Carolin Otto/Christiane Balthasar: Bier Royal. 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Unausgegorener Intrigantenstadl

08.02.2019 •

„Bier Royal“: Der Anklang bei diesem ZDF-Zweiteiler an „Kir Royal“, die legendäre Helmut-Dietl-Serie über die Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft, den Boulevard und die Abgründe der Schönen und Reichen, ist mutig. Oder, je nachdem wie man’s nimmt, einigermaßen größenwahnsinnig. Denn damit wird eine enorme Fallhöhe vorgegeben. Und natürlich kommt „Bier Royal“ qualitativ nicht einmal ansatzweise in die Nähe der aus den 1980er Jahren stammenden, im Auftrag des WDR entstandenen ARD-Serie, die auch über 30 Jahre nach ihrer Erstausstrahlung noch immer ihre treuen Fans hat.

Dass „Bier Royal“ einmal Kultstatus entwickeln könnte, ist ziemlich undenkbar. Dafür überzeugt dieser zweimal 90-minütige Fernsehfilm, der sich lange nicht entscheiden kann, ob er nun harmlose Komödie, bissiges Gesellschaftsporträt oder überspitzte Satire sein will, deutlich zu wenig. Zwar nimmt die Story in ihrer zweiten Hälfte spürbar an Fahrt und Witz auf und schafft es dann sogar mal in vereinzelten Momenten, zur selbstgeschaffenen Vergleichsgröße „Kir Royal“ aufzuschließen, insgesamt aber fällt die Bilanz sehr durchwachsen aus.

„Bier Royal“ (Produktion: Moovie) erzählt von der Familiendynastie hinter der fiktiven Münchner Brauerei „Arnulfbräu“. Der verblichene Patriarch Franz-Xaver Hofstetter ist noch nicht einmal unter der Erde, als bereits der Kampf ums Erbe eröffnet wird. Ansprüche erheben sowohl Franz-Xavers zweite Frau Gisela (Gisela Schneeberger) als auch Vicky (Lisa Maria Potthoff), die Tochter aus erster Ehe, die eigentlich in den USA lebt und mit ihrem Mann Dan (Michael Klammer) zur Beerdigung anreist. Vicky verdächtigt Gisela, das Testament manipuliert zu haben. Laut dem Dokument fällt das größte Stück der Brauerei-Anteile an Gisela. Nachzuweisen ist ein Betrug der schnippischen Gisela, die es einst von der Sekretärin ihres Franz-Xaver über die Zwischenstation ‘heimliche Geliebte’ bis hin zur Gattin brachte, allerdings nicht. Da „Arnulfbräu“ jedoch in Geldschwierigkeiten steckt, gelingt es Vicky, ihre Konkurrentin zu erpressen und aus dem Unternehmen zu drängen.

Die Geschäfte führt Vicky daraufhin gemeinsam mit Dr. Erich Maxlhuber (Robert Palfrader), der genau wie seine langjährige Vertraute Gisela für die „alte Welt“ steht: Klüngelei mit der lokalen Politik, die Tradition hochhalten und bloß keine Veränderungen. Vicky und Dan hingegen sind Veganer und wollen die Brauerei zu einem Vorreiter in Sachen biologisch-nachhaltiger Unternehmenskultur umbauen.

Rund um den zentralen Konflikt zwischen Gisela und Vicky gruppiert sich ein ganzer Menschenkosmos, der von Familienangehörigen – darunter Vickys Halbbruder Patrick (Franz Pätzold) und ihr einstiges Kindermädchen Rosa (Marianne Sägebrecht) – über die Münchner Oberbürgermeisterin Ines Mangfall (Ute Willing) bis hin zur Boulevardjournalistin Renate Rottmann (Ulrike Kriener) und deren Chef Spreti (Thomas Loibl) reicht. Die letzteren beiden sind, wenn man so will, mit ihren ironisch-anspielungsreichen Schlagabtäuschen die Pendants zum Boulevardreporter „Baby“ Schimmerlos und seiner Verlegerin Friederike von Unruh aus „Kir Royal“.

Den Schickeria-Kosmos mitsamt seiner Randgebiete einzuführen, dafür nimmt sich der von Carolin Otto geschriebene und Christiane Balthasar inszenierte Film viel Zeit. Das wäre für sich genommen noch kein Fehler. Allerdings ist der Film dabei zu einfallslos – und viel zu wenig böse. Was ein Problem ist, wenn man, so wie hier, stark auf Klischees setzt. Wo die bekannten dramaturgischen Versatzstücke in der fiesen Überspitzung als satirische Elemente funktionieren würden, sind sie hier ohne diese Übertreibung einfach nur das, was sie sind: Klischees. So fragt man sich während des ersten Teils denn auch ständig, ob dieser unausgegorene Film nun eigentlich eine brave Komödie oder doch lieber eine freche Satire sein will. Eine Unklarheit, die auch der betont beschwingten Komödienmusik anzulasten ist, die hier über gefühlt jeder Szene ausgegossen wird.

Zudem bleiben die Figuren der Geschichte lange blass und eindimensional, vor allem Vicky und Dan, die lediglich als attraktives Paar in Szene gesetzt werden, ansonsten aber kaum Eigenschaften entwickeln dürfen. Vickys Halbbruder Patrick, Sohn von Franz-Xaver und Gisela, wird in seiner betonten Schrägheit auch kein stimmigerer Charakter. Und zumindest in den ersten 90 Minuten vermag es nicht einmal die legendäre Gisela Schneeberger, ihre Brauerei-Erbin als runde Figur zu gestalten – fast scheint es, als wäre „Schnippisch sein!“ die einzige Regieanweisung an sie gewesen während der Dreharbeiten zum ersten Teil.

Dabei zeigen nicht wenige Dialogblüten und so manch dramaturgischer Einfall, dass Drehbuchpotential durchaus vorhanden war – es wird aber erst in der zweiten Hälfte der Produktion auch einigermaßen ausgeschöpft und zum Leben erweckt. Dann fangen zumindest einige der Figuren etwas zu schillern an, gewinnen weitere Farben hinzu, bieten dem Zuschauer Identifikationspotential. Der Ton wird böser, härter, bissiger, das Tempo zieht an, mehr Pointen zünden – so dass man am Ende des insgesamt 180-minütigen Intrigantenstadls fast versöhnt ist mit diesem ZDF-Zweiteiler. Aber eben doch nur fast.

08.02.2019 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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