Laura Karasek – Zart am Limit. 6‑teilige Talkshow (ZDFneo)

Alkohol-Shot oder Wurstwasser

20.08.2019 •

„Zart am Limit“ – wer hat sich bloß diesen verschwurbelt-blödsinnigen Sendetitel für eine Talkshow ausgedacht? Will sie sich in ihren Möglichkeiten etwa selbst limitieren? Und was soll es bedeuten, wenn die Moderatorin jede Sendung mit der Aufforderung beschließt, „bleiben Sie immer ein bisschen zart und immer ein bisschen am Limit“? Zart, so viel steht jedenfalls fest nach einem halben Dutzend Ausgaben, sind allenfalls Laura Karaseks Stiletto-Absätze. Auf ihnen, ob grell pink oder funkelnd golden, gab die Blonde mit den hohen Schuhen ihr Debüt als Talkshow-Moderatorin.

Als Jan Böhmermanns Urlaubsvertretung, also auf dem Sendeplatz von dessen „Neo Magazin Royale“, wollte Laura Karasek am späten Donnerstagabend bei ZDFneo die Chance für den Einstieg in eine Fernsehkarriere nutzen. Reichlich Aufmerksamkeit war ihr in der Presse noch vor der ersten Talkminute gewiss. Wirtschaftsanwältin, Schriftstellerin, „Stern“-Kolumnistin und Zwillingsmutter sei sie, wurde hochachtungsvoll angemerkt, und ja, natürlich auch das: dass sie die Tochter des berühmten, 2015 verstorbenen Professors Hellmuth Karasek sei, seinerzeit Literaturpapst in zweiter Reihe, als Marcel Reich-Ranicki noch wortmächtig das „Literarische Quartett“ im ZDF anführte.

Gegen das an sich diminuierende Attribut „Tochter von“ hat sie nach eigener Interviewaussage nichts einzuwenden: Ihr Vater sei schließlich ein kluger Mann gewesen und „kein Vollidiot“. Nicht zuletzt im Vox-Format „7 Töchter“, dessen drei Folgen, PR-technisch günstig, im ungefähr gleichen Zeitraum ausgestrahlt wurden wie „Zart am Limit“ (zwischen dem 9. und 23. Juli), machte sie selbst diesen Familienumstand zum zentralen Sendungsthema: Als eine von sieben Frauen sprach die Karasek-Tochter von der Bürde, einen berühmten Mann zum Vater zu haben.

Von der Vorstellung Hellmuth Karasek und (Hoch-)Literatur im Kopf muss man sich nun, was die Talkshow angeht, sehr weit lösen, zumal sich die Moderatorin ja selbst „irgendwo zwischen Rilke und Rambo“ verortet. Diskutiert werden sollen in ihrer eigenen Sendung, so war es in der ZDF-Ankündigung zu lesen, „aktuelle gesellschaftliche, (pop)kulturelle, boulevardeske und netzaffine Themen“, die die Um-die-30-Jährigen in der „‘Rushhour’ des Lebens“ bewegen. Ein potenziell breites Spektrum also, theoretisch. Praktisch redet Laura Karasek, selbst 37, mit ihren je drei Gästen hauptsächlich und offenbar am liebsten nur über die eine Sache: Sexualität in all ihren denkbaren Varianten. Die Titel der einzelnen Folgen wie zum Beispiel „Social Media, Scham & Tabus bzw. SEX“ (Ausgabe 2) sprechen da eine eindeutige Sprache.

Es ist ja auch ein dankbares und selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar nicht mehr unanständiges Thema, an das die Gastgeberin mit beneidenswert direkter und seriöser Neugier herangeht. Ohne einen Hauch von Schamesröte auf ihren Wangen fragt sie zum Beispiel einmal die Autorin eines Sex-Podcasts: „Hast du dein Wissen ervögelt oder erforscht?“ Ein andermal will sie von ihren Gästen wissen: „Wo fängt für euch Fremdgehen an?“ Und für eine Straßenumfrage – eines von vielen auflockernden Elementen in dieser Talkshow – stürzt sie sich ins Frankfurter Nachtleben, um in einem „Porno-Bus“ bei Passanten nachzuhaken mit der Frage: „Wie schmeckt Sperma?“

Das Ambiente für Karaseks „Versextes Quartett“ könnte nicht passender sein. Aufgezeichnet wird an lauen Sommerabenden in Frankfurts In-Bar „Le Panther“ vor Live-Publikum. Das dortige Interieur aus Samt und Messing, in puffiges Lila getaucht, färbt ab und der Alkohol, der hier im Fall der Moderatorin in Form von Weißwein auf Eis gereicht wird, tut für die heiter-beschwipste Abendstimmung sein Übriges.

