Kevin McMahon/Christian Schidlowski: Äquator – Die Linie des Lebens. Themenschwerpunkt mit 12 Dokumentationen (Arte)

Vorbildliche Gemeinschaftsarbeit

23.10.2018 • 14 Länder in Südamerika, Asien, Afrika und Ozeanien durchquert der Äquator. Wie vielfältig das Leben und die Natur in diesen Regionen ist – das zeigt eine außergewöhnliche internationale Koproduktion, die zwischen zwei sogenannten Tagundnachtgleichen entstanden ist. Es seien „die Tage, an denen die Schatten für einen Moment ganz verschwinden und für einen Augenblick alles scharf und genau verortet erscheint. Etwas, wovon wir in unserer unübersichtlich gewordenen Welt träumen“ – so tendenziell philosophisch formuliert es Wolfgang Bergmann, Arte-Koordinator des ZDF und einer der Geschäftsführer von Arte Deutschland, der die Idee für die Dokumentationsreihe „Äquator – Die Linie des Lebens“ hatte. Der Sendetermin am 22. September – einem Samstag – erklärt sich dadurch, dass die Tagundnachtgleiche im Herbst entweder auf den 22., 23. oder 24. des Monats fällt. Neben Arte und dem ZDF beteiligten sich an diesem Großprojekt „Spiegel TV“, Discovery Channel Canada, die ebenfalls in Kanada ansässige Produktionsfirma Primitive Entertainment sowie NHK, die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft Japans.

In diesem Rahmen haben zwölf Regisseure zwölf 52-minütige Filme produziert, drei bis vier Länder handeln sie dabei jeweils ab. Die Gesamtregie für das Projekt lag bei Kevin McMahon und Christian Schidlowski. Die Porträts der Länder ziehen sich in den meisten Fällen über mehrere Stunden hinweg. Das Rezeptionsgefühl bei den am 22. September als zwölfteilige Reihe ausgestrahlten Filmen erinnert unter anderem an „24 h Berlin – Ein Tag im Leben“ (Arte/RBB; vgl. FK-Heft Nr. 38-39/09) und an Dauer-Live-Berichterstattung, in die man im Lauf eines Tages nach Pausen immer wieder zurückkehrt.

In der ersten Folge „Äquator – Die Linie des Lebens“ werfen die Filmemacher unter anderem einen Blick in die aus 33 Atollen bestehende Republik Kiribati. Zwei Drittel dieser im zentralen Pazifik gelegenen Inseln sind bewohnt, 100.000 Menschen leben hier. Kabaoua John, ein Landwirt, der auch schon in anderen Teilen der Welt gelebt hat, beschreibt Kiribati als „Paradies“. Arbeiten im klassischen Sinne müsse man hier nicht, weil man von dem leben könne, was die Natur hergibt, außerdem gebe es keine Umweltverschmutzung. Das Paradies wird es allerdings nicht mehr lange geben, bereits 2020 könnte es aufgrund des Klimawandels nicht mehr bewohnbar sein. Kiribati gehört zu den Schauplätzen, zu denen der Zuschauer im Lauf des Sendetages immer wieder zurückkehren kann. Und auch das Thema Klimawandel und die von ihm ausgehende Bedrohung für Mensch und Umwelt kommen während des gesamten Schwerpunkts in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder zur Sprache.

Dass dieser rund elfeinhalbstündige Arte-Themenschwerpunkt abwechslungsreich komponiert ist, zeigt sich zum Beispiel am späten Samstagnachmittag und am frühen Abend. Der Film „Kreislauf des Wassers“ hat einen beinahe meditativen Charakter, ein Fokus liegt auf der Tierwelt. Zu den Protagonisten gehört der Tierarzt Gustavo Jiménez-Uzcátegui aus Ecuador, der auf den Galapagos-Inseln forscht und sich damit befasst, dass der Anstieg der Temperaturen das Nahrungsangebot für die Pinguine verschlechtert. Die Schwerpunkte des darauffolgenden Films „Moderne Zeiten“ sind dagegen Stadtentwicklung und Gesellschaftspolitik.

