Andrea Stoll/Isabel Kleefeld: Chuzpe – Klops braucht der Mensch! (ARD/Degeto)

Ein Special für Dieter Hallervorden

06.09.2015 •

Die ersten Szenen dieses Fernsehfilms (der aufgrund eines ARD-„Brennpunkts“ zur „Flüchtlingswelle nach der Grenzöffnung“ 15 Minuten später begann als ursprünglich vorgesehen) zeigen malerische Ansichten von Marseille, der Altstadt und dem Hafen. Hier treffen sich Vater Edek (Dieter Hallervorden) und Tochter Ruth (Anja Kling); der eine kommt aus Australien, die andere aus Berlin. Der Vater erinnert daran, dass die jüdisch-polnische Familie hier von Marseille aus im Jahr 1946 nach Australien ausgewandert ist, nachdem sie den Holocaust überlebt hatte. Edek folgt dann dem Vorschlag seiner Tochter, bei ihr in Berlin seinen Lebensabend zu verbringen. Somit ist nunmehr Berlin ausschließlicher Schauplatz der Handlung.

Der nach Motiven von Lily Bretts Roman „Chuzpe“ gedrehte Film wird an einem speziellen Datum gesendet: Edek-Darsteller Dieter Hallervorden feiert an diesem 5. September seinen 80. Geburtstag. Deshalb strahlt die die ARD ihm zu Ehren nicht nur den Spielfilm aus, sondern direkt im Anschluss zudem eine 90-minütige Dokumentation von Cornelia Quast mit dem Titel „Dieter Hallervorden – Ein Mann mit Humor und Tiefgang“ (22.00 Uhr, ARD/NDR). Auch die Filmfigur Edek ist ein „Mann mit Humor und Tiefgang“ und somit eine Paraderolle für den 80-jährigen Schauspieler, wie es sie nur selten im Fernsehprogramm zu sehen gibt.

Dass es sich um eine jüdisch-polnische Familiengeschichte handelt, wird von Anfang an durch die Sprache Edeks deutlich gemacht, die einen deutsch-jüdischen Dialekt reproduziert, wie er früher häufig von osteuropäischen Juden gesprochen wurde. Der Dialekt klingt im Film stellenweise sehr steif, weil er Hallervorden offensichtlich nicht geläufig ist. Das dürfte aber auch für das Fernsehpublikum gelten, weshalb wohl diese überartikulierte Sprechweise zu verzeihen ist.

Der Dialekt ist insofern unverzichtbar, weil sonst fast nichts im Leben der Protagonisten auf die jüdischen Wurzeln hindeutet – von Utensilien wie etwa einem kleinen siebenarmigen Leuchter auf der Kommode einmal abgesehen. Mehr ist dann schon von den polnischen Wurzeln die Rede, genauer gesagt: von polnischen Fleischklopsen – die Frage, ob sie koscher sind oder nicht, spielt hingegen keine Rolle. Auf solche Klopse spezialisiert ist nämlich ein Restaurant, das Edek mit Hilfe seiner polnischen Freundinnen in Berlin eröffnet und wider Erwarten zum Erfolg führt.

Von Beginn an ahnt man, dass bei dieser Filmhandlung die jüngere Generation den Kürzeren ziehen wird. Denn nicht Vater Edek, der den Holocaust selbst durch- und ihn überlebt hat, sondern die danach geborene Tochter Ruth scheint besonders unter dessen Folgen zu leiden, über die sie immer wieder reflektiert. Ihr Bedürfnis, alles zu kontrollieren und zu planen, trägt neurotische Züge und macht ihr das (private) Leben schwer, obgleich sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau ist. Dagegen steht das sonnige Gemüt des über 80-Jährigen, der offensichtlich mit sich im Reinen ist.

Die ihren Vater finanziell unterstützende Ruth ist Inhaberin einer Kommunikationsagentur, eingerichtet im modisch-coolen Design. Diesen Eindruck hinterlassen auch die ersten Bilder von der Wohnung, die sie für ihren Vater bereitgestellt hat. Darin fühlt sich Edek aber nicht besonders wohl. Erst als die beiden Polinnen Zofia (Franziska Troegner) und Valentina (Natalia Bobyleva) bei ihm einziehen und die Wohnung nach ihrem – ziemlich kitschverdächtigen – Geschmack umgestalten, wirkt es dort gemütlich.

Die ‘Moral von der Geschichte’ wird stellenweise doch recht dick aufgetragen, nicht nur in der Bildsprache, sondern beispielsweise auch, indem von Edek immer wieder Lebensweisheiten wie Kalendersprüche direkt in die Kamera gesprochen werden. Hallervorden allerdings spielt den Altersweisen, bei dem Narretei und Weisheit, beginnende Demenz und Lebensklugheit dicht beieinander liegen, auf hervorragende Weise. Seine komödiantische Begabung und Spielfreude, aber auch die starke Charakterisierung der ihm gegenüberstehenden Figuren wie seine Tochter Ruth oder seine neue Lebensgefährtin Zofia retten den Film. Diese tendenzielle Überzeichnung von Bildern und Charakteren vermittelt der Handlung eine gewisse Märchenaura und ist offensichtlich eine von Regisseurin Isabel Kleefeld bewusst eingesetzte Methode. Dass am Ende auch noch ein klassischer Komödienschluss mit angekündigter Hochzeit steht, erscheint da nur folgerichtig.

Mit „Chuzpe – Klops braucht der Mensch!“ (Produktion: Tivoli Film) ist nicht nur ein Special für Dieter Hallervorden gedreht worden, sondern auch ein Film – linear erzählt, in ruhigen Schnitten – für dessen Fans aus der gleichen Altersgruppe. So hat die ARD dem Schauspieler Hallervorden ein wirklich großes Geburtstagsgeschenk gemacht.

Doch auch die Romanautorin Lily Brett – darauf geht die ARD in ihrer Programmankündigung jedoch nicht näher ein – feiert an diesem Sendetag Geburtstag: ihren 69.; die in Australien aufgewachsene Autorin, die heute in New York lebt, wurde am 5. September 1946 im bayerischen Feldafing ge­boren, und zwar in einem Lager für Displaced Persons. Dort fanden sich ihre Eltern wieder, nachdem sie das Ghetto Lodz und das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatten. Lily Bretts unter dem Titel „You Gotta Have Balls“ im Jahr 2005 in Australien erschienener Roman (2007 auf Deutsch erschienen) spielt im Original in New York und enthält viele autobiografische Bezüge. So spiegelt sich die Autorin selbstironisch in der Figur der Ruth. Viele Romanmotive und die wichtigsten Charaktere werden vom Film, zu dem Andrea Stoll das Drehbuch verfasst hat, werkgetreu übernommen, wobei die Handlung allerdings nach Berlin verlegt wurde. (Der Film hatte 4,6 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 16,8 Prozent.)

06.09.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK