die betagten Siedler Amerikas aus den Geschichtsbüchern mischen sich ein, Puritaner beten, kämpfen, morden und sterben, Pilgrim Father bittet zum Gebet, Indianer werden geschlachtet, aber auch ein Truthahn muss dran glauben.

Die beiden Männerstimmen kommentieren im Hörspiel ihr REM-Kontinuum: „Ich hab die ganze amerikanische Kolonialtragödie sekundär verbraten, gerade geträumt.“ – „Du meinst nur, dass ich auch irgendwie postmodern versaut bin?“ Eine postapokalyptische Sexmaschine, für Sekunden über die Lautsprecher angeworfen, sorgt für Unterhaltung, Träume mit Untertitel werden geträumt, popkulturelle Zitate und Anspielungen werden zuhauf vermixt und gerüttelt. So mancher Cineast fühlt sich an die Produktion „Under the Silver Lake“, den neusten Film von David Robert Mitchell erinnert, einen Thriller, ebenfalls gebaut im Zeichen labyrinthischer Verschränkungen und exzentrischer Frames, die zwar zitieren, aber nicht unbedingt Botschaft sein wollen.

Unter der Regie von Ulrich Lampen sprechen in „Alles Rumi“ die beiden ruhelosen Schlafverhinderer Sebastian Blomberg und Aljoscha Stadelmann. Sie machen ihre Sache gut und routiniert, da gibt es nichts zu mäkeln. Bei den ARD-Hörspieltagen 2018 wurde Stadelmann für „seine schauspielerische Leistung“ in der Produktion „Alles Rumi“ ausgezeichnet (vgl. MK-Meldung). Die Schauspielerin Bibiana Beglau, in diesem Jahr alleinige Jurorin für diesen Hörspiel-Schauspielerpreis, begründete die Auszeichnung mit dem Hinweis: „Aljoscha Stadelmann zieht uns Zuhörer zu sich, in dem er sich dem Charakter in voller und liebevoller Neugierde hingibt. Immer ist er in der Erwartung, dass diese Nacht noch etwas anderes als den dunklen, vergessenen Schlaf mit sich bringen könnte. Und mit seinem wunderbaren Humor entsteht eine große Leichtigkeit. Liebevoll, uneitel, frei von Zynismus und schauspielerischer Besserwisserei folgt er seiner Figur und dadurch folgen wir der Figur auch in ihren Gedankensprüngen und eigenartigsten dadaistischen Momenten.“ Fragend mag man hierzu anmerken, warum diese Auszeichnung nicht auch ex aequo an den radiophonen Gegenspieler und Gegenträumer Sebastian Blomberg vergeben wurde. Seine Interpretation war keineswegs zweitklassig.

Bei „Alles Rumi“, am 6. Dezember noch einmal im Programm SWR 2 ausgestrahlt, handelt es sich um eine von Radio Bremen stammende Produktion (Redaktion und Dramaturgie: Holger Rink). Seine Ursendung hatte das 46-minütige Hörspiel am 4. März dieses Jahres um 18.05 Uhr im Programm Bremen Zwei.

17.12.2018 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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