Titus Selge: Unterwerfung. Film nach dem Roman von Michel Houellebecq (ARD/RBB)

Auf gekonnte Weise nah am Theater

20.06.2018 •

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, der jetzt für die ARD verfilmt wurde, erschien am 7. Januar 2015 – es war derselbe Tag, an dem zwei Terroristen in Paris zehn Redakteure jener Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ermordeten, die Houellebecq gerade auch aufs Titelblatt ihrer aktuellen Ausgabe gebracht hatte. Auch ein zum Schutz der Redakteure abgestellter Polizist wurde ermordet. Es kursierte seinerzeit das Gerücht, dass der Schriftsteller sich verstecken musste. In seinem provozierenden Buch, einer rhetorisch zugespitzten politischen Dystopie, dachte er genau solche Ereignisse zu Ende, die der islamistische Anschlag auf die Pressefreiheit implizierte.

Im Frankreich des Jahres 2022, so beschreibt es der Roman, erzielt Marine Le Pen vom Front National bei den Präsidentschaftswahlen deutlich über 30 Prozent der Wählerstimmen. Um die Rechtspopulistin zu verhindern, koalieren zwei bürgerliche Parteien, die allerdings keine Visionen mehr haben, mit der zweitstärksten politischen Kraft, der Partei Muslimische Bruderschaft („Fraternité Musulmane“), deren Anführer namens Mohammed Ben Abbes so zum ersten islamischen Präsidenten Frankreichs gewählt wird.

Geschildert werden diese Ereignisse aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers François, der im Film von Edgar Selge verkörpert wird. Ein deutscher Darsteller als Professor an der Sorbonne? Funktioniert das? Im Gegensatz zu Oskar Roehler, der mit seiner nicht überzeugenden Adaption des Houellebecq-Bestsellers „Elementarteilchen“ den Schauplatz nach Deutschland verlegte, wendet Regisseur und Drehbuchautor Titus Selge bei „Unterwerfung“ einen interessanten Kunstgriff an. Weite Strecken seines Films bestehen aus abgefilmten Szenen jener Hamburger Theateraufführung von Karin Beier, in der sein Onkel Edgar Selge die Hauptrolle spielte.

Durch diese theaterspezifische Konzentration auf das gesprochene Wort bewahrt der Film die zentrale stilistische Eigenheit des Romans, der aus einer zynisch reflektierenden Innenschau seiner Hauptfigur besteht. Indem Edgar Selge diesen politisch-psychologischen Monolog im Stil einer gnadenlos ackernden Rampensau vorträgt – derweil das Publikum im Theater mit Gelächter und zuweilen auch mit schockierter Ablehnung reagiert –, bewahrt der Film einen wesentlichen Charakter des Buches.

Die Rückwand des Bühnenbildes im Hamburger Theater (dem Deutschen Schauspielhaus) besteht aus einem großen Hohlraum in Form eines christlichen Kreuzes, in den François sich immer wieder zurückzieht. Während seiner provokanten Diskurse dreht sich dieses Kreuz – sinnbildlich für die christliche Welt, die in Houellebecqs Vision auf den Kopf gestellt wird. Die hauptsächlich in Paris, aber auch auf dem Land in Frankreich spielenden Szenen illustrieren unterdessen mit filmischen Mitteln, welche Folgen für François der Wahlsieg der islamischen Partei hat. Nachdem er zunächst seinen Job an der Hochschule verliert und daraufhin vergeblich innere Einkehr in einem katholischen Kloster sucht, erhält er überraschend eine Ein­ladung des neuen Universitätspräsidenten Robert Rediger (Matthias Brandt). Der bietet ihm eine neue, sogar besser bezahlte Stelle an, unter einer Voraussetzung: François muss zum Islam konvertieren – dessen angebliche Vorzüge für die Männerwelt der Hochschulpräsident mit blumigen Worten schönredet.

Wie das Buch endet auch dessen Verfilmung damit, dass François sich die islamischen Vorteile von Patriarchat, Scharia und Polygamie lebhaft ausmalt. Im Unterschied zum Roman wird im Film aber nicht mit wünschenswerter Klarheit deutlich, warum die satirisch zugespitzte „Unterwerfung“ unter die Religion des Islams für einen einsamen, bindungslosen Junggesellen wie François wie gerufen kommt. Das Buch zeichnet das karikaturhafte Psychogramm eines über sich selbst lamentierenden Intellektuellen, der Frauen auf ihren sexuellen Gebrauchswert reduziert, und dem es egal ist, dass seine jüdische Freundin aufgrund des muslimischen Antisemitismus nach Israel auswandern muss. Solange die Muslime ihm den Rully und den Meursault nicht verbieten, wird er bedenkenlos konvertieren.

