Niklas Hoffmann/Boris Kunz/Rafael Parente: Hindafing. 6‑teilige Serie (BR Fernsehen)

Zusammengewürfelte Reizthemen

17.06.2017 •

17.06.2017 • Seit geraumer Zeit geistert die Forderung nach einem „deutschen ‘Breaking Bad’“ durch die hiesige Medienpublizistik. Die junge Produktionsfirma ‘Neue Super’, gegründet von drei Absolventen der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München, muss den Ruf gehört haben. Der Produzent Rafael Parente tat sich mit den Autoren Niklas Hoffmann und Boris Kunz zusammen und das Trio entwickelte im Auftrag des Dritten Fernsehprogramms des Bayerischen Rundfunks (BR) die sechsteilige Serie „Hindafing“, bei deren Umsetzung Boris Kunz auch die Regie übernahm.

Benannt ist die Produktion nach ihrem Schauplatz, der fiktiven bayerischen Kleinstadt Hindafing. Deren Bürgermeister Alfons Zischl (Maximilian Brückner) beerdigt zu Beginn seinen just verstorbenen Vater. Auch der war Bürgermeister, galt als ehrenhaft und wurde allgemein respektiert. Nicht so der Sohn, der noch während der Trauerfeier erleben muss, dass seine Limousine gepfändet wird. Zischl junior hat nicht nur sein privates Vermögen, sondern auch Geld der Gemeinde in ein obskures Windparkprojekt investiert und mit der Insolvenz des Betreibers verloren. Die Stümpfe der unvollendeten Türme stehen wie Schandmale in der Landschaft.

Alfons Zischl aber verfolgt bereits neue Ziele. Einen seit langem leerstehenden Fabrikbau aus NS-Zeiten will er in ein Bio-Einkaufszentrum mit Namen „Donau Village“ verwandeln; dafür hat er sich der Unterstützung und Finanzkraft des Bio-Fleischers Sepp Goldhammer (Andreas Giebel) versichert. Mit dem Projekt könnte Zischl auch den Vereinswirt Karli Spitz (Heinz-Josef Braun) ruhigstellen, mit dessen Tochter Jackie (Kathrin von Steinburg) der Drogen konsumierende und von einer Erinnerungslücke geplagte Bürgermeister ein uneheliches Kind gezeugt haben soll. Was die Öffentlichkeit natürlich nicht erfahren darf, denn der Wahlkampf steht bevor… Erpresserisch verlangt Karli Spitz für seine Tochter ein Ladenlokal im „Donau Village“. Ohnmächtig sagt Zischl zu – ohne das Einverständnis der Investoren eingeholt zu haben.

Bei diesen Plänen kommt ihm alsdann der korrupte Landrat Pfaffinger (Jockel Tschiersch) in die Quere: Pfaffinger – schwarze Sonnenbrille, teure Zigarre, Gläschen Amaretto in der Pranke – will aus politischen Gründen eine Gruppe von Flüchtlingen in Hindafing untergebracht wissen. Als Gegenleistung verspricht er dem in immer größere Finanznöte geratenen Zischl den Zugriff auf die ausländischen Schwarzgeldkonten von Zischl senior. Fortan laviert Zischl junior zwischen den Interessensgruppen, muss sich auch noch seines auf Zahlung beharrenden Dealers erwehren und wird von einem pfiffigen Asylbewerber, der die deutschen Gesetze besser kennt als die örtlichen Kommunalpolitiker, genötigt und erpresst.

Ein deutsches „Breaking Bad“ also? In der Umsetzung sieht das Ganze so aus, dass die Autoren möglichst viele Reizthemen zusammengewürfelt und in ihrer Provinzfarce untergebracht haben. Der keinen Missgriff auslassende Bürgermeister schnupft Crystal Meth in derart rauen Mengen, dass ihm der Schnee die Nase zerbeißt. Der Mann erfriert beinahe in einer Kühltruhe, ihm wird ein Finger abgebissen. Ein als Drogenlabor dienender abgestellter Eisenbahnwaggon fliegt bildwirksam in die Luft. Ein homosexueller Pfarrer verliebt sich in einen schwarzen Flüchtling. Eine Unternehmersgattin sucht auf Trucker-Rastplätzen nach erotischen Abenteuern. Politische Unterredungen werden in der Sauna oder im Sex-Club abgehalten. Ein Geschwisterpaar unterhält eine intime Beziehung und hat bereits ein Kind gezeugt. Zischls altersdemente Mutter verirrt sich ins Schlafzimmer ihres Sohnes, während dessen Gattin gerade Fellatio praktiziert. Und so weiter.

Der Zuschauer darf sich zurücklehnen und staunend wie ein kleines Kind „Guck mal, die da!“ rufen. Dramaturgisch folgt die Serie dem einfachen Prinzip, den Skandalbürgermeister in immer neue Kalamitäten zu verstricken. Dessen aus permanenten Fehlentscheidungen entstehende Abwärtsspirale lässt zwar einen gewissen Einfallsreichtum seitens der Autoren erkennen, doch das Muster nutzt sich sehr schnell ab, weil die zeittypischen Themen wie die Nöte der heimatvertriebenen Flüchtlinge, Steuerhinterziehung, Betrug in der Fleischbranche (Stichwort „Gammelfleisch“) rein des Amüsements wegen zitiert, aber nie ursächlich verhandelt werden. Über weite Strecken gleicht „Hindafing“ insofern eher einer Sketch-Show als einer Serie mit echten epischen Qualitäten. Dazu fehlt es ihr an Hintergründigkeit, Komplexität, Relevanz, vor allem an einer voranschreitenden Entwicklung der Figuren.

Die Defizite werden umso deutlicher, als in einigen raren Szenen tatsächlich Ernsthaftigkeit aufscheint, so in einem Moment, als die Tochter des türkischstämmigen Dorfpolizisten bekümmert vom rassistischen Mobbing durch ihre Mitschüler berichtet. Ein Sujet, das bezeichnenderweise nach nur einer Szene wieder fallengelassen wird.

Ein deutsches „Breaking Bad“ im BR Fernsehen? Na ja. Überhaupt stellt sich die Frage: Wozu eigentlich?

17.06.2017 – Harald Keller/MK