Hier lernt der Zuschauer Boy Dallas kennen, einen Radiojournalisten und DJ aus Kibera, dem zweitgrößten Elendsviertel Afrikas, das sich am Rande der kenianischen Hauptstadt Nairobis befindet. Boy Dallas wurde landesweit bekannt mit seiner Berichterstattung über die bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die 2007 in Kenia stattfanden und 1200 Menschen das Leben kosteten. Das ist an dieser Stelle erwähnenswert, weil in Deutschland das Wissen über ein Land wie Kenia nicht besonders ausgeprägt ist. Welcher (auch intensive) Nachrichtenkonsument wüsste etwas über die aktuelle Situation dort zu sagen? Wenn es darum geht, wie es in Kenia vor rund einem Jahrzehnt aussah, dürfte der Wissensstand noch wesentlich geringer sein.

Der Film „Moderne Zeiten“ stellt zudem Architekten aus Singapur vor, die auf Nachhaltigkeit setzen, auf Hochhäuser mit Garteneinheiten und offenen Gemeinschaftsflächen. Die Natur dürfe in den Städten nicht zurückgedrängt werden, sagt Richard Hassell, einer von ihnen. Er plädiert für eine „atmende Architektur“, die die Temperatur der Häuser selbst reguliert.

Auch leichtere, bunte Facetten fügen die Filmemacher ihrer Gesamtthematik hinzu – etwa in dem Film „Abenteuer und Pioniere“, zu dessen Protagonisten der ugandische Regisseur Isaac Nabwana gehört. Er produziert im zur Hauptstadt Kampala gehörenden Slum Wakaliga mit Darstellern aus der Nachbarschaft Actionfilme – unter Bedingungen, die mit dem Begriff „Low Budget“ euphemistisch umschrieben wären. „Wir stellen unser Equipment aus Schrott her“, sagt Nabwana. Atmosphärisch ähnlich fallen im Film „Träume am Breitengrad 0“ – dem dritten des Sendetags – die Passagen über die „Sapeurs“ aus, eine Gruppierung modebewusster Kongolesen, die der ein oder andere Zuschauer aus einem Beitrag des ARD-„Weltspiegels“ noch in Erinnerung haben könnte (Sendung vom 18. Februar 2018).

Die Filme, die, grob gesagt, ein Spektrum zwischen Tierfilm und politischer Auslandsdokumentation abhandeln, zeichnen sich zudem durch eine Anmutung aus, die auf die Stimmung der Zuschauer zur jeweiligen Tageszeit zugeschnitten ist. Ein paar Details gäbe es zu bemängeln: „Die Architektin dieser Linie ist die Sonne“, heißt es über den Äquator unter anderem, als „Schoß unserer Träume“ wird er ebenfalls bezeichnet. Neben solch kitschigen Formulierungen stört bisweilen eine zu niedliche Musik. Den Gesamteindruck schmälert das aber nicht wesentlich. Ohne in allzu großes Pathos zu verfallen, lässt sich sagen, dass die Arte-Redaktion des ZDF die Rundfunkbeitragsgelder, die in diese deutsch-kanadisch-japanische Gemeinschaftsarbeit geflossen sind, mit Blick auf den öffentlich-rechtlichen Auftrag vorbildlich angelegt hat. Wenngleich man sich natürlich wünschte, dass solch aufwendige Projekte auch mal zu gesellschaftspolitisch brisanten Themen möglich wären.

Das Filmpaket „Äquator – Die Linie des Lebens“ ist in der Arte-Mediathek noch bis zum 20. November zum Anschauen verfügbar. Zudem dürften künftig immer wieder Einzelfilme aus der Reihe im linearen Programm auftauchen. Bei den Beiträgen „Die Wiege des Lebens“ (in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober um 3.05 Uhr) und „Moderne Zeiten“ (am 12. Oktober um 11.25 Uhr) war dies bereits der Fall.

23.10.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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