Dass sich Laura Karasek an den Rat ihres Coachs Ulla Kock am Brink, sie solle nicht zu viel trinken, im Prinzip nicht hält, rächte sich eigentlich nur zweimal. Das erste Mal, als sie im Gespräch mit dem bloggenden It-Boy Riccardo Simonetti unvermittelt aufspringt, mit ihm den Tresen erklimmt und den Britney-Spears-Hit „Baby One More Time“ schmettert (Spaß daran hatten nur sie beide, Schwamm drüber). Und beim zweiten Mal konnte sich der Fotograf Simon Lohmeyer, der Nackte fotografiert und dabei oft selbst nackt ist, Karaseks Bitten und Drängen („Hast du vor, die ganze Sendung angezogen zu bleiben?!“) gegen Ende der Sendung nicht länger erwehren: Die Hose fiel. Das Niveau auch irgendwie.

An der „Zart-am-Limit“-Gästeauswahl ist sonst wirklich nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Mal mehr, mal gar nicht prominent, kommen sie in die Show, auch ohne ein Buch, eine CD, einen Film oder sonstwas zu verkaufen. Sie erzählen einfach nur eine sehr gute und im Fernsehen noch kaum, wenn überhaupt gehörte Geschichte. So war in der fünften Show Stefan Eiben zu Gast, der eine Alibi-Agentur betreibt und es damit auch Hausfrauen ermöglicht, außerhäusig ihrem Trieb nachzugehen. Bis in beinahe intellektuell fordernde Tiefe war in der vierten Folge sogar das Gespräch mit dem Psychologen und Philosophen Leon Windscheid vorgedrungen: In „Zart am Limit“ berichtete er vom Umgang mit dem Millionengewinn, den er einst in Günther Jauchs RTL-Quiz erspielt hatte. Leider, und das ist das Konzept der Show, bricht Laura Karasek immer dann, wenn es spannend wird, den Erzählfluss ab – um zu spielen.

Spiele haben die anderen Talkshows auf dem Markt nicht. Jedenfalls nicht solche wie in „Zart am Limit“. Spiele seien ihr wichtig, hatte die Talkshow-Debütantin gesagt, weil sie finde, „dass man dabei einen Menschen von einer anderen Seite erlebt“. Nun ja, in erster Linie erlebt man, wie phänomenal fleißig die Redaktion von „Zart am Limit“ (Produktion: SEO Entertainment) die Sendungen vorbereitet. Hunderte von Frauen- und Männerzeitschriften werden durchpflügt, damit die Gastgeberin mit den daraus zitierten Statistiken ihre Gäste im Quiz testen kann: „Was glaubt ihr, wie viele Sexpartner hat der Durchschnitt in Deutschland?“ Sowas halt. Das ist nicht nach jedermanns Geschmack. Jurassica Parka zum Beispiel, einer zwei Meter langen Dragqueen, die auf den lila Plüschsesselchen nicht wusste, wohin mit den Beinen, fuhr der Gastgeberin in die Parade: „Ganz schön prollig ist das hier.“

Bleibt in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, dass jede Ausgabe von „Zart am Limit“ an der Bar endet. Dort sind Gläschen aufgereiht fürs finale Trinkspiel, gefüllt mit alkoholischen Shots oder Wurstwasser. Die Gäste haben keine Wahl. Hören nach fast 45 Minuten Sendezeit eher gequält zu, wie Laura Karasek Kärtchen für Kärtchen vorbereitete Quizfragen abarbeitet, bei denen man etwa erraten soll, wie viele Männer schon mal ihren Namen in den Schnee gepinkelt haben. Prost und bäh. Irgendwo dazwischen bewegt sich „Zart am Limit“. Bis sie die kneipenverschwitzte Nonchalance einer in der ARD singenden und trinkenden Ina Müller erreicht, die sich Laura Karasek nach eigener Aussage zum Vorbild genommen hat, müssen noch ein paar Schnäpse und Sendungen ins Land gehen.

20.08.2019 – Senta Krasser/MK