Bei uns ist das Volk

Die Bedeutung von Qualitätsmedien in unsicheren Zeiten

Von Jan Metzger

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13.11.2017 • Über die Rolle der Medien im digitalen Zeitalter wird seit längerer Zeit verstärkt diskutiert. Das insbesondere von politisch interessierten Kreisen eingesetzte Wort von den „Fake News“ etwa stellt die Medien vor verstärkte Herausforderungen bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft. Im folgenden Artikel schreibt Radio-Bremen-Intendant Jan Metzger, 61, dass es für Qualitätsmedien „in den Zeiten des Netzes“ keinen Grund gibt, sich verunsichern zu lassen, sondern dass „die Aufgabe und die gesellschaftliche Funktion von Qualitätsjournalismus“ heute wichtiger seien denn je: „Wir haben in Zeiten wie diesen die große Chance, unsere Bedeutung und unsere Rolle in der Gesellschaft noch stärker herauszuarbeiten.“ Jan Metzger, geb. am 27.1.1956 in Bonn, studierte Geschichte, Politik und Soziologie in Freiburg, Berlin, Frankfurt am Main und Mexiko-City. Nach dem Abschluss seines Magisterstudiums im Jahr 1982 an der Frankfurter Universität begann er 1983 seine berufliche Laufbahn beim Hessischen Rundfunk (HR), für den er in den folgenden Jahren in Hörfunk und Fernsehen in verschiedenen Positionen tätig war, unter anderem als Leiter der Radiowelle HR 1 und danach als Chef des Dritten Fernsehprogramms des HR. Im September 2006 wechselte Metzger zum ZDF und wurde dort stellvertretender Leiter der Redaktion „Heute-Journal“. Anfang 2009 rückte er zum Leiter des „Heute-Journals“ auf. Am 1. August 2009 übernahm Metzger bei Radio Bremen in der Nachfolge von Heinz Glässgen das Intendantenamt. • MK

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Eine Generation nach dem Versprechen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU), in den neuen Bundesländern würden „blühende Landschaften“ entstehen, fühlt sich dort ein Viertel der Bürgerinnen und Bürger abgehängt und benachteiligt. In Sachsen verliert die CDU bei der Bundestagswahl 2017 rund 170.000 Stimmen an die AfD, die dort mit 27 Prozent aller Zweitstimmen das höchste Ergebnis in einem deutschen Bundesland erzielt und stärkste politische Kraft wird. In Bayern fährt Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer seine Partei gegen die Wand, indem er Kernthemen der AfD gegen seine eigene Schwesterpartei – und damit gegen das eigene politische Lager – nach oben zieht. Rund 150.000 bisherige Wähler der CSU geben bei der Bundestagswahl am 24. September ihre Stimme lieber gleich dem Original AfD, weitere 270.000 CSU-Wähler halten die FDP für die bessere Wahl im bürgerlichen Lager. Die AfD erhält in Bayern mit 12,4 Prozent ihr bestes Ergebnis in einem westlichen Bundesland.1

Noch am Abend der Wahl steht fest, wer angeblich schuld ist an diesem Debakel: Nach Ansicht führender Christsozialer und Sozialdemokraten waren es die Medien, namentlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk, welche die AfD stark gemacht haben. Anstatt eigene politische Fehler zu analysieren, wird bei den Medien als den Überbringern der schlechten Nachrichten die Schuld gesucht. „Ziemlich schwach“ fand das ARD-Moderator Rainald Becker schon am Wahlabend in der sogenannten Elefantenrunde.

Inzwischen hat sich der Pulverdampf etwas verzogen, die Adrenalinspiegel sind wieder gesunken – und damit ist vielleicht der Moment für eine tiefergehende Analyse und für einen Blick auf die Fakten gekommen. „Schuld“ ist für eine solche Analyse keine brauchbare Kategorie – sind wir doch alle, Bürger, Politiker und Medien, nicht mit isolierten Phänomenen der Berichterstattung („zu viel AfD“) konfrontiert, sondern mit einem tiefgreifenden Wandel unserer gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit, den die neue Rechtspartei besonders geschickt für sich zu nutzen weiß.

Was passiert da gerade und was ist die Rolle, die Qualitätsmedien – und namentlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk – in dieser Situation spielen können?

