USA: Late-Night-Shows als Popkultur-Phänomen

07.09.2015 •

Johnny Carson, David Letterman und Jay Leno sind Namen, die jedem Amerikaner geläufig sind. Über Jahrzehnte beherrschten deren Talkshows am späten Abend die Sendepläne der Broadcast-Networks. Diese Stars waren so erfolgreich, dass Kabelsender und Internet-Anbieter nicht umhinkonnten, sie zu imitieren. Doch Carson ist schon zehn Jahre tot, Letterman ging nach über 6000 Ausgaben seiner „Late Show“ (CBS) im Mai dieses Jahres in den Ruhestand und Leno hat sich Anfang 2014 von der „Tonight Show“ (NBC) zurückgezogen. Die Furcht war groß, dass kein Nachfolger ihnen das Wasser würde reichen können. Inzwischen gab es auch die „Daily Show“ mit Jon Stewart und den „Colbert Report“ mit Stephen Colbert bei Comedy Central und „Jimmy Kimmel Live!“ bei ABC. Das Angebot an Talkshows wuchs in den vergangenen zehn Jahren im US-Fernsehen ins kaum noch Übersehbare. Jeder Amerikaner hatte seinen eigenen Favoriten. Bis der nächste Umbruch kam.

Der 40-jährige Jimmy Fallon wechselte schon im vorigen Jahr zur „Tonight Show“, Stephen Colbert tritt am 8. September Lettermans Nachfolge bei der „Late Show“ an und der 31 Jahre junge Südafrikaner Trevor Noah übernimmt am 28. September die „Daily Show“. Nun fragt man sich: Müssen die Networks ums Publikum bangen? Stehen ihnen spürbare finanzielle Einbußen bevor? Alles spricht für das Gegenteil. Die Allgegenwärtigkeit der Late-Night-Shows und deren hohe Nutzerzahlen im Streaming-Bereich und bei der digitalen Videoaufzeichnung (DVR) haben das Genre zu einem Popkultur-Phänomen gemacht, das vor allem auch von jungen Zuschauern begeistert aufgenommen wird. „Late Night Is Where the Action Is“, diesen Satz hört und liest man in jüngster Zeit in Publikationen aller Art in den USA.

600 Mio Dollar Werbeeinnahmen im Jahr 2014

Jimmy Fallon ist gerade mal ein Jahr dabei, da hat NBC seinen Vertrag schon bis ins Jahr 2021 verlängert. Er hat die Quoten seines Vorgängers Jay Leno nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen: 1,4 Mio Zuschauer der von den Werbetreibenden begehrten Altersgruppe zwischen 18 und 49 Jahren hocken um mitternächtliche Zeit vor den Bildschirmen, um nur ja keine seiner Ausgabe der „Tonight Show“ zu verpassen.

Robert Greenblatt, Entertainment Chairman bei NBC, bezeichnet die „Tonight Show“ heute als „außerordentlich profitabel“. Ähnlich sieht die Bilanz bei allen anderen Sendungen des Genres aus. Die Werbetreibenden gaben im Jahr 2014 allein für Commercials während der Talkshows am späten Abend insgesamt knapp 600 Mio Dollar aus, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Vorhersagen der Skeptiker, dass sich wegen der fortschreitenden Verjüngung und Umorientierung des Publikums die Abwanderung zum Streaming-Angebot zu Ungunsten der Fernsehausstrahlungen verstärken werde, trifft auf die Late-Night-Shows nicht zu. 92 Prozent sehen „Jimmy Kimmel Live!“ bei ABC auch wirklich live. 81 Prozent der Zuschauer schalten NBC ein, wenn die „Tonight Show“ läuft. Zum Vergleich: Die Primetime-Serien von NBC werden nur noch von 62 Prozent des Publikums live gesehen. Nun warten alle gespannt auf die ersten neuen Auftritte von Stephen Colbert und Trevor Noah. Colbert ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Vielen gilt er sogar als der beste unter den politischen Satirikern im US-Fernsehen. Doch die „Late Show“ ist ein anderes Format als sein erfolgreicher „Colbert Report“.

Trevor Noah hingegen muss erst noch beweisen, dass er sich im amerikanischen Milieu zurechtfindet. Sein provokanter Stil ist in der Internet-Community schon ein paarmal angeeckt, unter anderem ging es dabei um seine Späße auf Kosten von Frauen und Juden. Doch Comedy Central hat keine Angst: „Unsere Zuschauer sind jünger als die der Broadcast Networks. Sie sind aufnahmebereit für das Neue und Nächste, vielleicht bevor andere es sind“, heißt es seitens des Senders. Fragt sich nur, ob das auch auf zutrifft, wenn es mal wieder zu unsensiblen Äußerungen gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen kommen sollte. Amerikaner sind da sehr hellhörig.

07.09.2015 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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