Circus HalliGalli. Unterhaltungsreihe mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf (Pro Sieben)

Spaß mit Kubrick, Hemingway und Lippert

15.03.2013 •

Für die erste Ausgabe ihrer neuen Sendereihe „Circus HalliGalli“ bei Pro Sieben ernteten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf erstaunlich viele Verrisse. Dabei klang so manche Kritikerschelte ein wenig nach enttäuschter Liebe. Die Karrieren der beiden Moderatoren begannen bei den früheren Musiksendern Viva und MTV, die Reihe „MTV Home“ begründete 2009 die Zusammenarbeit von Joko und Klaas. Seit 2011 führen die beiden die eigene Produktionsfirma Florida TV. Dabei handelt es sich um ein Joint Venture mit dem Unternehmen Endemol Deutschland, das mit 51 Prozent beteiligt ist, die beiden Partner aber nicht exklusiv an sich gebunden hat.

Für Pro Sieben moderierte das Duo Joko und Klaas unter anderem die Reihe „Ahnungslos“, die in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung konzipiert worden war. Bei ZDFneo reüssierten sie mit „neoParadise“ (2011 bis 2013) und wurden in dieser Phase sogar als Nachfolger von Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“ ins Spiel gebracht. Das ZDF entschied gegen die Doppelmoderation, die im britischen Moderatorenpaar Ant & Dec ein erfolgreiches Vorbild gehabt hätte. Pro Sieben hingegen hielt Joko und Klaas für samstagabendtauglich und betraute sie mit Shows wie „17 Meter“ (vgl. FK-Heft Nr. 24/11) und „Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt“ (vgl. diese FK-Kritik).

Mit „Circus HalliGalli“ präsentieren Heufer-Umlauf und Winterscheidt nun bei dem Privatsender eine wöchentliche Variety-Show, die sie auch selbst produzieren. Das Sendekonzept ist das gleiche wie das von „neoParadise“, nur größer und teurer: Es handelt sich um eine vor Saalpublikum produzierte Zwei-Mann-Late-Night-Show mit treu beibehaltenen Randfiguren wie Violetta („Show-Praktikantin“), der Moderatorenkollegin und DJane Palina Rojinski und dem Liedermacher und Moderator Olli Schulz als dem Prügelknaben der Sendung.

Die Auftaktausgabe begann – wo hat man das schon? – mit einem Zitat aus Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“: Da werden Joko und Klaas von einem abgefeimten Wissenschaftler die Augenlider mit Klammern aufgesperrt. In Zwangsjacken gefesselt müssen sie Ausschnitte aus dem Pro-Sieben-Programm über sich ergehen lassen: „Taff“, „Germany’s Next Topmodel“, „Beauty & The Nerd“, auch ihre eigene alte Sendung „Ahnungslos“ – all das zieht vor ihren Augen vorüber, bis sie schreien. Nach der Gehirnwäsche meldet Heufer-Umlauf mit ersterbender Stimme: „We love to entertain you.“

In Umkehrung zum Vorbild wurde den beiden also nicht das Böse ausgetrieben, sondern sie wurden für die Arbeit bei Pro Sieben konditioniert, bis ihnen der aktuelle Pro-Sieben-Slogan wie von selbst über die Lippen geht. Ein herber Kontrast zur Optik der zugehörigen Kampagne, die Pro-Sieben-Moderatoren und Werbeträger in der Art von Comic-Superhelden in Szene setzt. Danach war es Zeit für den Vorspann von „Circus HalliGalli“, dessen Gestaltung aktuell auf die Verleihung der Academy Awards in der vorangegangenen Nacht abhob. Als Regisseur wurde der frisch gebackene Oscar-Preisträger Ben Affleck genannt, als „Gag-Autor“ mit Michael Haneke ein anderer Preisträger – und es folgte die Einblendung: „Basierend auf den Memoiren von Daniel Aminati“.

Auftritt Joko und Klaas, Begrüßung des Saalpublikums, der erste Einspieler. Das Duo begibt sich am Rosenmontag 2013 in den Kölner Karneval und stellt sich der Herausforderung, acht Stunden lang alle Fragen mit ja zu beantworten. Natürlich ist das Experiment darauf angelegt, die Protagonisten zu demütigen. Joko, der kein Ketchup mag, muss hinnehmen, dass nicht nur sein Essen, sondern auch sein Unterarm mit der klebrigen roten Soße überzogen wird. Klaas hasst allzu engen Körperkontakt, er muss ein Schild tragen: „Ich bin Klaas Heufer-Umlauf aus dem Fernsehen. Fasst mich an“. Joko wird gezwungen, eine peinliche Mitteilung bei Facebook zu veröffentlichen und bekommt entsprechende Reaktionen. Auf einem der Umzugswagen fährt Stefan Raab vorbei und bewirft die beiden mit Pralinenschachteln, spontan und in den Kommentaren dargestellt als Beispiel dafür, wer hier oben und wer unten in der Unterhaltungsbranche angesiedelt sei. Nachträglich aufgenommene Interviewpassagen im Junkett-Stil begleiten das Geschehen. Der Beitrag wird als Fortsetzungsgeschichte dargeboten, der zweite Teil für die kommende Sendung angekündigt.