Es ist am Morgen nach dem Brexit-Referendum – Freitag, der 24. Juni 2016, 6.31 Uhr: Gerade eben ist klar geworden, dass Großbritannien die Europäische Union verlassen wird. Und Nigel Farage, der Anführer der UK Independance Party (UKIP), Motor hinter der Brexit-Kampagne, räumt ein: Großbritannien wird nach dem Austritt keineswegs 350 Millionen Pfund pro Woche sparen und dieses Geld in das Gesundheitssystem der Insel stecken können. Die Rede von der 350-Mio-Pfund-Ersparnis war einer der zentralen Slogans der Brexit-Befürworter. Wenige Stunden später: Ein anderer führender Kopf der „Leave“-Kampagne, der konservative Abgeordnete Daniel Hannan, erklärt: Es ist wenig wahrscheinlich, dass nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU die Einwanderung tatsächlich reduziert werden kann. Auch das war ein Schlüsselclaim der „Leave“-Kampagne.

Das „postfaktische“ Zeitalter

Katharine Viner, die Chefredakteurin der Tageszeitung „The Guardian“, schreibt in ihrem lesenswerten Stück „Wie Technologie die Wahrheit zertrümmert hat“2 dazu: „Es ist sicher nicht das erste Mal, dass Politiker Wahlversprechen nicht halten. Es ist aber möglicherweise das erste Mal, dass sie schon gleich am nächsten Tag von zentralen Versprechen abrücken.“ Warum sie das tun mussten? „Der Brexit war die erste größere Abstimmung in der Ära der postfaktischen Politik“, schreibt Viner. Die Versprechen aus einem Wahlkampf jenseits der Fakten waren einfach nicht zu halten, jetzt, wo es ernst wurde – denn sie waren von der Wirklichkeit nicht gedeckt. Das „Remain“-Lager hatte im Wahlkampf auf Fakten gesetzt, auf Experten, auf den Versuch, mit Argumenten zu überzeugen.

Das „Leave“-Lager konterte mit dem Vorwurf, dies alles sei nur eine Angstkampagne, Experten würden nur nerven – und arbeitete seinerseits mit „Gegenfakten“. Der Finanzier der „Leave“-Kampagne, der Versicherungs- und Finanzunternehmer Arron Banks, erklärte gegenüber dem „Guardian“ in aller Offenheit, mit Fakten sei die Brexit-Kampagne eben nicht zu gewinnen gewesen: „Wir haben den amerikanischen Zugang gewählt: Fakten funktionieren nicht. Die ‘Remain’-Kampagne brachte Fakten, Fakten, Fakten. Das funktioniert einfach nicht. Man muss einen emotionalen Zugang zu den Leuten finden. Das ist auch der Erfolg von Trump.“3 Der Brexit war das erste große politische Ereignis der jüngeren Zeit, das nicht im Wege einer inhaltlichen Debatte ausgetragen wurde, sondern bei dem eine Seite ganz bewusst auf Unwahrheiten setzte.

Der Aufstieg von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist das zweite große politische Ereignis: Lügen, Provokationen, gezielte Tabubrüche – das waren die Instrumente, die Trump eingesetzt hat, um seine konservative und rechte Wählerschaft an sich zu binden, vor allem aber um seine Anhängerschaft im Lager der Verunsicherten zu vergrößern. Kellyanne Conway, einer Beraterin von Trump, verdanken wir den neuen Begriff der „alternativen Fakten“, den sie schuf, als sie versuchte, die offensichtlich unwahre Behauptung des damaligen Trump-Sprechers Sean Spicer von der „größten Inaugurationsfeier, die es jemals gegeben hat“, zu rechtfertigen.

Die interessante Frage ist: Wie sind Nigel Farage und Donald Trump damit durchgekommen? Wie funktioniert diese Art von politischem Marketing? Warum waren sie so erfolgreich, obwohl sie mit allem brachen, was politische Debatten in westlichen Demokratien bisher vorwiegend bestimmt hat? Die Analyse lohnt sich, denn ihr Erfolg hat viel mit der Veränderung unserer Öffentlichkeit zu tun – und damit am langen Ende auch mit der Arbeit von uns Medien.

Das ist der Moment, Ryan Holiday kennenzulernen und seine Geschichte. Ryan Holiday ist von Haus aus Werbefachmann. Er ist außerdem Autor, Unternehmer und Kolumnist des „New York Observer“. Holiday hat außerdem – und damit ist er eigentlich bekannt geworden – vor ein paar Jahren einen Bestseller geschrieben: „Trust me. I’m lying. Confessions of a Media Manipulator“. Im Februar 2017, nach Brexit und Trump-Wahl, schrieb Holiday in seiner Kolumne im „New York Observer“: „Es ist mir unangenehm – aber das Buch ist die Marketing-Bibel der Ultrarechten in den USA geworden.“ Wie ist es dazu gekommen?

