Franz Xaver Bogner: München Grill. 6‑teilige Serie (BR Fernsehen)

Fast alles neu

05.05.2018 • Es war ein Fernsehexperiment, das nicht aufging: Talkshow und fiktionale Serie in einem sollte „Moni’s Grill“ sein, ausgestrahlt wurde die Sendereihe im Ersten und im Dritten Programm BR Fernsehen (vgl. MK-Kritik). Über sieben Folgen probierte Regisseur und Autor Franz Xaver Bogner passend zu machen, was nicht zusammenpasste. „Moni’s Grill“ war nicht Fisch, nicht Fleisch, sondern versuchte, beides zu sein. Doch Surf and Turf, das ging dann auf dem Bildschirm nicht gut.

Nun hätte der Bayerische Rundfunk die verkorkste Fernsehsache auf sich beruhen lassen können – abhaken, ab ins Archiv, unter Flops. Aber erstens scheint man bei dem öffentlich-rechtlichen Sender in München ausnehmend viel Geduld (und Rundfunkbeitragsgeld) aufbringen zu können. Und zweitens glaubt man dort wohl, einem Großregisseur wie dem Bogner Franz, der dem Sender schon so viele „Kultserien“ beschert hat (um nur eine zu nennen: „Irgendwie und Sowieso“ mit Ottfried Fischer) und der im Freistaat als „Spezialist für schlitzohrige Strizzis, liebenswerte Verlierer und unerschütterliche Lebenskünstler“ mitten aus dem bayerischen Leben gilt, die Chance auf einen Neuanfang nicht verwehren zu können. Bogner hat diese Chance ergriffen.

Seit dem 20. April läuft mit „München Grill“ die Fortsetzung von „Moni’s Grill“ im bayerischen Dritten. Der Titel ist anders, die Sendungsdauer von 30 auf 45 Minuten gestreckt, das Setting und Personal aber sind weitgehend geblieben (inklusive der Produktion: Heike Richter-Karst und Michael Bütow von Mecom Fiction). Im Zentrum steht nach wie vor die Familie Schweiger, die an Münchens Viktualienmarkt ein Lokal betreibt und das nun unter dem neuen Namen „München Grill“ kurz vor der Neueröffnung steht. Das alte Schild über der Eingangstür, „Moni’s Grill“, ist abgehängt und wartet draußen auf den Abtransport. Drinnen wird mit dem Pinsel gewerkelt und auf gut Bairisch gegrantelt wie eh und je – nur diesmal ohne die Moni.

Moni Schweiger, einst Namensgeberin des Lokals und in der ersten Staffel von der Kabarettistin und Schauspielerin Monika Gruber gespielt, ist „stiften ’gange“. Mit einem neuen Liebhaber sei sie auf und davon, klagt ihre Schwester Toni (Christine Neubauer), die noch immer die Herrschaft über die „Kich“ (Küche) ausübt. Bevor Moni alles stehen und liegen ließ, übrigens auch ihren Adoptivsohn Hermes (Philipp Franck), der sich nun schutzlos dem Schweiger-Clan und speziell Tonis Tochter Consuela (Hannah Schiller) ausgeliefert sieht, hatte sie einen Vertrag mit einer Brauerei abgeschlossen, der nicht mehr zu kündigen ist. Die Brauerei, verkörpert in der kräftigen Gestalt von Henry Filbinger alias Francis Fulton-Smith, der sich wiederum in seiner Statur zunehmend seiner früheren Rollenfigur Franz Josef Strauß annähert, dieser Filbinger also installiert an Monis Stelle Fanny Schmidthuber als Geschäftsführerin. Das junge Ding vom Land bestimmt, dass in der Wirtschaft alles komplett umgebaut wird, und macht sich damit die Schweigers zu Feinden. Die Farbe der Toiletten ist das einzige, auf das sich Toni und Fanny einigen können.

Die Umstellung auf die neue, forsche Wirtin fällt dem Zuschauer leichter. Denn Christine Eixenberger als Fanny kommt wie eine jüngere Ausgabe der Gruber/Schweiger Moni daher. Das Nachwuchstalent vom Schliersee hat eine ebenso große „Goschn“ und dazu eine noch vielversprechende Karriere als Kabarettistin und Schauspielerin vor sich. Und, kleines Aperçu am Rande: Eixenberger hat Talk-Erfahrung. Mit Wolfgang Krebs moderierte sie im BR Fernsehen den (im Jahr 2015 Grimme-Preis-nominierten) Comedy-Talk „Habe die Ehre“, wo prominente Gäste, die nicht aus Bayern stammen, ihre Bayerntauglichkeit nachweisen mussten.