Bemerkenswert am weiteren Verlauf dieser Premierenausgabe war, wie Joko und Klaas, beide sind mittlerweile um die 30, ihr Image als (ewig) junge Hoffnungsträger der deutschen Fernsehunterhaltung unterliefen. Sie stellten sich herzlich dumm, was die aktuelle Popmusik angeht, präsentierten den Rap-Star Cro als vielversprechenden Nachwuchsinterpreten und ließen Palina Rojinski eine hochkulturell gefärbte Einführung für den Auftritt des „Sprechsängers“ (vulgo: des Rappers) Sido vortragen. Während der seinen aktuellen Hit darbot, gab es diverse ironisierende Einblendungen, darunter: „Sido. Rapper, Schlepper, Bauernfänger“. Ein Gag, den wohl nur ältere Zuschauer verstanden – „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ war in den 1960er Jahren der Untertitel der ZDF-Servicesendung „Vorsicht, Falle!“, in der Eduard Zimmermann schnalzend vor verbrecherischen Umtrieben warnte.

Auch Olli Schulz’ Einspieler darf nicht unerwähnt bleiben. In seiner Inkarnation als Charles Schulzkowski tobte er durch eine glamouröse Berlinale-Party und benahm sich nach Kräften daneben. Harald Schmidt hat Vergleichbares gemacht, Hape Kerkeling natürlich, und auch Oliver Pocher. Man kennt es und will es eigentlich gar nicht mehr sehen. Doch Olli Schulz betreibt seine Störaktionen rigoros masochistisch, ohne die bekannte Alles-nur-Spaß-Attitüde, vielmehr hemmungslos, aggressiv, wütend. Man verfolgt es mit Grausen und doch auch fasziniert, weil ihm tatsächlich entlarvende Momente gelingen. Als er eine Fotoaktion mit Til Schweiger und dessen aktueller Freundin stört, auf die die anwesenden Paparazzi lange gewartet hatten, erntet Schulz Beschimpfungen und auch Drohungen hart an der Grenze strafrechtlicher Relevanz. Und noch etwas unterscheidet Schulz von seinen Vorgängern: Er umkränzt sein Krawallieren mit literarischen Gedanken, eingeleitet durch dieses Hemingway-Zitat: „Ein intelligenter Mensch ist manchmal gezwungen, sich zu betrinken, um Zeit mit Narren zu verbringen.“

Sehr viel Hochkultur also in „Circus HalliGalli“, außerdem mannigfach Anspielungen auf uralte Filme und Fernsehsendungen. Die Titelmelodie klingt nach Mumford & Sons, war aber 1977 Jerry Reeds Titelsong für den Film „Smokey and the Bandit“; neben Oliver Pocher hatte auch Wolfgang Lippert einen Gastauftritt. Diese besondere Aufmachung der Premierensendung konnte man fast als Rache am ZDF lesen, das Joko und Klaas nicht wollte, zumindest nicht an führender Programmposition. Regelrecht subversiv erscheint das im Pro-Sieben-Zusammenhang, wo ein junges Publikum angesprochen werden soll. Man merkte es den Kritiken einiger jüngerer Beobachter an, dass viele Gags gar nicht verstanden wurden. Ironie funktioniert eben nur – das kennt man nicht zuletzt von der Harald-Schmidt-Rezeption –, wenn Akteur und Publikum über das gleiche Bezugssystem verfügen.

Schwer zu sagen, ob diese Spitzfindigkeiten von vornherein als einmaliges Auftrumpfen gedacht waren oder ob Pro Sieben nach der Erstsendung intervenierte. Die zweite „Circus-HalliGalli“-Ausgabe nämlich fiel deutlich simpler aus. Der Studiogast Bjarne Mädel („Der Tatortreiniger“, „Mord mit Aussicht“) erwies sich zwar auch als etwas sperrig – in der Woche zuvor hatte Helge Schneider das Geschehen dominiert –, spielte aber tapfer mit, selbst als Olli Schulz eine Rangelei mit ihm begann und sich die beiden mit Joko Winterscheidt und dem zweiten Studiogast Anke Engelke auf dem Studioboden wälzten, während Klaas Heufer-Umlauf die Werbepause ankündigte.

Ein paar freche Momente gab es auch in der zweiten Sendung, so als am Schluss des zweiten Teils der „Ja-Sager“ die Hierarchien wiederhergestellt und transparent gemacht wurden, indem Winterscheid und Heufer-Umlauf gegenüber ihren Mitarbeitern, von denen sie zuvor gepeinigt worden waren, in strengem Ton von unsicheren Jobs, dem Arbeitsamt und Rauswürfen sprachen. Es fehlten indes diese sophistischen Kleinigkeiten, die übrigens von vielen Chronisten, die „Circus HalliGalli“ negativ beurteilten, anscheinend gar nicht bemerkt worden waren. Schade, wenn „Circus HalliGalli“ auch weiterhin darauf verzichten sollte, angesichts des Programmumfelds jedoch verständlich. Das ZDF aber hat sich wirklich etwas entgehen lassen. Joko und Klaas als Moderatoren der geplanten zweiteiligen Jubiläumssendung zum 50-jährigen Bestehen des öffentlich-rechtlichen Senders – das hätte ein großer Spaß werden können.

• Text aus Heft Nr. 11/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.03.2013 – Harald Keller/FK

Print-Ausgabe 15/2020

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