Dirk Eisfeld/Raymond Ley: Lehman. Gier frisst Herz (ARD/HR/NDR/BR/RBB)

Zwiespältiger Eindruck

19.10.2018 •

Der Fehler ist marginal, aber deshalb nicht minder erstaunlich. Da ist Arno Breuer auf dem Weg an seinen Arbeitsplatz, läuft im Gebäude in Frankfurt an mehreren Schildern vorbei, die es als Sitz der „Rhein-Main Sparkasse“ ausweisen, doch als er an seinem Schreibtisch ankommt, erscheint im Bild das Insert „Rhein-Main Bank. Hauptfiliale“. Für die Qualität des Films „Lehmann. Gier frisst Herz“ tut es nichts zur Sache ob, das Geldinstitut nun Sparkasse oder Bank heißt, aber wo ein Film doch vor der Ausstrahlung von so vielen Menschen gesichtet und abgenommen wird, ist solch ein Lapsus schon erstaunlich. Und ein falsches Insert zu korrigieren, erfordert schließlich keinen gigantischen Aufwand. Sei’s drum.

Mit jenem Arno Breuer, gespielt von Joachim Król, wurde hier jedenfalls eine Figur eingeführt, die so etwas verkörperte wie das emotionale Zentrum dieses Films um den spektakulären Zusammenbruch der Lehman-Bank 2008 (also vor zehn Jahren) und seine Auswirkungen auch in Deutschland. Breuer ist ein biederer Bankberater vom alten Schlag, der seine Kunden teils schon über Jahrzehnte betreut und mit seinen Anlagetipps stets auch deren Wohl im Auge hat. Doch nun soll Breuer ein sogenanntes Finanzprodukt der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers unter die Leute bringen, das ihm selbst nicht ganz geheuer ist. Wenn er nicht bald mehr Umsatz mache, so droht ihm die wesentlich jüngere Filialleiterin, könne er sich demnächst irgendwo in der Provinz wiederfinden.

Überhaupt keine Skrupel hinsichtlich der dubiosen Papiere haben die Youngster, die, angetrieben von einem ölig-cholerischen Chef, die vermeintlichen Geldanlagen per Telefon Kunden schmackhaft machen sollen. Allen voran versteht es der smarte Alex (Max Schimmelpfennig), mit seinem Charme Anleger reihenweise um den Finger zu wickeln, und er darf deshalb regelmäßig vor der „Wall of Fame“ der Abteilung posieren, während der jeweilige Loser der Woche an der „Wall of Shame“ an den Pranger gestellt wird. Ob in solchen Einrichtungen wirklich so gearbeitet wurde oder noch immer wird, sei dahingestellt. Aber gewisse Überzeichnungen sind durchaus statthaft, wenn man solch eine an sich dröge Materie wie einen Bankencrash auf dem Bildschirm zum Leben erwecken will.

Gleichzeitig versuchten Dirk Eisfeld (Buch) und Raymond Ley (Regie) aber auch, den Fakten einigermaßen gerecht zu werden. Weshalb sie in ihren 90-minütigen Film immer wieder Statements von Personen montierten, die seinerzeit im Management am Zusammenbruch der Bank beteiligt, als Sparer von dem Crash betroffen bzw. durch das politische Handling involviert waren. Da waren auf der einen Seite Karl Dannenbaum, der ehemalige Chef der Lehman-Vertretung in Deutschland, Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet oder der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Auf der anderen Seite standen Menschen, die durch die Pleite nahezu ihr gesamtes Vermögen verloren hatten. Einige der Geprellten zogen es vor, anonym zu bleiben, andere zeigten mutig ihr Gesicht. So etwa die Frau, die gestand, einem Telefonverkäufer – Vorbild für den skrupellosen Alex im Film – nicht nur ihr Geld anvertraut, sondern sich sogar einmal privat mit ihm getroffen zu haben.

Und dann war da noch das fiktive Gastronomen-Ehepaar Claudia und Torsten Büttner (Susanne Schäfer und Oliver Stokowski), das in Frankfurt das Lokal „Zum grauen Bock“ betrieb (der Name war eine mäßig originelle Anspielung auf die frühere ARD-Kultsendung) und das sich schließlich von Arno Breuer überreden ließ, das ersparte Geld in Lehman-Papiere zu investieren. Der Wandel des zu Beginn doch so anständigen Beraters kam dabei arg unvermittelt. Dass allein die Androhung einer Versetzung das Umdenken bewirkt haben sollte, erschien wenig plausibel. Wie in diesem Doku-Drama manches nicht ganz überzeugend ausfiel.

So nachvollziehbar es war, die Auswirkungen der gravierenden Finanzkrise auf deutsche Kleinsparer anschaulich zu machen, so wenig machte der Film deutlich, wie es überhaupt zu jenem Crash kommen konnte und weshalb dieser Zusammenbruch einer Bank in den USA die Finanzmärkte rund um den Globus in eine derart schwere Krise stürzte. Bei den Lehman-Papieren, so erklärte der ehemalige Deutschland-Chef der Bank in einem Statement, habe es sich um hochkomplexe Produkte gehandelt, die die Bankberater letztlich selbst nicht verstanden hätten. Möglich, dass Buch und Regie hier auch deshalb gar nicht erst den Versuch unternahmen, diese komplizierten Zusammenhänge transparent zu machen.

So hinterließ dieser Film (Produktion: AVE Publishing) einen zwiespältigen Eindruck und erreichte nicht jene Qualität und Intensität, die Raymond Leys frühere, mehrfach preisgekrönte Doku-Dramen ausgezeichnet hatten. So etwa „Eine mörderische Entscheidung“ (ARD/Arte; vgl. FK-Heft Nr. 35/13), „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ (ZDF; vgl. MK-Kritik) oder „Tod einer Kadettin“ (ARD; vgl. MK-Kritik). Was damit zu tun haben könnte, dass in diesen Filmen eher klar umrissene, überschaubare Konflikte abgehandelt wurden. Eine globale Finanzkrise mit ihren Auswirkungen ins Bild zu setzen, ist demgegenüber fraglos eine andere Herausforderung, der Regisseur Raymond Ley und Autor Dirk Eisfeld trotz vieler guter Ansätze hier nicht wirklich gerecht wurden.

Interessant am Rande: Die ARD zeigte den Film „Lehman. Gier frisst Herz“ innerhalb von drei Tagen zweimal im Ersten. Zunächst wurde er am 23. September um 21.50 Uhr – nach einer Folge „Polizeiruf 110“ – auf dem Sendeplatz der sonntäglichen Talkshow „Anne Will“ gezeigt, die an diesem Tag pausierte. Hier sahen den Film 1,96 Mio Zuschauer (Marktanteil: 8,6 Prozent). Und dann lief das Doku-Drama noch einmal am 25. September (Dienstag) gegen Mitternacht nach einer ARD-„Sportschau“ mit Bundesliga-Fußball. Bei dieser zweiten Ausstrahlung hatte der „Lehman“-Film 470.000 Zuschauer (5,8 Prozent).

19.10.2018 – Reinhard Lüke/MK