Eixenbergers Talent als Talkmasterin ist in „München Grill“ allerdings nicht gefordert. So wie die Schweigers samt Neuwirtin Fanny ihr Lokal aufmöbeln, hat auch Autor-Regisseur Bogner sein Konzept renoviert. Kulinarisch gesprochen: Der Fisch flog raus. Es gibt nun Schweinsbraten, ohne Garnelen-Garnitur. „München Grill“ ist jetzt ganz klassisch eine Serie und sonst nichts. Symbolisch muss in der ersten Folge ein Türbogen dran glauben: Er wird mit dem Schlaghammer zertrümmert, auf dass die guten alten Türen wieder eingehängt werden können und der Urzustand wiederhergestellt ist.

Im urigen Wirtshaus-Ambiente empfängt Fanny in jeder Folge einen neuen „Promi“, so wie es schon ihre Vorgängerin tat. Doch anders als zu Monis Zeiten, als die Rahmenhandlung um die Schweigers durch talkshowartigen Plausch im Nebenzimmer (zum Beispiel mit der Moderatorin Sonya Kraus oder dem Olympioniken Georg Hackl) unterbrochen, ja, gestört wurde, sind die Gäste diesmal nicht nur in die Erzählung vollends integriert, sondern auch durch die Bank des Schauspielerns mächtig. Sie spielen sich selbst, aber nach Drehbuch; nix ist mehr improvisiert. So greifen in der ersten Folge der München-bekannte Pfarrer Rainer Maria Schießler und der Kabarettist Christian Springer Fanny unter die Arme, sprich: sie schwingen bei den Renovierungsarbeiten den Vorschlaghammer, leider aber strunzalbern wie im Slapstick. Auch in der zweiten Folge ist Not am Mann, weshalb die Schauspielerin Marianne Sägebrecht in Tonis „Kich“ aushilfsweise Suppe kocht für die Eröffnungsgäste.

Stamm- und Gastpersonal fügen sich in der neu formierten Produktion mal mehr, mal weniger harmonisch ineinander. Was früher in „Moni’s Grill“ das Talk-Element wohl leisten sollte, baut Bogner jetzt ins Skript mit ein: biografische Schnipsel aus dem Leben der Gäste. Als zum Beispiel die Sägebrecht ins Lokal einschwirrt, raunt deren Verehrer Jacko der Jungwirtin zu: „‘Sugar Baby’, ‘Out of Rosenheim’, ‘Rosenkrieg’, ‘Asterix und Obelix’“ – hier werden also Filmwerke der auch in Hollywood bekannten Bayern-Diva aufgelistet, damit Fanny und der Zuschauer wissen, mit wem sie es da genau zu tun haben. Wer im Übrigen mit der Kulturszene tief im Südosten nicht so vertraut ist, dürfte Schwierigkeiten haben, manche Anspielung in den Dialogen zu verstehen (so spielt die „Spardose für die Syrer“ auf Christian Springers Charity-Projekt „Orienthelfer“ an). Aber geschenkt. Bei „München Grill“ soll sich ja vor allem das Publikum aus dem eigenen Sendegebiet „dahoam“ fühlen (im Ersten wird die Serie diesmal nicht ausgestrahlt).

Es gibt Gastauftritte von Uschi Glas und Andreas Giebel („München 7“) in den weiteren Folgen von „München Grill“. Die Bayern-Stars werden indes nicht überspielen können, was dieser neuen alten Bogner-Serie fehlt: Es ist das Aufregende, das Experimentelle, das Formatgrenzen Sprengende, das „Moni’s Grill“ einmal versprach und die Fortsetzung „München Grill“ von 08/15-Serienunterhaltung hätte abheben können.

Und nachdem die ersten beiden Folgen von „München Grill“ ausgestrahlt waren, stellte der Bayerische Rundfunk fest, dass mit der Serie auf dem Freitagssendeplatz um 20.15 Uhr „die Publikumserwartungen nicht in erhofftem Maße erfüllt“ wurden. Darum verlegte der Sender die nächsten vier Folgen, die im Mai ausgestrahlt werden, auf 21.00 Uhr. Als Vorlauf dazu gibt es dann um 20.15 Uhr Folgen der humoristischen bayerischen Polizeiserie „Hubert und Staller.“ Die ist populär, soll mithin bessere Quoten bringen und im Anschluss dann auch „München Grill“ einen höheren Marktanteil besorgen, so hofft man. Die Marktanteile für die ersten zwei „München-Grill“-Folgen lagen im Sendegebiet des BR Fernsehens bei 5,9 und 5,1 Prozent (von Januar bis April 2018 kam das BR Fernsehen auf im Schnitt 7,4 Prozent).

05.05.2018 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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