Katja Nellissen: Europa und die Flüchtlinge – Chronik einer Krise (ZDF)

Was ein Film bietet und was nicht

11.08.2017 •

11.08.2017 • Ein Sendungstitel sollte im Idealfall die Zuschauer auf einen Film neugierig machen. Immer wieder geschieht jedoch gerade bei Dokumentationen zu tagespolitisch brisanten Vorgängen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Gegenteil: dass nämlich ursprünglich vorgesehene, den Inhalt der Dokumentation genauer fokussierende Titel kurz vor der Ausstrahlung noch zugunsten allgemeinerer, weniger aussagekräftiger Titel ausgetauscht werden. So lief es offenbar auch beim Film „Europa und die Flüchtlinge – Chronik einer Krise“. Diese Dokumentation des ZDF war zunächst mit dem den Inhalt viel prägnanter treffenden Titel „Politik unter Druck“ angekündigt worden. Denn es geht hier wesentlich um das politische Handeln unter dem Druck großer Flüchtlingsströme nach Europa, der im September 2015, nicht zuletzt durch einseitige Maßnahmen der ungarischen Regierung zur Grenzschließung, in eine humanitäre Katastrophe zu führen drohte.

Was allerdings unter dem Aspekt möglichst optimaler Zuschauergewinnung noch fataler wäre als ein bloß langweiliger, aussageschwacher Titel, wäre einer, der falsche Erwartungen weckt. Auch in dieser Hinsicht könnte man darüber nachdenken, ob es nicht besser gewesen wäre, die Hauptakteurin in dieser Dokumentation bereits im Titel zu benennen. Denn im Mittelpunkt des Films von Katja Nellissen, der sich vor allem mit den Ereignissen vor und nach dem 4. September 2015 beschäftigt, dem Tag der Öffnung der deutschen Grenze für den (zunächst) unregistrierten Zustrom von Flüchtlingen, die über die Balkanroute nach Deutschland drängten, steht das politische Handeln von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Es ist die Zeit, die inzwischen unter dem Begriff „Flüchtlingskrise“ Eingang in die politische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gefunden hat. Merkels (leider) längst zur Karikatur entstellter Ausspruch „Wir schaffen das“ wird in der Dokumentation in seinem originalen, viel weniger spektakulär erscheinenden Zusammenhang wiedergegeben. Präzise wird rekonstruiert, wie und warum die Bundeskanzlerin welche politischen Entscheidungen getroffen hat. Der Zeitraum der Analyse reicht bis zum Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei im März 2016, wobei auch ein Blick geworfen wird auf die Auswirkungen der Vorkommnisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16 für die Flüchtlingspolitik und diesbezüglich dann noch auf den Putsch-Versuch in der Türkei vom Juli 2016 eingegangen wird.

Neben der Verwendung von umfangreichem dokumentarischem Bildmaterial werden insbesondere zur Veranschaulichung von Verhandlungssituationen einige kurze Szenen nachgestellt und vor allem grafische Darstellungen als filmisches Mittel genutzt (Produktion: Gruppe 5, Köln). Darüber hinaus versichert sich die Autorin auch eines journalistischen Experten und mehrerer wissenschaftlicher Fachleute, die in aussagekräftigen Statements zu Worte kommen. Ebenso wirken die Statements aus dem politischen Spektrum eher sachlich und enthalten keine (partei)politisch polarisierenden Meinungsäußerungen. Vor der Kamera äußern sich hier so unterschiedliche Politiker wie Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) und der Merkel-Kritiker Markus Söder (CSU), aber auch der aus Lettland stammende EU-Kommissar für Menschenrechte, Nils Muiznieks.

Als Ursache für den großen Druck, unter dem Merkel politisch handeln musste, wird vor allem die lange Untätigkeit europäischer Politiker angesichts der schon länger währenden Flüchtlingswelle benannt; doch auch die Wirkung erschreckender Bilder über Opfer und menschenunwürdige Lebensbedingungen auf der Flucht bleibt nicht unerwähnt. Die schwierigen und letztlich vergeblichen Verhandlungen auf EU-Ebene um eine gemeinsame Politik in der Flüchtlingsfrage sowie der auch in der Bundessrepublik innenpolitisch wachsende Druck werden ebenfalls aus der Perspektive der deutschen Bundeskanzlerin und ihrer Handlungsoptionen dargestellt. Die von Merkel getroffenen Entscheidungen erscheinen so plausibel und folgerichtig, dass der Eindruck vermittelt wird, dass überhaupt nicht anders gehandelt werden konnte. Die historische Rekonstruktion, wie sie in dieser Dokumentation erfolgt, erklärt und rechtfertigt sie gleichermaßen als vernünftig und alternativlos.

Mit ihrer präzisen, analytischen, sich vordergründiger Wertungen und jeglicher politischer Polemik enthaltenden Darstellung liefert die Dokumentation (1,93 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,1 Prozent) somit nicht nur ein informatives Lehrstück politischen Handels in einer hochkomplexen, brisanten politischen Situation, sondern auch ein durchaus beeindruckendes Porträt der Bundeskanzlerin, das sichtbar macht, wo ihre eigentlichen politischen Talente liegen. Aber eine umfassende Darstellung der europäischen Flüchtlingspolitik bietet der Film eben nicht.

11.08.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK