Antje Schneider: 850 Jahre Nikolaikirche (MDR Fernsehen)

Zeichen für Frieden und Gerechtigkeit

29.05.2015 •

29.05.2015 • Die größte (und wahrscheinlich älteste) Kirche Leipzigs feiert den 850. Geburtstag, ohne dass dieser spezielle Tag exakt terminiert werden könnte. Doch das ist nur eine der Geschichten, die diese Kirche erzählen könnte. Und Antje Schneider (Buch und Regie) lässt in ihrem Film zu dem Jubiläum den Historiker Armin Kohnle erklären, dass man sich auf ein ungefähres Datum habe verständigen müssen. Denn schriftliche Unterlagen wie eine Urkunde zur Grundsteinlegung oder Ähnliches liegen nun einmal nicht vor.

Vorgängerbauten der heutigen evangelischen Nikolaikirche hat es gegeben, davon ist nur noch eine steinerne Kanzel erhalten. Und dies deshalb, noch so eine Geschichte, weil Martin Luther darauf gepredigt haben soll. Doch belegen lässt sich in diesem Fall ausgerechnet nur das Gegenteil. Denn als der Reformator Pfingsten 1539 in Leipzig weilte, fühlte er sich vormittags unwohl, seine Predigt in St. Nikolai fiel aus. Nachmittags aber predigte er in der Thomaskirche.

Der viertelstündige Beitrag, der im Dritten Programm MDR Fernsehen ausgestrahlt wurde, hat durchaus den Vorzug, dass er nicht in der Vergangenheit verharrt, als sei die Nikolaikirche ein Museum. Einstieg und Schluss dokumentieren, dass die heutige Gemeinde mit etwa 2000 Mitgliedern lebendig ist und wächst. Und dass Pfarrer Bernhard Stief stolz darauf sein kann, dass sich immer mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene taufen lassen. Stolz ist man Leipzig aber besonders auch darauf, dass die Friedengebete in der Nikolaikirche den Keim der gewaltfreien Revolution von 1989 bildeten, als die Menschen anschließend mit Kerzen in den Händen auf die Straße gingen. Dass im Gästebuch heute Persönlichkeiten wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ex-US-Präsident Bill Clinton oder DFB-Bundestrainer Joachim Löw in ihren Einträgen darauf verweisen, verwundert da kaum. „Mit Hochachtung für alle, die diesem Raum Leuchtkraft gegeben haben“, schrieb der Theologe Friedrich Schorlemmer.

Es gab auch schlechte Zeiten. Etwa als die Reformatoren in ihrem Eifer, das Wort Gottes in den Mittelpunkt der Gottesdienste zu stellen, die Bilder auf den Dachboden der Kirche verbannten. Lange galten sie als verschwunden, erst viel später wurden sie zufällig wiederentdeckt; immerhin waren darunter Arbeiten von Lucas Cranach. Ein Freund Johann Wolfgang von Goethes war unter den Entdeckern der Bilder, der Dichterfürst machte den Vorgang öffentlich. Und um die Liste der Prominenten zu vervollständigen: Johann Sebastian Bach begann seine Leipziger Jahre in der Nikolaikirche, zahlreiche seiner Werke erlebten in der gotischen Hallenkirche ihre Uraufführung, wie Kantor Jürgen Wolf berichtet.

Wenn die Nikolaikirche heute wahrgenommen wird als die Keimzelle der friedlichen Revolution in der DDR, dann baut das auf einem Fundament auf, das 850 Jahre zurückliegt. Dem kompakten Beitrag gelingt es, den Bogen aus der Historie in die Gegenwart zu spannen; aktuelle Architekturbilder (Kamera: Jan Siegmeier) belegen zudem eindringlich die Einzigartigkeit dieses Bauwerks, Archivaufnahmen von 1989 ergänzen die Bilder. Nach den Worten von Pfarrer Bernhard Stief will die Kirche ein Zeichen sein für Frieden und Gerechtigkeit. Und das nicht nur für Gemeindemitglieder, sondern über diesen engen Kreis weit, weit hinaus.

 

29.05.2015 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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