Gernot Gricksch/Julia Drache/Marc Schlegel/Martina Plura/Joseph Orr: Tanken – Mehr als Super. 12‑teilige Sitcom (ZDFneo)

Bonbonbunte Sketchparade

16.10.2018 • Vor Antritt seiner ersten Nachtschicht als Tankstellenleiter telefoniert Georg Bergstedt (Stefan Haschke) noch schnell via Handy mit Geschäftsführer Dr. Ehrenreich und gibt zu bedenken, dass „sein Potenzial im nächtlichen Umfeld nicht adäquat genutzt wird“. Wegen seiner „überdurchschnittlichen Management-Abilities“ könne er, so empfiehlt Bergstedt sich selbst, dem Unternehmen in der Tagschicht weitaus dienlicher sein. Von Tagschicht aber wurde er gerade gewisser Fehlleistungen wegen verbannt. Eigentlich sollte Bergstedt froh sein, dass er nicht entlassen wurde und stillschweigend seine Arbeit tun. Nicht so Georg Bergstedt. Er will zurück auf den attraktiveren Posten und geht so vehement wie verkniffen in den Wettstreit mit seiner Nachfolgerin, der freundlichen und rundum kompetenten Tagschichtleiterin Jana Leleur (Christina Petersen).

Um sein Ziel zu erreichen, bläut Bergstedt seinen beiden Angestellten Olaf (Daniel Zillmann) und dem Berufsanfänger Daniel (Ludwig Trepte) erst einmal Arbeitsdisziplin ein. In der Nachtschicht herrscht jetzt ein militärisch zackiger Ton. Dann lässt er sich allerhand einfallen, um sich zu profilieren. Seine Tankstelle soll diebstahlsicher werden, eine Sandwich-Bar soll den Umsatz heben und bald soll dann der millionste Kunde ganz groß und mit publizistischer Auswertung gefeiert werden. Nur stehen Bergstedts Ambitionen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seinen intellektuellen Kapazitäten. Er tappt in jedes erdenkliche Fettnäpfchen, lässt kein Missverständnis aus, stolpert in Fußangeln, die er nicht selten selber aufgestellt hat.

Leidtragende und in seltenen Fällen Komplizen sind die beiden Angestellten. Olaf ist ein gemütlicher Heavy-Metal-Fan, der von einer Karriere als Bandmanager träumt und selbst über ein beachtliches Gesangstalent verfügt. Ansonsten schwärmt er für Tagschichtleiterin Jana und wähnt sich mit ihr liiert. Wovon seine Herzensdame anfangs gar nichts weiß. Daniel ist vor einem ungeliebten Medizinstudium, dem zur Karriere drängenden Vater und vor seiner dominanten Verlobten Charlotte (Vita Tepel) in den nächtlichen Job geflohen. Er will vor allem eines: seine Ruhe. Aber die wird ihm nicht gegönnt.

Die ZDFneo-Sitcom „Tanken – Mehr als Super“ (Produktion: Letterbox) ist die deutsche Adaption der bereits 2007 gestarteten isländischen Serie „Næturvaktin“ („Nachtschicht“), die international unter dem Titel „The Night Shift“ vermarktet wurde. Vom Original stammen die Grundkonstellation, die Hauptfiguren und einzelne Szenen wie jene, in der Georg Bergstedt einen widerspenstigen Kunden niederringt, den er für betrunken hält, und ihm die Autoschlüssel abnehmen will. Tatsächlich leidet der Mann an den Folgen eines Schlaganfalls, wie Medizinstudent Daniel auf den ersten Blick erkennt.

Ansonsten ist einmal mehr passiert, was man häufig bei deutschen Adaptionen beobachten kann: Es wurde in auffälligem Maß vergröbert. In „Næturvaktin“ wurden die absurden Situationen schlüssig aus dem Arbeitsalltag entwickelt. Die Charaktere sind, anders als in der ZDFneo-Variante, keine Witzfiguren, sondern tragikomisch angelegt. Da funktioniert sogar der Widerspruch, dass Tankstellenleiter Georg Bjarnfreðarson – das Vorbild für Georg Bergstedt – als überzeugter Kommunist einem kapitalistischen System dient. Auch wenn hier nicht das Genre der Doku-Soap parodiert wird, steht „Næturvaktin“ doch erkennbar in der Tradition der britischen Satire „The Office“, die in Deutschland unter dem Titel „Stromberg“ adaptiert und vom Privatsender Pro Sieben ausgestrahlt wurde.

Der Realismus des Originals und dessen leise Komik sind der deutschen Variante denkbar fern. In „Tanken – Mehr als Super“ (Regie: Marc Schlegel, Martina Plura, Joseph Orr) wird stattdessen die Künstlichkeit des Geschehens demonstrativ herausgestellt, durch eine unnatürliche bonbonbunte Farbgebung und durch die Einteilung in Sequenzen, die meist auf eine Pointe hinauslaufen und durch ein musikalisches Motiv sowie durch eine farblich verfremdete Außenansicht auf die Tankstelle voneinander getrennt werden. Konsekutiv erzählte Handlungsstränge gelten den Beziehungen von Olaf und Daniel zu ihren Herzensdamen. Doch dieses Moment ist – zumindest bis zur sechsten Episode – so schwach ausgebildet, dass die einzelnen Folgen auch in beliebiger Reihenfolge hätten gesichtet werden können.

Selten nur klingt an, was die Serie hätte sein können, wenn sie zum Beispiel Vorurteile untergräbt oder jenes allgegenwärtige Coaching-Kauderwelsch persifliert, das Lösungen verspricht, wo nur unnütze Slogans verkauft werden. Doch der konsequente Schritt zur Satire wurde hier nicht gewagt. Stattdessen zeigt sich die Serie mit ihren 30-minütigen Folgen als grelle, dramaturgisch auf Zuschauer mit geringer Aufmerksamkeitsspanne abgestellte Sketchparade (die Drehbücher stammen von Gernot Gricksch und Julia Drache).

Das isländische Original „Næturvaktin“ verdankte seine Überzeugungskraft wohl auch dem Umstand, dass – wie bei „The Office“ – die Autoren gleichzeitig als Schauspieler respektive Regisseure fungierten. Auf die erfolgreiche Sitcom folgten in Island zwei Fortsetzungsserien aus demselben Erzählkosmos und ein Kinofilm, der am Startwochenende mehr Zuschauer anlockte als James Camerons „Avatar“. Der Komödiant Jón Gnarr, der der Figur des Georg Bjarnfreðarson Gestalt verlieh, wurde mit seiner Spaßpartei „Best Party“ im Jahr übrigens 2010 spektakulär zum Bürgermeister der isländischen Hauptstadt Reykjavík gewählt. Ob diese Promotion mit seiner Serienrolle in Zusammenhang stand, wäre mal eine Untersuchung wert.

16.10.2018 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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