Hannah Ley/Raymond Ley: Tod einer Kadettin (ARD/NDR/Degeto) / Hannah Ley/Raymond Ley/Jan Lerch: Der Fall Gorch Fock – Die Geschichte der Jenny Böken (ARD/NDR)

Spekulatives Drama

08.05.2017 •

08.05.2017 • Eine junge Kadettin, die auf einem Segelschulschiff der Marine den Tod findet, wobei die Umstände ihres Ablebens auch im Finale nicht geklärt werden – mit solch einem ausgedachten Plot für einen Spielfilm dürfte kaum ein Autor einen Produzenten finden. Doch das ARD-Fernsehdrama „Tod einer Kadettin“ (Produktion: Ufa Fiction) war eben nicht frei erfunden, sondern bezog seinen Nervenkitzel gerade aus dem Umstand, dass es sich hier nicht um ein reines Phantasieprodukt handelte. Auch wenn die Credits dies vorzugeben schienen: „Frei nach Motiven aus ‘Unser Kind ist tot’“ stand dort zu lesen.

Bei „Unser Kind ist tot“ handelt es sich um ein 2014 im zu Bastei Lübbe gehörenden Verlag Quadriga erschienenes Sachbuch, in dem die Journalistin Dona Kujacinski Eltern zu Wort kommen lässt, die den Tod eines Kindes zu verarbeiten versuchen. Unter den Befragten sind auch Marlis und Uwe Böken, deren Tochter Jenny 2008 auf dem Segelschulschiff „ Gorch Fock“ unter bis heute nicht geklärten Umständen zu Tode kam.

Im Film heißt Jenny Böken nun Lilly Borchert und das Schiff segelt unter dem Namen „Wilhelm Kinau“. Was nichts anderes als der Klarname des Seefahrer-Dichters ist, der sich Gorch Fock nannte. Es entspinnt sich die Geschichte einer jungen Abiturientin, die unbedingt zur Bundeswehr will, um nach einem Medizinstudium Opfern in Kriegsgebieten beizustehen. Doch bei den ärztlichen Voruntersuchungen mehren sich die Anzeichen, dass Lilly für den Dienst in der Marine, wo zu dienen sie mit äußerstem Willen anstrebt, schon aus medizinischen Gründen nicht geeignet ist. Die Ärzte diagnostizieren Diabetes im Anfangsstadium und zudem scheint sie den Anforderungen der Grundausbildung auch in anderen Belangen rein körperlich nicht gewachsen zu sein. Nimmt man hinzu, dass sie auch noch unter Höhenangst leidet, hätte sie niemals auf dem Segelschulschiff landen dürfen, auf dem Klettereien in der Takelage zum Alltag gehören.

Dass sie es dennoch an Bord schafft, erscheint im Film als eine Folge von Schlamperei, Ignoranz und übergeordnetem Kalkül. Da ist beispielsweise unter den Befehlshabern die Rede davon, dass man die Frauenquote auf dem Schiff anheben müsse. So erlebt man Lilly an Bord als einsame junge Frau, die unter ihrer Untauglichkeit leidet und unter den Kameraden keine Freunde findet. Nächtliche Saufgelage sind ihr so zuwider wie die Machosprüche der Matrosen und unter den Kadettinnen herrscht ein regelrechter Zickenkrieg. In diesen Sequenzen ist der Film atmosphärisch überzeugend. Und das nicht zuletzt deshalb, weil er die Titelfigur nicht nur als bemitleidenswertes Opfer inszeniert.

Jene Lilly zeigt sich als spröde Zeitgenossin, die in ihrem Ehrgeiz oft besserwisserisch daherkommt und auch sonst kaum Anstalten macht, die Zuneigung ihrer Kameraden zu gewinnen. Schauspielerin Maria Dragus, definitiv so etwas wie ein Rising Star im deutschen Film, verkörpert die Figur mit all ihrer Ambivalenzen in beeindruckender Manier. Diese zwiespältige Figurenzeichnung zeugt sowohl von dramaturgischem Geschick als auch von Mut, insofern der Film auf eine klassische Sympathiefigur verzichtet. Weniger gelungen ist der Umstand, dass nahezu alle anderen Figuren über stereotype Zeichnungen nicht hinausgelangen. So mutiert unversehens ein Journalist namens Hartmut Kerber (Miroslaw Baka), der an Bord für eine Geschichte zum anstehenden Geburtstag des Schulschiffs recherchiert, zur zweiten Hauptfigur.

