Selbstvergewisserung

Der WDR erinnerte an den ersten Kölner Rundfunkintendanten Ernst Hardt

Von Brigitte Knott-Wolf
28.02.2017 •

Radio als neues Massenmedium begann sich hierzulande in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu verbreiten. Aus Köln wurde zum ersten Mal am 15. Januar 1927 gesendet. Man war allerdings spät dran, denn in den Jahren zuvor hatte es in Deutschland bereits zahlreiche neue Radiosender gegeben; die französische Besatzungsmacht jedoch, die seit Ende des Ersten Weltkriegs das Rheinland verwaltete, hatte dort jegliche Rundfunktätigkeit untersagt. So konnte erst nach Ende der Besatzungszeit in Köln, im Jahr 1926, eine Rundfunkanstalt gegründet werden: Es war die privatrechtlich organisierte Westdeutsche Rundfunk-Aktiengesellschaft (WERAG). Eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt entstand in Köln erst nach dem Zweiten Weltkrieg, zunächst als Dependance des in Hamburg beheimateten Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), dann ab 1956 als selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt namens Westdeutscher Rundfunk (WDR).

Nur insgesamt sechs Jahre, von 1927 bis Anfang 1933, war aus Köln das über Mittelwelle weltweit ausgestrahlte weltoffene, kulturell anspruchsvolle Radioprogramm der WERAG zu hören, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen und sich auch und gerade des Radios für ihre politischen Zwecke bedienten. Verantwortet und geprägt wurde das Kölner Programm von Ernst Hardt (1876 bis 1947), dem Gründungsintendanten der WERAG, der – bevor er im Juli 1926 in dieses Amt berufen worden war – bereits als Autor und Theaterintendant von sich Reden gemacht hatte.

Rundfunkpionier der ersten Stunde

Die Gedenkveranstaltung „Erinnerung an Ernst Hardt“, die am 26. Januar 2017 im Kleinen Sendesaal des WDR-Funkhauses in Köln stattfand, diente auch der Selbstvergewisserung über die Aufgabe des Rundfunks in heutiger Zeit. So hob WDR-Intendant Tom Buhrow in seiner Eröffnungsansprache Hardts „Haltung, Zivilcourage und sehr großes Engagement“ hervor und zog im Lauf der Veranstaltung immer wieder Verbindungslinien zum eigenen Programmverständnis. Offizieller Anlass für diese Veranstaltung war der 70. Todestag des am 3. Januar 1947 verstorbenen ersten Intendanten. Man hätte eigentlich, so Buhrow, anstelle dieses Datums mit Bezug auf das Datum des Sendebeginns der WERAG, am 15. Januar 1927, auch den 90. Jahrestag des Programmstarts feiern können.

Doch im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung stand die Person Ernst Hardt. Den eigentlichen Festvortrag hielt Fritz Pleitgen. Es ist schon eine ganze Weile her, seit man Buhrows Vorgänger im Amt des WDR-Intendanten zuletzt bei einer Ansprache im Kölner Funkhaus erleben konnte, denn Pleitgens Amtszeit als WDR-Intendant war im März 2007 zu Ende gegangen. Jetzt würdigte er Ernst Hardt als Rundfunkpionier der ersten Stunde und als Vertreter eines Rundfunkverständnisses, das auch heute noch Vorbildcharakter habe. Die Nationalsozialisten jedoch bekämpften Hardt von Anfang an und entfernten ihn, sobald sie dazu die Macht hatten, aus dem Amt. Zuvor hatte er sich geweigert, jüdische Mitarbeiter der WERAG zu entlassen.

Zum ersten Mal, so Pleitgen, sei er auf Ernst Hardt aufmerksam geworden, als er 1994, nach seiner Ernennung zum WDR-Hörfunkdirektor, im Flur des alten Funkhauses am Wallrafplatz auf drei Bronzemasken gestoßen sei: die des Physikers Heinrich Hertz, der die elektromagnetischen Wellen entdeckte, die des Ingenieurs Hans Bredow, der Rundfunk in Deutschland technisch und später als Rundfunkkommissar der Reichspost auch politisch durchsetzte, und die des Kölner Gründungsintendanten Ernst Hardt. Diese den Pionieren des Radios gewidmeten Bronzemasken hingen lange in dem Nachkriegsbau, der 1952 eingeweiht worden war, wurden dann aber, in der Nach-Pleitgen-Ära, in Zuge einer Renovierung des Gebäudes von der Wand abgenommen. Jetzt überlege man, sie wieder aufzuhängen, so kündigte es Tom Buhrow auf der Gedenkveranstaltung noch etwas vage an. Einen Ehrenplatz an der Wand des Kleinen Sendesaals hatte das Konterfei von Ernst Hardt jedenfalls während dieser Feierstunde.

Ernst Hardt wurde am 9. Mai 1876 in Graudenz an der Weichsel geboren und besuchte zunächst eine preußische Kadettenanstalt, eher er sich dazu entschloss, statt eine Offizierskarriere anzustreben, sich als Schriftsteller in Berlin niederzulassen. In Köln trat er sein Amt als „Generalintendant“ am 3. Juli 1926 an, ein halbes Jahr bevor das WERAG-Programm dann auf Sendung ging. Er nannte sich ‘Künstlerischer Leiter’, war also im Grunde genommen auch Programmdirektor in Personalunion. Als journalistisches Unternehmen im heutigen Sinn verstand man den Rundfunk damals noch nicht: Die aktuellen Nachrichten, die das Radio sendete, wurden für das Programm fix und fertig von einer staatsnahen Berliner Institution zugeliefert. Aber auch mit dem Verständnis des Radios als eines Kulturträgers war es noch nicht weit her. „Sie sind der Einzige, der aus diesem Kasten ein Kulturinstrument machen kann!“, soll Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln, zu Ernst Hardt gesagt haben, als der zunächst zögerte, den ihm von Adenauer angebotenen Posten eines Rundfunkintendanten anzunehmen.

Liberalität, Pazifismus, Aufklärung, Integration

Das Zitat findet sich in dem im März 2015 im Essener Klartext-Verlag erschienenen Buch „‘Den Menschen immer mehr zum Menschen machen.’ Ernst Hardt 1876-1947“. Die Autorin des Buchs ist Birgit Bernard, eine promovierte Historikerin, die seit 1994 als Dokumentarin und Archivarin im Historischen Archiv des WDR arbeitet. Ihre Hardt-Biografie, die sehr detailliert dessen Lebensweg nachzeichnet und dabei den Schwerpunkt auf seine Rundfunktätigkeit legt, der Öffentlichkeit vorzustellen, mag ein weiterer Grund für die Gedenkveranstaltung gewesen sein.

Ernst Hardts erste Tätigkeit in Köln bestand darin, ein Rundfunkorchester aufzubauen und einen radioerfahrenen Dirigenten zu engagieren. So holte er den bis dahin bei der Berliner Funkstunde beschäftigten Wilhelm Buschkötter nach Köln. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Entwicklung des Hörspiels als radioeigene Kunstform, bei der es vor allem auf den literarischen Kern dieses Genres ankam: das Wort. Mit der Kölner WERAG, die der von 1924 bis 1926 zunächst unter dem Namen WEFAG (Westdeutsche Funkstunde AG) von Münster aus tätigen Rundfunkanstalt nachfolgte, wurde aus einer kleinen Münsteraner Radiostation mit eindeutig politisch-missionarischem Auftrag – nämlich das besetzte und separatistischer Neigungen verdächtigte Rheinland mit vorwiegend deutschnationalen Tönen zu beschallen – ein kulturell anspruchsvoller Hörfunksender, der weltweit Beachtung fand.

Hardts Qualitätsansprüche beinhalteten jedoch nicht gleichzeitig einen elitären Kulturbegriff; ganz im Gegenteil förderte er beispielsweise ebenso regionale Autoren und die Arbeiterliteratur. Seine Absicht war es – auch dieses Zitat von Hardt ist in der Biografie von Birgit Bernard zu finden –, „das Leben, wie es ist, durch den Kasten gehen zu lassen“. Indem es Weltoffenheit und Liberalität propagierte, wurde dieses von Hardt gestaltete Programm allerdings sehr bald zur Zielscheibe rechtsextremer Kritiker. Hardts Medienethik umschrieb Bernard beim Podiumsgespräch mit diesen Begriffen: Liberalität, Pazifismus, Werte der Aufklärung, humanitäre Einstellung, Integrationsbemühen. Ebenso hatte Fritz Pleitgen bereits in seiner Abschiedsrede als WDR-Intendant im Jahr 2007 festgestellt: „Der liberale Geist der Toleranz und Aufgeklärtheit zog bereits in der Weimarer Zeit in unser Haus“ (Zitat aus dem Buch). Gegen Ende der Amtszeit von Ernst Hardt war die WERAG nach der Berliner Funkstunde der zweitgrößte deutsche Radiosender. Dieser Umstand verdankte sich jedoch auch der starken technischen Sendeleistung, die vom ebenfalls neu errichteten Sender Langenfeld aus ging, ein „europäischer Superlativ“ in technischer Hinsicht, wie Birgit Bernard schreibt.