Marketing durch Provokation

Im Jahr 2009 hatte Ryan Holiday den Auftrag eines krawalligen Autors und Bloggers namens Tucker Max erhalten, mit dem er offenbar auch befreundet war. Max hatte aus einem Band autobiografisch gefärbter Short Stories einen Independent-Film gemacht – Titel: „I Hope They Serve Beer in Hell“ –, hatte aber weder Geld für Werbung noch Zugang zu irgendwelchen namhaften Medien. Holiday und Max standen also vor der Frage: Wie machen wir einen Film bekannt, wenn wir dafür kein Geld ausgeben können?

Ryan Holiday, so erzählt er die Geschichte, kam auf eine eigentlich naheliegende Idee: Wie wäre es mit einer kleinen, preiswerten Kampagne, die dafür aber möglichst krass provoziert und auf diese Weise ihre Wirkung erzielt? Das Ziel war, eine öffentliche Kontroverse um den Film in Gang zu bringen und so de facto andere die Öffentlichkeitsarbeit für den Film machen zu lassen. Holiday setzte also auf gezielte Provokationen gegen liberale und feministische Gruppen: Er gründete zum Beispiel auf Facebook eine Boykottgruppe gegen den Film. Er schaltete selbst beleidigende Anzeigen auf liberalen Websites. Er organisierte Proteste an Colleges gegen das Vorführen des Films. Das alles geschah mit einer einfachen Absicht: so lange Streit, Kontroverse und öffentliches Theater zu provozieren, bis schließlich die großen Medien auf das Phänomen einsteigen würden. Auf diese Weise sollte die Kampagne eine Reichweite bekommen, die sich Ryan und Max sonst nie hätten leisten können. Das Ende der Geschichte: Tucker Max machte Millionenumsätze mit Tickets, DVDs und Büchern. Sein Buch zum Film „I Hope They Serve Beer in Hell“ wurde zur Nummer 1 auf der „New-York-Times“-Bestsellerliste.

Ryan Holiday bezeichnete in diesem Jahr seine Guerilla-Kampagne für den Film seines Freundes als „das Meisterstück eines Trolls“. Und er fügte hinzu: „Wenn Ihnen das Muster bekannt vorkommt, dann ist das kein Zufall.“ Denn seine Methode habe inzwischen Karriere gemacht und werde mittlerweile auch im politischen Marketing eingesetzt – vor allem von kleinen, radikalen, in der Regel rechten Gruppen in den Vereinigten Staaten. Für die Sphäre der politischen Propaganda übersetzt, hatte Holiday die Antwort gegeben auf die Fragen: Wie wird man bekannt, ohne einen teuren Marketing-Apparat? Wie mobilisiert, festigt und vergrößert man eine kleine Anhängerschaft? Wie spannt man den politischen Gegner und die großen Medien für eigentlich randständige und zum Teil obskure eigene Zwecke ein?

Das Spiel mit der Erregung: Die Medienstrategie der AfD

In Deutschland bedient sich die AfD des Drehbuchs von Ryan Holiday. Sie setzt in ihrer Kommunikationsstrategie auf kalkulierte politische Provokation, um ihre öffentliche Wirkung zu multiplizieren. Grenzüberschreitungen, politische Pöbeleien, echte oder inszenierte Eklats – all das passiert nicht zufällig, sondern folgt einer wohlkalkulierten Strategie. Und sie funktioniert, wie im Bundestagswahlkampf 2017 zu besichtigen war. Der klassische Plakat- und Straßenwahlkampf war für die AfD Nebensache. Ihr ging es im Wahlkampf es vor allem um zwei Dinge:

• Die eigene Anhängerschaft zu erreichen, zu mobilisieren und zu festigen. Dafür hat die AfD vor allem auf Facebook gesetzt. Facebook ist das Mittel der Wahl, um schnell und preiswert unter Umgehung lästiger, am Ende kritischer Medien direkt mit den eigenen Anhängern zu kommunizieren. Diese sind in zahlreichen mehr oder weniger geschlossenen Gruppen organisiert und untereinander gut vernetzt. Sie sind engagiert und im Netz extrem aktiv – die virale Verbreitung der Botschaften aus der Parteispitze organisiert sich so von selbst. In den Vereinigten Staaten ist erst in den Monaten nach der Präsidentschaftswahl allmählich deutlich geworden, wie stark die Mechanismen von Facebook im Wahlkampf gewirkt haben: „Die Informationssysteme, die Menschen benutzen, um Nachrichten zu verarbeiten, sind über Facebook umgeleitet worden“, zu diesem Schluss kommt die sehr lesenswerte und detaillierte Analyse „What Facebook Did to American Democracy“ von „The Atlantic“:4 „Die eigentlichen Wurzeln des Wahlsystems wurden destabilisiert: Nachrichten, die Menschen erhalten, Ereignisse, von denen sie denken, dass sie geschehen sind, Informationen, die sie verdauen.“ Wie Facebook im Bundestagswahlkampf gewirkt hat, ist noch zu untersuchen.5