Kommt dieser Radiojournalist schon während des Films als reichlich stereotyper Vertreter seines Berufsstandes daher (überquellender Aschenbecher auf dem Schreibtisch, gelegentlich ein ordentlicher Schluck aus dem Flachmann), ist es an ihm, während der letzten Minuten drei mögliche Versionen von Lillys Ableben zu referieren. Wozu er sich zu selbst gestellten Fragen – „Haben deine Kameraden dich auf dem Gewissen? Oder bist du einfach über die niedrige Reling gefallen?“ – wie in Traumsequenzen zur Kadettin an den Bug des Schiffes gesellt. Es sind Sequenzen, die so ungelenk wie seltsam entrückt wirken und in mancher Hinsicht symptomatisch für die Mängel des Films sind. Anders als in den meisten ihrer oft preisgekrönten Produktionen („Meine Tochter Anne Frank“, ARD; „Eine mörderische Entscheidung“; ARD/Arte) gelingt es Hannah und Raymond Ley in „Tod einer Kadettin“ nirgendwo, den bekannten Fakten durch die Mittel des Spielfilms etwas hinzuzufügen, dass über reine Spekulationen hinausgeht.

Und das gilt auch für die unmittelbar im Anschluss ausgestrahlte Dokumentation „Der Fall Gorch Fock – Die Geschichte der Jenny Böken“. Was insofern kaum verwunderlich ist, als auch sie im Wesentlichen von Hannah und Raymond Ley stammt und ebenfalls von der Ufa Fiction produziert wurde; weiterer Autor war Jan Lerch. Außerdem stammen hier zumindest auf der Bildebene (handgestoppte) siebeneinhalb (!) Minuten aus dem Material des Spielfilms – was ziemlich exakt ein Viertel der Dokumentation ausmacht. Der Rest besteht auf Gesprächen mit Jennys Eltern, ehemaligen Lehrern und ihrem damaligen Freund, ergänzt um ein paar Fotos aus dem Familienalbum der Bökens.

Die Mutter gibt ihre Überzeugung zu Protokoll, dass ihre Tochter nicht durch einen Unfall zu Tode gekommen sei, da man beim Auffinden der Leiche kein Wasser in ihren Lungen gefunden habe. Was gegen einen Tod durch Ertrinken spreche. Hier hätte man gern von Experten etwas zur Stichhaltigkeit dieses Indizes gehört und warum es in den Prozessen dazu keine Rolle gespielt hat. Doch diese Frage wird nicht weiter erörtert. Seitens der Marine kommt lediglich ein Pressesprecher zu Wort, der Jenny Bökens Tod zutiefst bedauert, aber den Fall für abgeschlossen erklärt. Zu weiteren Stellungnahmen oder Befragungen, so heißt es, sei das Militär nicht bereit gewesen.

Und dann kommt da noch Jörg Hafkemeyer ausführlich zu Wort, der gleichsam Pate gestanden hat für die Figur des Journalisten an Bord. Was zumindest insofern für einen Hauch von Brisanz sorgt, als Hafkemeyer kein Unbekannter ist. Als Auslandskorrespondent war er für mehrere ARD-Sender im Einsatz, später arbeitete er für zwei Jahre als Redaktionsleiter bei der damaligen ARD-Talkshow „Sabine Christiansen“, bevor er zum Professor an der Berliner Universität der Künste (Studiengang Kulturjournalismus) berufen wurde. Zudem versuchte er an der ‘Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation’ Offizieren einen souveränen Umgang mit kritischen Medien beizubringen. Was offenbar wenig gefruchtet hat. Zumindest attestierte Hafkemeyer der Marine in der Doku ein ungebrochenes „Machotum“ und warf ihr vor, sich im Fall Jenny zu „verkriechen“. Zur Klärung des Sachverhalts konnte er damit freilich so wenig beitragen wie die gesamte 30-minütige Dokumentation, die eher wie eine Art Making-of zum Spielfilm daherkam, in dessen Abspann Hafkemeyer zudem als „Berater“ aufgeführt war. (Der Spielfilm hatte 3,93 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 12,4 Prozent; die Dokumentation kam auf 3,80 Mio Zuschauer und 13,4 Prozent.)

08.05.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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