Chris Geletneky/Sascha Albrecht/Hermine Huntgeburth: Einmal Hallig und zurück (Arte/ARD)

Kracherlady nervt Lachseeschwalbenschützer

21.11.2015 •

„Ich bin ein einziges Klischee“, sagt die Klatschreporterin Fanny Reitmeyer in einem klaren Moment über sich selbst: „Ich habe einen völlig sinnlosen Job, meine besten Freunde kenne ich alle nur von irgendwelchen Charity-Veranstaltungen, mein Sexualleben, das findet größtenteils auf den Herrentoiletten der Vorstandsetagen statt.“ Damit hat sie einerseits natürlich Recht. Und andererseits auch wieder nicht: Denn in einem durchschnittlichen Fernsehfilm würden diese Eigenschaften Fanny Reitmeyer als unsympathischen Charakter festschreiben, sie zu einer oberflächlichen, humorlosen und zickigen Schnepfe und eben zu einem Klischee machen.

Wie schön, dass „Einmal Hallig und zurück“ (Produktion: Brainpool TV) kein durchschnittlicher Fernsehfilm ist: Die mit glänzenden Kostümen, dicken Perlenketten, High Heels, Haarkissen und falschen Wimpern stets absurd aufgetakelte Fanny (Anke Engelke) ist lustig, schlagfertig und schlau. Sie hat bei allem zur Schau getragenen Zynismus das Herz am rechten Fleck, wie man so sagt, und mit ihrer verzweifelten Verdrängung des eigenen Alters zudem etwas tragisch Anrührendes. Eine Nervensäge und Quasselstrippe ist sie auch, aber eben eine, die man dennoch mag. Die Drehbuchautoren Chris Geletneky und Sascha Albrecht haben diese runde, echte Figur geschrieben, und man hört den witzigen, schnellen Sätzen wie den Dialogen des ganzen Films die langjährige „Ladykracher“- und „Pastewka“-Erfahrung der beiden an.

Neben den beiden Autoren und Hauptdarstellerin Anke Engelke ist auch deren „Ladykracher“-Sketchpartner Charly Hübner bei „Einmal Hallig und zurück“ mit von der Partie. Dass hier ein eingeschworenes Team bei der Sache war und sich offenbar auch mit der ‘externen’ Regisseurin Hermine Huntgeburth gut verstand, merkt man der ebenso liebenswerten wie originellen Komödie an. Der bei Arte erstausgestrahlte Film erzählt davon, wie besagte Fanny Reitmeyer, angestellt bei der norddeutschen Tageszeitung „Mega“, endlich einmal etwas Relevantes schreiben möchte und – gegen den Willen ihres Chefs und Liebhabers Bernd – Hinweisen auf einen Fall von Wirtschaftsbetrug nachgeht. Darin verwickelt sind höchste Kreise, so zum Beispiel der Umweltminister und der Vorstandsvorsitzende eines mächtigen Energiekonzerns.

Weil deren Schergen die hartnäckige Reporterin bedrohen, muss Fanny untertauchen: Bernd schickt sie kurzerhand zur Recherche zu einem Naturschützer, der alleine auf einer abgeschiedenen Hallig im nordfriesischen Wattenmeer lebt. Dieser Hagen Kluth ist ein ungehobelter Zausel, der sein Dasein ganz dem Schutz der Lachseeschwalbe verschrieben und natürlich überhaupt keine Lust hat auf die dauerplappernde Kracherlady aus der Stadt. Wie diese beiden gegensätzlichen Typen – man kennt die dramaturgische Struktur – nun gemeinsame Interessen und irgendwann sogar Sympathie füreinander entdecken, das wird hier tatsächlich ganz frisch erzählt, mit viel Esprit und Charme und Drive.

Neben den gewitzten Dialogen und dem guten Gespür der Regie für Pointe und Rhythmus sind es die Darsteller, die diesen Film zu einer so vergnüglichen Sache machen: allen voran Anke Engelke, die mit herrlicher Ungerührtheit wahnsinnig komische One-Liner vorzubringen vermag, aber auch stimmige Blicke und Gesten findet für die tragische Dimension ihrer Figur. Charly Hübner spielt den unzivilisierten Ökokrieger gewohnt gut, eigenbrötlerisch-brummbärig und auch mit rührenden Momenten. Dazu kommen die mit Dagmar Leesch, Robert Palfrader, Lars Rudolph und Jan Peter Heyne, der das Sidekick-Trio von Fischern anführt, durchweg gut besetzten Nebenrollen.

Schön ist auch, wie diese Komödie dezent – sozusagen als Hintergrundfolie und durchaus differenziert – die Themen Naturschutz, „Green Washing“ und alternative Energien als Mittel für skrupellosen Profit verhandelt, ohne jemals ins Moralinsaure abzugleiten: Da ist der ebenso flotte wie lustige Tonfall vor. (Im Ersten Programm der ARD läuft der Film am 25. Mai 2016.) 

21.11.2015 – Katharina Zeckau/MK

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