• Und es ging der AfD darum, das Potenzial der Partei durch größere Bekanntheit und eindeutige Botschaften über die vorhandene Anhängerschaft hinaus zu vergrößern, indem sie auch in reichweitenstarke Medien durchdrang. Dafür setzte die AfD auf Provokations-Marketing.

Frühe Beispiele für diese Strategie waren die Äußerungen von Frauke Petry, die seit September 2017 nicht mehr Mitglied der AfD ist, zum möglichen Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge oder die Äußerungen von Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, über das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Für den Bundestagswahl 2017 hat die AfD diese Strategie systematisiert und sich Expertenhilfe geholt: Ihren Internet-Wahlkampf konzipierte und steuerte die Werbeagentur Harris Media aus Texas, die vorher schon erfolgreich für die britische Brexit-Partei UKIP gearbeitet hatte und für das Team von Donald Trump. Das Ergebnis waren Motive wie zum Beispiel „Die Blutspur der Kanzlerin“ oder „Die Eidbrecherin“, mit denen Angela Merkel (CDU) persönlich für die Opfer terroristischer Gewalt in Europa verantwortlich gemacht wurde.

Das Muster der AfD-Kampagne war, was Ryan Holiday 2009 erfunden hatte und was seitdem im Propaganda-Lehrbuch rechter Bewegungen in den USA und in Europa steht: Je größer die Provokation, desto lauter der empörte Aufschrei der Gegenseite und desto mehr Berichterstattung in den Medien. Provokation schafft Reichweite.

Wie gut Provokations-Marketing funktioniert und in welchem Dilemma klassische Medien dieser unverfrorenen Strategie gegenüber stecken, zeigt beispielhaft eine Episode aus dem Bundestagswahlkampf 2017: Ende August sprach AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland bei einer öffentlichen Veranstaltung davon, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung „nach Anatolien“ zu „entsorgen“. Wir, die klassischen Medien, reagierten wie gewünscht. Ein Beispiel unter vielen: In ihrer Ausgabe vom 28. August 2017 zeigten die ARD-„Tagesthemen“ Gaulands Pöbelei im Original und setzten eine Reihe von ablehnenden Äußerungen namhafter Politiker anderer Parteien dahinter. Das Ergebnis: Maximale Aufmerksamkeit und Verbreitung. In der Parteizentrale der AfD dürften an diesem Abend die Sektkorken geknallt haben. Hätten die „Tagesthemen“ oder andere Medien diesen politischen Schlagabtausch verschweigen sollen oder können? Wohl kaum. Denn er war an diesem Tag eine relevante Nachricht.

Trotzdem müssen Qualitätsmedien in Deutschland einen Weg finden, sich nicht ständig vor den Karren der rechten Provokateure spannen zu lassen. In Österreich hat man seit dem Aufstieg des damaligen FPÖ-Chefs Jörg Haider in den 1990er Jahren Erfahrung mit rechten Medienstrategien: „Es gibt ja nicht nur diese beiden Möglichkeiten: berichten oder nicht berichten“, sagt die österreichische Journalistin Nina Horaczek von der Wochenzeitschrift „Falter“6: „Ich würde mich darauf konzentrieren, wie man berichtet. Man kann empört rufen: Wahnsinn! Nazi! Hilfe! Oder man kann einfach mal das Muster benennen. [...] Man muss berichten, aber die Medien sollten sich darauf besinnen, was ihr Job ist: Fakten recherchieren, sachlich berichten und inhaltlich konfrontieren. [...] Sich nicht in die Erregungsspirale reinziehen lassen, auch wenn’s manchmal schwerfällt.“

Das Gefühl eines gemeinsamen Opferstatuts

Zum Muster des politischen Marketings durch Provokation gehört auch, dass es ausdrücklich nicht darum geht, eine Mehrheit anzusprechen oder sie gar zu gewinnen. Im Gegenteil: Die politische Mehrheit wird ausschließlich für möglichst wütende Reaktionen gebraucht. Denn je mehr Reaktionen es gibt, desto besser ist das für die Bekanntheit der Urheber der Provokation. Diese zielen in Wahrheit auf ihre Anhänger und auf diejenigen, die ihnen nicht grundsätzlich fernstehen. Die eigenen, schon vorhandenen Anhänger gilt es zu mobilisieren, durch das Gefühl eines gemeinsamen Opferstatus zu festigen und zu binden. Und gleichzeitig möchte man bei potenziellen Anhängern bekannter werden, die man sonst auf andere Weise kaum erreichen könnte.

