No More Boys and Girls. 2‑teiliges Social-Factual-Format mit Collien Ulmen-Fernandes (ZDFneo)

Über soziale Konditionierung

04.12.2018 •

04.12.2018 • „Die meisten Männer sind halt Autoreparierer“, sagt ein Junge. Ein anderer ergänzt, dass „Frauen für Kochen und Putzen eher geeignet“ seien. Und eine Mitschülerin der beiden erzählt, dass ihr Vater noch nicht einmal Betten beziehen könne. Diese Siebenjährigen haben ziemlich klare Vorstellungen von den tradierten Rollen, die die Gesellschaft bis in die heutige Zeit Männern und Frauen zuschreibt. Und man muss wohl davon ausgehen, dass die Kölner Grundschüler mit ihren altmodischen Denkmustern den deutschen Mainstream verkörpern.

Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes hat für ein sogenanntes Social-Factual-Format von ZDFneo ein einwöchiges Experiment mit den Zweitklässlern durchgeführt. Bei diesem doch recht unschön-neudeutsch benannten Format stehen laut ZDFneo „anders als bei der klassischen Reportage oder Dokumentation wissenschaftlich begleitete Sozialexperimente im Zentrum“.

Der Anspruch bei „No More Boys and Girls“, dieser deutschen Adaption der gleichnamigen BBC-Sendung von 2017, war es, feste Zuschreibungen hinter sich zu lassen, also nicht länger nach Jungen oder Mädchen erzieherisch zu klassifizieren, sondern sie einfach als Kinder zu nehmen. Nach einer ersten, ernüchternden Bestandsaufnahme der gängigen Vorstellungen in den Kinderköpfen – Mädchen sind hübsch und lieb, Jungs stark und schlau –, macht sich Moderatorin Ulmen-Fernandes daran, über diverse Stellschrauben den starken sozialen Einfluss zurückzudrängen und „Aha“-Momente zu schaffen: Weg kommen weite Fußballtrikots und taillierte Schmetterlings-T-Shirts und stattdessen tragen Valentina, Liam, Anna, Timmi und die anderen Kinder einheitliche weiße T-Shirts und Jeans. Die Jungs bekommen Nähmaschinen, die Mädchen Lego Technic in die Hand gedrückt.

Sodann werden ein Florist, ein Tänzer, eine Pilotin und eine Kfz-Mechatronikerin in den Unterricht eingeladen, um die „typisch“ männlichen und weiblichen Berufsvorstellungen der Kinder durcheinanderzuschütteln und neue Lebensoptionen zu eröffnen. Das ist schon eindrucksvoll, wenn die Mädchen nach den anschaulichen Schilderungen von Pilotin Kirsten plötzlich nicht mehr Stewardessen, sondern Pilotinnen werden wollen. Oder wenn ein Junge nach dem gemeinsamen Blumenkranzbinden mit dem vollbärtigen Ali rührend gesteht: „Mir hat die Schönheit am besten gefallen.“ Interessant ist auch, dass die beim „Hau-den-Lukas“-Wettbewerb ins Hintertreffen geratenen Mädchen bei einem zweiten Versuch ohne die Jungs, nun mit weniger Druck und Anspannung, problemlos aufholen.

Es sind vor allem solche anschaulichen Momente der Erkenntnis, die „No More Boys and Girls“ (Produktion: Bavaria Entertainment) zu einer gelungenen Sendung machten. Sie sollte ursprünglich an zwei verschiedenen Tagen bei ZDFneo zu sehen sein –, zwei Teile à 45 Minuten. Letztendlich strahlte der Sender die beiden Teile nun direkt hintereinander aus. Dabei machte diese Aufteilung natürlich keinen Sinn mehr. Zu sehen war im Grunde eine 90-minütige Sendung. Aber offiziell behielt ZDFneo die sinnwidrige sendeterminliche Zweiteilung bei.

Zurück aber zum Inhalt. Dass Collien Ulmen-Fernandes mit ihrem Format recht ‘barrierefrei’ einsteigt und damit gerade jenen Durchschnittsbürger zu erreichen sucht, für den Geschlechtergerechtigkeit vermutlich bislang kein großes Thema ist, ist absolut sinnvoll. Es liegt damit in der Natur der Sache, dass die präsentierten Fakten für Zuschauer, die sich ein wenig mit Genderthemen befassen, wenig bahnbrechend sind. Die Experten, die sich im Film äußern, liefern aber in jedem Fall eine solide Grundlage zum Thema. Befragt wurden die Genderforscherin Stevie Schmiedel, der Erziehungswissenschaftlerin Petra Focks, der Hirnforscher Gerald Hüther und der Soziologe Sebastian Ruin.

Spannend wird es in der Kölner Grundschule, die in dem Film im Zentrum steht, immer dann, wenn durch veränderte Rahmenbedingungen tatsächlich ein spürbares Umdenken und manchmal sogar auch neues Verhalten bei den Kindern zu bemerken ist. So ist den Mädchen, die es entgegen ihrer eigenen anfänglichen Skepsis geschafft haben, einen Kran zusammenzubauen, das dadurch gewonnene neue Selbstbewusstsein regelrecht anzusehen. Und die Jungs, die ihnen neidisch-beeindruckt dabei zusehen, finden sich ebenfalls in einer neuen Rolle wieder.

Als Botschafterin für mehr Vielfalt und weniger Klischee ist die Ex-Viva-Moderatorin Ulmen-Fernandes in „No More Boys and Girls“ eine gute Besetzung, gerade weil sie selbst äußerlich und von ihrem Auftreten her eher dem weiblichen Stereotyp entspricht und damit Berührungsängste abbaut: Die stets gut gelaunte 37-Jährige ist jemand, die mit ihrem sympathischen Auftreten dafür sorgen dürfte, dass auch Menschen bei dem Film dranbleiben, bei denen ansonsten mit dem Ausdruck „Feministin“ noch immer das Zerrbild von der lila Latzhosen tragenden „Männerhasserin“ im Kopf aufploppt. Mit einem durch den Film geschärften Blick für Rollenzuschreibungen fragt man sich dann allerdings am Ende auch, ob ein Mann, der eine Frau interviewt, jemals so viel lächeln und bestätigend nicken würde, wie dies Collien Ulmen-Fernandes etwa in ihrem Gespräch mit dem Soziologen Sebastian Ruin tut.

Aber wie eben auch dieses Sozialexperiment lehrt: Über Jahre und Jahrzehnte eingeübte, vom Umfeld vorgelebte Verhaltensmuster sind nur sehr schwer wieder loszubekommen. „No More Boys and Girls“ war ein ebenso unterhaltsamer wie interessanter Versuch, auf die Problematik aufmerksam zu machen und den Blick auf unsere soziale Konditionierung zu lenken.

04.12.2018 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 10/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren