Stefan Dähnert/Marianne Wendt/Uwe Janson: Zwischen Himmel und Hölle (ZDF) / Friedrich Klütsch/Christian Twente: Das Luther-Tribunal – Zehn Tage im April (ZDF)

Überzeugungstäter

06.11.2017 •

06.11.2017 • Das „Luther-Jahr“, das Gedenkjahr zum Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren, geht zu Ende. Das ZDF setzte für seinen Bereich eine Art Schlussakkord mit zwei Produktionen zum „Reformationsjubiläum“. Eine gewisse Übersättigung des Publikums ist bei der Thematik nicht auszuschließen, gab es doch in allen öffentlich-rechtlichen Programmen in den letzten zwölf Monaten sehr viele Beiträge zu Luthers Anliegen und Persönlichkeit. Die über zehn Jahre dauernde Vorbereitung des Luther-Jahres durch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) tat ein Übriges. Luther satt also, keine Frage.

Die beiden ZDF-Produktionen am 30. und 31. Oktober schafften erneut eine Schwerpunktbildung, sind doch die Persönlichkeit Luthers, sein Werk und seine Wirkung so vielfältig, dass es bei allem Bemühen um umfassende Darstellung immer nur um Annäherungen gehen kann. Mut zur Lücke ist daher ebenfalls angesagt. Und wurde von den zuständigen Autorenteams und Redaktionen auch selbstbewusst so umgesetzt.

Stefan Dähnert, Marianne Wendt (zusammen Buch) und Uwe Janson (Regie) behandelten in ihrem mit 165 Minuten reichlich überlangen Film „Zwischen Himmel und Hölle“ die Zeitphase vom Thesenanschlag im Oktober 1517 bis zur Niederlage der reformierten Bauernheere in Frankenhausen im Mai 1525. Dabei schränkten sie die Zahl der handelnden Personen in Abweichung von der überlieferten und belegbaren Historie deutlich ein. Auch legten sie den Schwerpunkt auf die Entwicklung der beiden Protagonisten Martin Luther und Thomas Müntzer und deren jeweiliges Umfeld.

Deutlich wurde – und das ist dann der Vorteil der zur Verfügung stehenden 165 Minuten – wie sehr sich Luther und Müntzer als Persönlichkeiten entwickeln und mit ihnen ihre jeweilige Theologie und ihre Auslegung der Bibel. Wird Luther nach anfänglichem Rigorismus immer differenzierter und ‘weicher’, so radikalisiert sich Müntzer immer mehr und führt die (protestantischen) Bauern in eine aussichtslose Auseinandersetzung mit den (katholischen) Fürsten.

Während Müntzer geradezu fundamentalistisch die Bibel auslegt und sich für die ausgebeuteten Bauern einsetzt – das mag seine hohe Verehrung in der späteren DDR erklären –, wird Luther zunehmend von Skrupeln befallen, ringt um Feinheiten der Sprache und versucht zwischen seinen theologischen Ansprüchen und den Erwartungen der Fürsten, die ihn schützen, zu lavieren. Gelegentlich hört er sich in seinen Ausflüchten gegenüber Müntzer an wie ein moderner Politiker – arrogant, eigensüchtig, maßlos. Dennoch bleiben beide Reformatoren Überzeugungstäter, immer noch aus der gleichen Quelle, der Bibel, schöpfend, freilich mit sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Der Dramaturgie dieses Films geschuldet waren Zuspitzungen, die sich aus der Geschichte nicht unbedingt belegen lassen. So etwa die Disziplinierung der aufsässigen Nonne Katharina von Bora in einem außen an der Klostermauer aufgehängten Käfig, bekannt erst später aus der Auseinandersetzung mit den Wiedertäufern in Münster. Oder der Tod des Ablassverkäufers durch die Mistgabel eines Bauern; tatsächlich starb Johannes Tetzel, in den Credits unter dem Namen Hartmann geführt, an Krankheit. Auf der Wartburg rang Luther um die Übersetzung eines Psalms, wo er doch dort das Neue Testament übersetzte und die Psalmen im Alten zu finden sind. Auch die Abläufe beim Reichstag zu Worms 1521 waren wohl anders, als hier gezeigt. Dann die Anmutung eines Bach-Chorals als Hintergrundmusik. Sicher, es sind entschuldbare historische Ungenauigkeiten, weil es sich hier nicht um eine Dokumentation handelte, sondern um einen Spielfilm.