Der Film vermittelt jedoch nicht, was ein Rully oder ein Meursault für einen Franzosen bedeuten. So wird auch nicht ganz klar, dass Franzosen wie François in einer materiellen Komfortzone leben, in der das französische Savoir Vivre übergangslos mit einer Form von Exzess verschmilzt. Einem Exzess, der durch die widerstandslos hingenommene Islamisierung gewissermaßen zu sich selbst kommt. Die Subversion des Buches besteht folglich darin, dass Frankreich gerade nicht zum Kalifat im Sinne eines islamischen Staates wird, sondern seine freiheitlich-liberalen Werte einem vermeintlich aufgeklärten Islam opfert, der die Vielehe auch mit 15-Jährigen ermöglicht.

In der Rolle eines Opportunisten, der aus dieser frauenfeindlichen Entwicklung seinen Vorteil zieht, leistet Edgar Selge darstellerische Schwerstarbeit, doch genau das wird bald zum Problem. Aufgrund seiner Wort- bzw. Dialoglastigkeit hat der Film fast nur eine einzige Tonart. Neben dem satirischen Diskurs, den Selge bei seinem viel zu lange geratenen Bühnenauftritt beinahe wie ein Boulevardschauspieler deklamiert, vermisst man unaufgeregte Szenen. Die Veränderung des Pariser Straßenbildes, das im Buch bald von Verschleierten dominiert wird, wird im Film nur sehr zurückhaltend bebildert, der Film wirkt zuweilen recht hölzern.

Zwar hält Titus Selge sich relativ genau an die Vorlage und wird dem Roman in gewisser Weise auch gerecht. Dennoch vermisst man in seinem Film eine klare visuelle Handschrift, die das Thema auf eine weniger wortlastige Weise umgesetzt hätte. In der Schlüsselszene beispielsweise erklärt der Universitätspräsident François das Wesen des Islams als eine auf die Politik ausgeweitete Version jener Frauenunterwerfung, die im Roman „Geschichte der O“ erzählt wird, einem Klassiker des Sadomasochismus. Hätte Titus Selge für diese pointierte Überzeichnung angemessene Bilder gefunden, dann hätte sein Film Funken geschlagen.

So jedoch entsteht, und zwar trotz des streckenweise überzeugenden Hybrids aus Theater und Film, der Eindruck einer gefälligen Adaption. Verstärkt wird diese Empfindung durch die Hinzufügung einer Rahmenhandlung, die es im Buch nicht gibt. Während in Hamburg die G20-Randale tobt, die der Film einzubinden versucht, das aber nicht überzeugend, wird Edgar Selge auf dem Weg ins Theater von (vermeintlichen) arabischen „Antänzern“ die Brieftasche aus dem Jackett geklaut, wie er zunächst meint. Am Ende findet er die Geldbörse in seiner Umhängetasche jedoch wieder und bemerkt, dass er die Jungs aufgrund von Vorurteilen, die der Film widerlegen will, fälschlich verdächtigt hat. Indem der Film (Produktion: NFP) unter anderem mit einer hinzugedichteten Rahmenhandlung ein, so Edgar Selge im Interview, „unmissverständliches Signal seiner politischen Ausrichtung“ sendet, mildert er die die Islamkritik der Buchvorlage mit einer versöhnlichen Botschaft ab. So verkehrt die Adaption die Intention des Buchs zumindest teilweise ins Gegenteil.

Direkt im Anschluss an die Ausstrahlung des Films folgte eine Diskussion in der Talkshow „Maischberger“ (21.45 bis 22.45 Uhr) zum Thema Islam. Der Film war noch nicht ganz zu Ende, da redete Sandra Maischberger aufdringlich in den Abspann hinein. Der pädagogische Gestus der folgenden Diskussion erinnerte dann an die „Parental-Guidance“-Regelung der FSK, gemäß der Kinder Filme, die für sie vermeintlich nicht geeignet sind, nur in Begleitung ihrer Eltern – in diesem Fall von Sandra Maischberger – sehen dürfen.

Der Titel zu der Gesprächsrunde lautete: „Die Islamdebatte – Wo endet die Toleranz?“ Dabei verhielt sich der dem türkischen Regierungsautokraten Erdogan nahestehende Haluk Yildiz, Gründer der kleinen Migrantenpartei ‘Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit’, nicht gerade tolerant: Er warf in der Diskussion der Islamkritikerin Necla Kelek vor, sie betreibe „Lügenpropaganda“, und der stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner warf er vor, sie stehe mit ihren Ansichten „nicht auf dem Boden des Grundgesetzes“. Während angesichts solcher Äußerungen zwei in die Talkshow eingeladene Journalisten, ein rechter und eine linke, eher blass blieben, vermittelte die Diskussion keine neuen Impulse. Die ARD verkaufte diese Kombination von Film und Talkshow mal wieder als „Themenabend“. Die Talkshow war allerdings in diesem Fall völlig entbehrlich und unterwanderte zudem die künstlerische Eigenständigkeit des Films.

20.06.2018 – Manfred Riepe/MK
Zynisch reflektierende Hauptfigur: Durch seine theaterspezifische Konzentration auf das gesprochene Wort bewahrt der Film die zentrale stilistische Eigenheit des Romans
Szene aus dem Film: Der Sender FT6 zeigt das Ergebnis der französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 (zum Vergrößern aufs Bild klicken) Fotos: Screenshots