Es ist eine ganz einfache Rechnung: Wenn 100.000 Personen mit einer kontroversen politischen Botschaft erreicht werden, 90.000 davon empört sind und etliche davon ihre Empörung auch äußern – dann gibt es vielleicht 10.000 Personen, die interessiert aufhorchen. Damit ist das politische Marketing-Ziel erreicht. Der politische Gegner und die Medien machen den Job, der ihnen zugedacht ist.

Stimmt es also, dass wir – die klassischen Medien – die AfD im Bundestagswahlkampf groß gemacht haben? Es gab in den letzten Jahren einen statistischen Zusammenhang zwischen quantitativen Spitzen in der Berichterstattung und steigenden Umfragewerten der AfD, hat eine Studie der Hochschule für Politik in München gerade ermittelt.7 Das Bemerkenswerte: Diese Berichterstattungs-Peaks waren in der Regel äußerst kritisch. Jeder anderen Partei hätten sie geschadet. Für eine randständige, radikale Partei aber gilt: Es gibt keine „Bad News“ – ihre Anhängerschaft wird durch die schiere Menge der Berichterstattung konsolidiert und vergrößert.

Das Spiel mit den öffentlichen Erregungsmechanismen hat für die AfD also grundsätzlich funktioniert. Klassische Medien haben mitgespielt – und müssen ihre eigenen Reaktionsmuster überdenken: berichten, einordnen, inhaltlich konfrontieren, statt skandalisieren. Andererseits gibt es eben auch den Hype im Netz: In den Zeiten der sozialen Medien kann aus jeder kleinen Flamme ein Lauffeuer rund um den Globus werden. Das macht die Strategien der politischen Provokateure so wirkungsvoll. Wenn das Netz tobt, können auch klassische Medien nicht einfach wegsehen. Der Hype im Netz ist der Freund von politischen Außenseitern.

Zerstört Technologie die Wahrheit – und die Qualitätsmedien?

Das Ergebnis der Brexit-Abstimmung, der Erfolg von Trump, die Strategien der amerikanischen und der europäischen Rechten – sie sind auch ein Zeichen dafür, wie sich in den Zeiten der sozialen Medien und des Netzes unsere Öffentlichkeit verändert. Politische Positionen, die eben noch minoritär waren, randständig und als abseitig galten, gewinnen in einer veränderten politischen Öffentlichkeit an Wucht und an Terrain. Gruppen, die früher Beachtung nur in ihrem kleinen Umfeld erfahren hätten, werden mit den neuen Medien kampagnenfähig – und im Extremfall: mehrheitsfähig. Und zwar vor allem dann und dort, wo eine Gesellschaft stark polarisiert ist und wenige Prozentpunkte an der Nahtstelle zwischen zwei Lagern genügen, um eine Mehrheit zu verändern. Die politische Öffentlichkeit, die öffentliche Debatte insgesamt, verändert sich – und das hat etwas mit neuen Technologien zu tun. Wie Katharine Viner schreibt: „Technologie zertrümmert die Wahrheit.“

Facebook hat mittlerweile knapp zwei Milliarden Nutzer weltweit. Immer größere Teile der Informations- und Unterhaltungsströme werden durch die Kreisläufe von Facebook, YouTube, Google, Amazon & Co. gepumpt. Soziale Netzwerke und globale Vertriebs- und Werbeplattformen werden für immer mehr Menschen der dominante Weg für die Informationssuche und die Informationsverbreitung im Netz. Was bei Facebook oben steht, wird allerdings – anders als bei klassischen Medien – nicht nach dem Kriterium „richtig“ oder „falsch“ bzw. „relevant“ oder „unwichtig“ ausgesucht. Im Gegenteil: Je krasser eine Geschichte ist, desto schneller verbreitet sie sich im Netz und desto mehr Augenpaare nehmen sie wahr. Im Netz zirkulieren so viele gefühlte Wahrheiten – dass Fakten von „Fakten“ nicht mehr ohne weiteres zu unterscheiden sind. Früher war der Satz „Das ist zu schön, um wahr zu sein“ eine Warnung für jeden Reporter, doch lieber noch einmal zu recherchieren. Heute ist daraus ein Geschäftsmodell geworden.