Fraglich auch, ob beispielsweise die Züchtigung im Nonnenkloster oder die späteren Folterszenen so ausgespielt gehörten. Die Primetime macht es vielleicht notwendig, dass solche ‘Reizszenen’ publikumsfesselnd eingesetzt werden. In der Schlussphase erfährt der Film dann auch einen stilistischen Bruch, indem er nach dem Gemetzel von Frankenhausen einzelne Opfer im Porträt als Standbild herausgreift und ihre Verwundungen aus dem Off aufzählt.

Entstanden ist so ein in weiten Teilen sehr dialoglastiger Film in eindrucksvollen Kulissen mit durchweg überzeugenden Darstellern, allen voran Maximilian Brückner als Martin Luther und Jan Krauter als Thomas Müntzer. Grandios teuflisch agiert in der Tetzel-Rolle des Hartmann Armin Rohde, der aus jedem seiner Auftritte als Ablassverkäufer, Folterer und Einflüsterer von Erzbischof Albrecht (Joachim Król) ein Ereignis macht. Die Frauenfiguren fallen dagegen etwas ab, Katharina von Bora (Frida-Lovisa Hamann) bleibt als Figur dieses Films eher blass gegenüber Müntzers Frau Ottilie (Aylin Tezel).

Weitere Ensemble-Mitglieder in „Zwischen Himmel und Hölle“ (3,27 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,3 Prozent) waren Johannes Klaußner als Andreas Bodenstein, Rüdiger Vogler als sächsischer Kurfürst Friedrich der Weise, Fabian Hinrichs als dessen Sekretär Georg Spalatin und, kaum wieder zu erkennen, Christoph Maria Herbst als Lucas Cranach, der als Drucker für die Verbreitung von Luthers Schriften sorgte; Anna Schudt spielte Cranachs Frau Barbara. Schließlich wirkten Peter Lerchbaumer als Jakob Fugger und Johanna Gastdorf als strenge Äbtissin mit.

Fiktion das eine, eher eine Geschichtsstunde das andere: Ging es in „Zwischen Himmel und Hölle“ um Emotion bis hin zur Schlussszene, als Martin Luther mit Katharina von Bora ein Kirchlein betritt, in dem die Gemeinde (knapp am Kitsch vorbei) das Luther-Lied „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ singt, so ging es einen Tag später im Film „Das Luther-Tribunal – Zehn Tage im April“ darum, den gut dokumentierten Reichstag zu Worms publikumsgerecht auszubreiten und dessen Bedeutung für die Entwicklung der Reformation darzustellen.

Es ist wohl müßig, darüber zu streiten, ob die Reformation mit dem Thesenanschlag 1517 begonnen hat oder vielleicht doch 1521 mit dem Reichstag zu Worms das wichtigere Jahr ist. Tatsächlich wollte Luther mittels seiner Thesen eine akademische Diskussion auslösen, einen Dialog mit anderen Theologen führen und eine Reform der Kirche anstoßen. Möglicherweise war das naiv und der Reformator konnte nicht ahnen, dass er mit seinen Thesen, zusätzlich unterstützt durch die Verbreitung seiner Schriften in deutscher Sprache, ins politische Ränkespiel der deutschen Fürsten wie auch in die Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser geriet. Insofern ist für die weiteren Entwicklungen der Reichstag zu Worms möglicherweise das wichtigere Datum.

Friedrich Klütsch (Buch) und Christian Twente (Regie) wählten für ihr Doku-Drama geschickt die titelgebenden zehn Tage im April aus, um das Geschehen rund um dieses Treffen von Kaiser, Fürsten und Reichsständen aufzufächern. Wobei der Auftritt von Martin Luther (hier dargestellt von Roman Knižka) im Mittelpunkt stand. Der Film macht deutlich, mit welchen diplomatischen Finessen verhandelt wurde, welche Intrigen gesponnen wurden und wie am Ende die Anhänger Luthers unter den Fürsten – an ihrer Spitze Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen (Bernd Stegemann) – Luthers Attacken gegen den Papst in Rom für sich zu nutzen wussten, weil sie mit Luthers Hilfe der „römischen Tyrannei gegen die deutschen Fürsten“ entkommen wollten.

Luther wird angesichts der hohen Herren, denen er als einfacher Mönch gegenübertritt, in einer gewissen Unsicherheit gezeigt, andererseits aber auch als der Überzeugungstäter, der sich seiner theologischen Erkenntnisse sicher ist. Sein Gegenspieler im Hintergrund, der päpstliche Nuntius Hieronymus Aleander (Alexander Beyer), war auf seine Art ebenfalls ein Überzeugungstäter, der keinen diplomatischen Trick ausließ, um Luther als Ketzer zu verurteilen, um ihn dem Scheiterhaufen zu übergeben. Dazwischen der junge Kaiser Karl V. (Mateusz Dopieralski), der sich eigentlich um den Feldzug gegen die Osmanen in Ungarn und die Aufständischen in Portugal kümmern will und den „das Mönchlein“ Martin Luther in seinem Regierungshandeln nur stört.