Bevor Hardt nach Köln kam, war er in Weimar Intendant am Theater der Stadt (1919 bis 1924). Er war der Hausherr dort, als die deutsche Nationalversammlung im Weimarer Theater die erste deutsche Republik gründete, ein Umstand, der ihr den Namen Weimarer Republik gab und dem Theater Anlass bot, sich in Deutsches Nationaltheater umzubenennen. Das Parlament soll sogar auf seinen Vorschlag hin in Weimar getagt haben, wie Hardt in einem Schreiben an den NWDR aus dem Jahr 1947 vermerkte (Bernard, S. 173f.). Er hat dieser Weimarer Republik offensichtlich positiv gegenübergestanden, was damals keine Selbstverständlichkeit war. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Westdeutschland ein neues Rundfunksystem aufgebaut werden sollte, hat man sich sofort an Ernst Hardt erinnert. Er wäre vermutlich, hätte es ihm sein Gesundheitszustand erlaubt, einer der Gründungsväter des neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Bundesrepublik geworden.

Radio als Kulturmedium

Ernst Hardt hat dem neuen Medium Radio mit der Positionierung als Kulturmedium nicht nur das Renommee verschafft, das es für seine Akzeptanz benötigte, sondern auch die nötige Unabhängigkeit vom politischen Tagesgeschäft. Einen Eindruck davon, wie neu dieses Medium Radio für das Publikum damals war, konnten die zur Feierstunde in Köln Versammelten durch Ausschnitte aus einem (in voller Länge acht Minuten dauernden) Stummfilm von 1928 über das Radiomachen gewinnen, mit dem die WERAG seinerzeit um Hörer für ihr Programm warb. Auch ein Hörbeispiel mit einem Originalton von Hardt wurde eingespielt, es enthielt einführende Worte zu einem Hörspiel. Des Weiteren wurde ein sprachlich sehr ausgefeilter Text von Hardt rezitiert: eine „Rede an die Schwarzhörer“.

Unter den Gästen im Kölner Funkhaus befand sich auch eine Enkelin von Ernst Hardt: die inzwischen über 80-jähige FDP-Politikerin Cornelia Schmalz-Jacobson. Sie, die insbesondere als Ausländerbeauftragte der Bundesregierung (1991 bis 1998) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist, fühlt sich ihrem Großvater noch immer verbunden. In ihrem Buch „Zwei Bäume in Jerusalem“ (2002) hat sie beschrieben, wie ihre Mutter, eine Tochter von Ernst Hardt, und ihr Vater sich im Dritten Reich für verfolgte Juden eingesetzt hatten und deshalb in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt wurden.

Hardt-Biografin Birgit Bernard berichtete, dass sie über elf Jahre an dem Buch gearbeitet habe. Damals, im Jahr 2006, hatte der WDR unter der Ägide seines Intendanten Fritz Pleitgen offiziell den 50. Geburtstag des Senders gefeiert und hatte aus diesem Anlass eine drei Bände umfassende WDR-Geschichte mit dem Titel „Am Puls der Zeit“ vorgelegt, herausgegeben von Klaus Katz. Deren erster, die Jahre 1924 bis 1955 umfassender Band widmete sich den „Vorläufern“ des WDR und damit auch der WERAG unter Ernst Hardt; zum Autorenteam dieses Bandes gehörte schon damals Birgit Bernard. Bei dieser Arbeit mag seinerzeit auch der Wunsch entstanden sein, das über Ernst Hardt zusammengetragene Archivmaterial zum Grundstock für eine eigenständige Biografie zu machen.

Einen ersten WDR-eigenen „Versuch über Ernst Hardt“ hatte es bereits in Form eines Aufsatzes von Wolf Bierbach gegeben, erschienen in dem 1974 von Walter Först herausgegebenen Aufsatzband „Von Köln in die Welt. Beiträge zur Rundfunkgeschichte“ (S. 363 bis 405). Während der Feierstunde am 26. Januar im Kölner Funkhaus regte nun WDR-Altintendant Fritz Pleitgen an, die Erinnerung an Ernst Hardt künftig beispielsweise in Form der Auslobung eines Hörspielpreises in dessen Namen zu bewahren.

28.02.2017/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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