Hier kommt nun die Rolle der klassischen Medien ins Spiel. Ist Qualitätsjournalismus also am Ende? Nicht mehr zu finanzieren, weil das Werbegeld inzwischen fast ausschließlich auf die großen Plattformen fließt? Nicht mehr zeitgemäß, weil es im Netz ja alles schon gibt? In der guten alten Gutenberg-Zeit waren klassische Medien die Gatekeeper. Sie wählten aus und gaben weiter, was sie „fit to print“ hielten, wie früher einmal das berühmte Motto der „New York Times“ lautete. Was die Gatekeeper für ungeeignet hielten, erreichte den größten Teil der Öffentlichkeit nicht. Diese Zeiten sind mit dem Netz vorbei. Sie werden auch nie zurückkommen.

Die Frage ist also: Was bedeuten diese neuen Verhältnisse für klassische Medien und für ihr Modell von Qualitätsjournalismus? Die einen sagen: Das Informationsangebot im Netz macht klassische Medien überflüssig. Die anderen sagen: Jetzt, wo man sieht, was alles an Informationen verfügbar ist und wie wenig davon in den klassischen Medien auftaucht, kann man ihnen außerdem auch nicht mehr trauen. Beides zusammen beschert Qualitätsmedien – und nicht nur dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk – eine saftige Debatte um ihre Legitimation und ihre Zukunft.

„Zensur“, „Lügenpresse“, „Lückenpresse“: In den letzten Jahren wird – vor allem von politisch interessierter Seite – eine öffentliche Debatte um die Glaubwürdigkeit der klassischen Medien geführt. Die fängt bei jungen Leuten an, die der Ansicht sind, dass sie niemanden brauchen, der Informationen für sie vorauswählt. Sie geht weiter mit braven Bürgern, die sich fragen, ob „Russia Today“ mit seiner vom Kreml gesteuerten Ukraine-Berichterstattung nicht doch auch ein bisschen Recht hat. Die Debatte wird sehr aktiv von in der Regel radikalen politischen Gruppen geführt, die der Ansicht sind, dass ihre Standpunkte in den sogenannten „Mainstream-Medien“ zu wenig Beachtung finden. Und sie reicht bis zu Amtsträgern, die kritische Medien als ihre Gegner identifiziert haben: US-Präsident Donald Trump delegitimiert ihm unliebsame Medien aggressiv als „Fake News“ und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verfolgt kritische Medien als Terrorismus-Unterstützer und lässt Journalisten von einer regierungshörigen Justiz zu Dutzenden gleich einsperren.

Keine Frage: Unabhängiger, freier, kritischer Journalismus als Plattform einer gesellschaftlichen Debatte ist unter Druck und unter Beschuss – aber heißt das tatsächlich auch, dass sich die klassischen Medien in einer „Glaubwürdigkeitskrise“ befinden, wie immer wieder behauptet wird? Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die klassischen Medien, plötzlich, von einem Jahr aufs andere, so viel schlechter geworden sind. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Gesellschaft und ihre Kommunikationsmuster gerade rapide verändern und damit die Sicht eines Teils der Bevölkerung auf die Medien. Dies hat sehr wahrscheinlich etwas mit der beschriebenen Veränderung der Öffentlichkeit zu tun und mit dahinterliegenden gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen.

Wer misstraut eigentlich den Medien?

Misstrauen gegenüber den Medien – ein Blick auf die bekannten Fakten: Wie groß ist eigentlich das Problem? Es liegt auf der Hand, dass sich inzwischen die Wissenschaft mit dem Phänomen „Glaubwürdigkeitskrise der Medien?“ beschäftigt. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Studien, die untersuchen, wer genau eigentlich den klassischen Medien misstraut, warum sie das tun und um wie viele Menschen es sich dabei handelt. Die Angaben schwanken von Untersuchung zu Untersuchung – aber es gibt einige weitgehend übereinstimmende Grundmuster:

• Das Misstrauen gegenüber Medien ist bei jungen Menschen gestiegen, die mehr als andere Teile der Gesellschaft im Netz unterwegs sind.

• Wer Parteien misstraut, also eher der etablierten Politik fernsteht, misstraut auch den klassischen Medien.

• Politisch rechts eingestellte Menschen vertrauen Medien wesentlich weniger als andere. Sie bewegen sich eher in den entstandenen rechten Kampagnenräumen im Netz.