Das entscheidende Scharnier zwischen den Kontrahenten bildete Kurfürst Friedrich, der seine schützende Hand über Luther hielt, ohne ihn je persönlich gesprochen zu haben. Dem Kurfürst ging es um das Ansehen seiner Universität in Wittenberg und deren Jungstar Luther. Mit dem Kaiser handelte Friedrich aus, dass die später verhängte Reichsacht, die Luther und seine Anhänger jeglicher Rechte enthob, in Sachsen schlicht nicht zugestellt wurde und deshalb dort auch nicht in Kraft treten konnte – Diplomatie in Reinkultur, der weitere Verlauf gab Kurfürst Friedrich recht.

Das 90-minütige Doku-Drama ist klar strukturiert, Spielszenen überwiegen. Zuweilen werden die Bilder eingefroren, Erläuterungen kommen aus dem Off. Zudem gibt es Statements von der Theologin Elisabeth Gräb-Schmidt, der Historikerin Claudia Garnier und dem Luther-Biografen Heinz Schilling, die das zuvor Gesehene einordnen. Die Spielszenen sind kurz hintereinander geschnitten und sorgen für Tempo. Fragwürdig ist hier aus physiognomischen Gründen die Besetzung der Titelrolle. Nach allem, was wir wissen, war Luther eher korpulent und gesundheitlich angeschlagen, er litt vor allem unter Magen- und Darmproblemen. Diese Rolle dann mit einem superschlanken Schauspieler zu besetzen, mag angehen, verlässt aber die sonst bemühte Anlehnung an die überlieferte Historie. Und wie einen roten Faden Luthers quälende Aufenthalte auf dem Abort zu zeigen, ist ebenso fragwürdig wie überflüssig.

Sichtbar wird in dem Film (2,64 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,3 Prozent), wie ein einfacher Mönch und Gelehrter, der die römische Amtskirche verurteilte, seine Anhänger dadurch gewann, dass keine Macht der Welt zwischen Gott und dem Menschen steht. Luther wetterte gegen klerikale Anmaßung und erklärte die Heilige Schrift zum alleinigen Maßstab für das Handeln nach dem Gewissen. Damit legte er gleichsam die Axt an die bestehende Ordnung und forderte die Herrschenden heraus. Von der Kirche bereits mit der Exkommunikation bestraft, sollte er nun in Worms seine Lehren widerrufen.

Was sich in Worms im April 1521 ereignete, zählt zu den Schlüsselmomenten deutscher Geschichte. „Das Luther-Tribunal“ – der Film wurde am 31. Oktober und damit am Reformationstag ausgestrahlt, der in diesem Jahr wegen des 500er-Jubiläums bundesweit ein Feiertag war – führte eindringlich vor Augen, dass es in Worms weniger um Schuld und Sühne, Glaube und Rechtfertigung ging, sondern um Machtfragen. Und den gegen Luther eingestellten Personen war jedes Mittel recht, ihren jeweiligen Anspruch durchzusetzen. Am Ende hat Martin Luther einfach nur Glück gehabt, so der Film, weil sich Kurfürst Friedrich und Kaiser Karl auf einen Kompromiss einigten, der beiden das Gesicht wahren half.

Die zwei Produktionen waren insgesamt ein überzeugender Abschluss der vielfältigen ZDF-Aktivitäten zum Reformationsjubiläum. Der eine Beitrag im Fiktiven angesiedelt, der andere stärker an den Fakten orientiert. Wenn man so will, ergänzten sich beide sinnvoll, vermieden inhaltliche Überschneidungen und konnten dem aufmerksamen Zuschauer Zusammenhänge aufzeigen, Informationen vermitteln und zu eigenen, vertiefenden Nachforschungen anregen.

Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem ist in den vergangenen Wochen wieder einmal heftig kritisiert worden. Manche Kritik mag ihre Berechtigung haben. Bedauerlich nur, dass in solchen Debatten dann Produktionen wie diese beiden substanziellen Filme einfach übersehen werden. Was das ZDF und auch die ARD zum Luther-Jahr ihren Zuschauern präsentiert haben, das ist aller Ehren wert.

06.11.2017 – Martin Thull/MK