Florian Kröppel/Thomas Furch: Strafsache Luther – Wie Rom die Reformation verhindern wollte (Arte)

Der Reformator mit Notebook im IC

12.06.2015 •

Persönlichkeit und Wirken Martin Luthers haben bekanntermaßen viele Facetten: Er war nicht nur Theologe, sondern auch Komponist und Liedtexter, Bestsellerautor und brillanter Übersetzer, Sprachschöpfer, Polemiker und Politiker, wobei er Letzteres sicher nicht beabsichtigt hatte. Dennoch beeinflusste er die Politik von Kaiser und Papst im 16. Jahrhundert, weil seine Thesen instrumentalisiert wurden. Im Vorfeld des großen Gedenkens an den Thesenanschlag von 1517 in Wittenberg, der sich am 31. Oktober 2017 zum 500. Mal jährt, wird dem Publikum in den nächsten zwei Jahren mit Sicherheit noch ein großes Kaleidoskop von Erkenntnissen und Darstellungsformen präsentiert werden; die Arte-Dokumentation von Thomas Furch (Regie) und Florian Kröppel (Buch) ist eine davon.

Das Besondere hier: Die beiden Filmemacher versuchen, das Geschehen der Jahre 1517 bis 1521 (als vom Thesenanschlag bis zum Reichstag zu Worms) in die Gegenwart zu transportieren. Luther, dargestellt von Alexander Beyer, fährt also etwa mit dem IC von Wittenberg nach Augsburg und formuliert auf dem Laptop seinen Abschiedsbrief in dem Bewusstsein, dass er zu Tode kommen könnte. Ablassverkäufer Johann Tetzel kontrolliert in einem kühlen lichtdurchflutenden Büro die Abrechnungen seiner Angestellten in Ordenskleidung. Und der vatikanische Emissär Kardinal Cajetan fährt in einer Limousine mit Vatikan-Standarte vor. Der Erkenntnisgewinn solcher ‘Spielereien’ tendierte freilich nahe Null, aber immerhin waren sie eine nicht störende Unterbrechung der zahlreichen Expertenstatements.

In der Summe sind es in dem Film nämlich die Fachleute, die für eine nachvollziehbare Einschätzung der damaligen Ereignisse sorgen. Ob die evangelische Theologin Petra Bahr, der evangelische Kirchenhistoriker Volker Leppin oder sein katholischer Kollege Rolf Decor, die Psychologin Karin Busch-Frankl oder der Kommunikationsexperte Kai van Hoff – alle ordnen das Geschehen aus ihrer Sicht ein, interpretieren Luthers jeweilige Situation und seine Reaktionen darauf und lassen so auch den Uninformierten ein Gefühl für die Dramatik dieser Jahre gewinnen.

Durch die Presseankündigung von Arte auf den Film neugierig geworden, wartet der Betrachter gespannt auf den in der Mitteilung in Aussicht gestellten „exklusiven Zugang zu den vatikanischen Archiven“. Tatsächlich zeigt die Archivarin Christine Grafinger Folianten und Regale voller Dokumente. Und sie öffnete auch das Original der päpstlichen Bannandrohungsbulle „Exurge Dominum“. Indes, neue Erkenntnisse? Eher schwach. Wie auch die Reenactments nicht unbedingt zum Erkenntnisgewinn beitragen. Auch wenn es hier durchaus mal pfiffige Einfälle gibt wie etwa einen fiktiven TV-Spot im Stil der Teleshoppingkanäle, der zum Erwerb von Ablassbriefen auffordert. Oder ein Plakat zur „Leipziger Disputation“ zwischen Johannes Eck und dem Luther zunächst vertretenden Andreas Karlstadt im Stil einer Ankündigung für einen Boxkampfes. Als solcher wird dann auch diese Auseinandersetzung inszeniert. Am ehesten gelungen sind noch die TV-Nachrichten und Fernsehkorrespondentenberichte, die die Ereignisse zusammenfassen. Aber ein „völlig neues Licht auf die Fakten“? Das war dann doch eine etwas vollmundige Ankündigung des Senders.

Deutlich wurde, dass Luther auch viel Glück gehabt hat, dass der Tod eines Kaisers oder andere politische Entwicklungen dem Reformator immer wieder Zeitgewinn brachten und ihm dies praktisch das Leben gerettet hat. Dass ihm Flugschriften als das neue Medium halfen, seine Botschaft zu verbreiten, und er damit an einem Wendepunkt der Geschichte Einfluss ausüben konnte, ist so neu nicht. Und dass er einigen Fürsten, zuvorderst Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen, in deren Kalkül bei der Auseinandersetzung mit Papst und Kaiser gleichermaßen passte, dürfte allgemein bekannt sein.

Hätte Rom die Reformation wirklich verhindert wollen, wie es der Untertitel des Films besagt, hätte man sich seitens der Kurie und ihrer Zuträger aus dem Dominikanerorden flexibler verhalten können. Immerhin wäre Kardinal Cajetan mit dem Widerruf von zweien der insgesamt 95 Thesen einverstanden gewesen. Umgekehrt war Luther so sehr von seiner Mission überzeugt, dass er selbst dabei nicht einlenken wollte. Er wollte die akademische Disputation, keine Verhandlung über seinen Standpunkt.

Immerhin, wenn zum Ende des 50-minütigen Doku-Dramas (Produktion: Makido Film/Matthias Film) der katholische Theologe Rolf Decot Luther auf eine Stufe stellt mit den Kirchenlehrern Augustinus, Thomas von Aquin und Bonaventura, dann ist dies das eigentlich Neue. Der Reformator gelte als einer der großen Theologen, den man nicht einer Konfession überlassen dürfe, „sondern“, so Decot, „von Luther leben wir alle“. Dennoch: Nach wie vor gilt der katholische Kirchenbann, nach wie vor hat die evangelische Kirche Luthers Kritik am damaligen Papst als „Antichrist“ oder seine aus heutiger Sicht schändlichen späten Äußerungen zu den Juden nicht als zeitbedingt zurückgenommen. Es gibt noch ein paar Baustellen zwischen den Konfessionen. Stoff für weitere TV-Beiträge.

12.06.2015 – Martin Thull/MK

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