• Es gibt mehr Misstrauen gegenüber Medien bei Menschen, die sich in einer wirtschaftlich schlechten Lage befinden.

• Die Gruppe, die „den Medien“ grundsätzlich misstraut, macht laut den meisten Studien 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung aus.8

Die Studie „Wer misstraut den Medien?“ der Universität Würzburg resümiert: „Es entsteht der Eindruck, dass jene 18,4 Prozent der Bevölkerung sich abgehängt fühlen von Wohlstand, Demokratie und Teilhabe – und darauf auch mit einer stärkeren Ablehnung der Medien reagieren.“ Das ist die Reihenfolge: Erst kommt in dieser Bevölkerungsgruppe das Gefühl, gesellschaftlich und wirtschaftlich abgehängt und benachteiligt zu sein, daraus erwächst das Misstrauen gegenüber den sogenannten „Eliten“ – und „die Medien“ werden als Teil der Eliten wahrgenommen.

Die Wahrnehmung der Medien hat also offenbar auch etwas damit zu tun, dass wir zur Zeit eine gesellschaftliche Polarisierung erleben: Die Kluft zwischen reich und ärmer wächst. Der Druck durch Globalisierung und Digitalisierung nimmt zu. Das wachsende Unbehagen, vor allem derjenigen, die sich unter Druck oder abgehängt fühlen, kristallisiert sich am Thema Einwanderung: Eine Rolle spielt hierbei gewiss die Verschärfung der gesellschaftlichen Konkurrenz um Jobs, bezahlbare Wohnungen und kulturelle Hegemonie. Diese handfesten Gründe sind aber offenbar keineswegs ausschlaggebend: In den ostdeutschen Ländern hat die extreme politische Rechte mit ihren ausländerfeindlichen Parolen von jeher den größten Zulauf, obwohl es dort den niedrigsten Anteil von Ausländern in Deutschland gibt. Hier spielt offenbar – auch nach zwei Jahrzehnten „Soli“ – das Gefühl der Zurücksetzung gegenüber den Westdeutschen eine zentrale Rolle: „Flüchtlinge kriegen nachgeworfen, was uns eigentlich zusteht“ – und sei es nur Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und wir, die sogenannten „Mainstream-Medien“, stehen für diese 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung immer auf der falschen, nämlich auf der Seite der Etablierten, die ihnen das alles antun.

Wie eine Minderheit zu „dem Volk“ erklärt wird

Gleichzeitig zu dieser Polarisierung erleben wir eine Veränderung der Öffentlichkeit: Der gesellschaftliche Diskurs zerfällt immer stärker in viele Teilöffentlichkeiten. Ein Teil dieser Suböffentlichkeiten wird hermetisch, entwickelt abgeschottete Weltbilder und verstärkt sich nur noch gegenseitig. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zu Kampagnen über die sozialen Medien sind stark gewachsen. Minoritäre Positionen erhalten damit viel mehr Aufmerksamkeit als früher. In den Räumen derer, die sich abgehängt fühlen, entwickelt sich ein bis heute in unserer wohltemperierten Demokratie ungekannter Hass, der sich in den Suböffentlichkeiten und in den Kommentarspalten im Netz ungehindert austobt. Und aus diesen Ressentiments, die ihre realen Ursachen haben, schlägt die völkische Rechte ihr politisches Kapital.

Das Potenzial, das dieses Bild der Gesellschaft und damit auch der etablierten Medien pflegt, umfasst 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Das ist nicht wenig, es ist aber keinesfalls „das Volk“. Denn es bedeutet auf der anderen Seite: Es gibt immer noch die 80 bis 85 Prozent, die uns Medien sicher auch nicht ständig nur gut finden, die wir aber weiter erreichen können und größtenteils auch erreichen.

Wie hat sich das Vertrauen in klassische Medien in den letzten Jahren entwickelt? Folgt man dem allgemeinen Gerede, dann leidet Qualitätsjournalismus unter einer galoppierenden Vertrauens- und Legitimationskrise. Auch hier lohnt der Blick auf die bekannten Fakten: Es gibt ebenfalls eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, die das Vertrauen zu klassischen Medien untersuchen. Sie zeigen, dass klassische Medien und ihr Modell eines Qualitätsjournalismus nach wie vor eine große und eine stabile Vertrauensbasis in der Gesellschaft haben. Die Vertrauenswerte schwanken über die Jahre – sie sind aber über einen längeren Zeitraum betrachtet ausgesprochen stabil. In den letzten Jahren scheinen sie eher wieder zu steigen. Beispielhaft zitiert sei hier die Untersuchung von Professor Carsten Reinemann von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat Daten über das Vertrauen der Menschen in Medien über einen Zeitraum von 30 Jahren ausgewertet. Seine zentralen Befunde:

• „Es gibt keinen dramatischen Vertrauensverlust. Die Daten geben das nicht her. [...] Tatsächlich gab es in Deutschland schon immer eine relativ große Zahl von kritischen, skeptischen Menschen und es gab immer Schwankungen. Einen messbaren Trend nach unten gibt es nicht.“

• „Man muss das trennen: Die Vermutung einer gesellschaftsweiten Vertrauenskrise – und einzelne Gruppen, die massiv in bisher nicht da gewesener Form ihre Kritik äußern und in sozialen Netzwerken dafür heute auch ein Forum haben.“

• „Das schließt aber nicht aus, dass es einzelne Gruppen gibt, – eine sehr laute und sehr radikale Minderheit –, der das, was in den Medien passiert, nicht passt.“9

Andere Studien und Umfragen von Hochschulen oder Medienforschungsunternehmen kommen zu dem Schluss, dass die Vertrauenswerte klassischer Qualitätsmedien in Deutschland in der letzten Zeit – und das wohl vor allem angesichts unruhiger Zeiten – noch einmal gestiegen seien. Insbesondere öffentlich-rechtliche Inhalte würden von einer großen Mehrheit im Land als relevant, als verlässlich und als glaubwürdig wahrgenommen.10 Es gibt also gewiss eine Legitimationsdebatte um die klassischen Medien – aber es gibt keineswegs eine Legitimationskrise.

Den Krisenbefund geben übrigens auch die Nutzungszahlen nicht her: In Deutschland erreicht allein die ARD mit ihren linearen Fernsehangeboten jede Woche 71 Prozent der Bevölkerung (das sind 53 Mio Menschen). Die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme der ARD erreichen an jedem Werktag über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung (das sind täglich rund 37 Mio Menschen ab 14 Jahren), darunter durch die jungen Wellen einen hoher Anteil junger Menschen. Die „Tagesschau“ um 20.00 Uhr ist mit täglich rund 10 Mio Zuschauer unverändert ein nationales Lagerfeuer, das jedesmal zusätzlich Zulauf erfährt, wenn sich dramatische Dinge ereignen und die Zuschauer nach verlässlicher Information suchen. Dazu kommen nicht-lineare Angebote wie die öffentlich-rechtlichen Mediatheken: Sie gehören zu den beliebtesten Abrufangeboten in Deutschland und erreichen überdurchschnittlich viele junge Menschen. Dies sind nur die Zahlen für die ARD – ZDF und Deutschlandradio wären ebenso hinzuzuaddieren wie die Reichweite der Qualitätspresse. Bei uns ist das Volk.

Der offene und freie Austausch von Informationen

Qualitätsmedien leisten damit in Deutschland einen unverzichtbaren Beitrag zu einem offenen und freien Austausch von Informationen, über Standpunkte, Haltungen, Werte und Ideen. Mehr denn je, schreibt Claus Kleber, Anchor des ZDF-„Heute-Journals“ in seinem Essay „Rettet die Wahrheit!“11, sei er davon überzeugt, „dass es wichtig ist, im Strom der Medien einen Felsen zu haben, dem es gleichgültig ist, dass parteiliche, interessenorientierte Berichterstattung wirtschaftlich erfolgreicher sein mag als Ringen um Fairness und Ausgewogenheit. Öffentlich-rechtliche Medien müssen so ein Fels sein und sind es.“ In einer offenen Gesellschaft muss das, was uns verbindet, immer wieder neu ausgehandelt werden. Qualitätsmedien sind ein gemeinsamer gesellschaftlicher Kommunikationsraum, ohne den der Zusammenhalt unserer Gesellschaft kaum denkbar ist.

Klassische Qualitätsmedien tun also gut daran, nicht wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren – sondern ihre Stärke zu kennen, zu nutzen und die Strategien der politischen Trolle umzudrehen: Nicht die 15 bis 20 Prozent entscheiden über uns. Wir – und vor allem unsere Eigentümer: die Allgemeinheit und ihre gewählten Vertreter – sollten uns nicht von ihnen einschüchtern lassen und vor ihnen zurückweichen. Entscheidend sind nicht sie, sondern die 80 bis 85 Prozent, die wir nach wie vor erreichen und um die wir jeden Tag mit guter Arbeit kämpfen müssen. Dieser Mehrheit dienen Qualitätsmedien und es spricht vieles dafür, dass diese Mehrheit das auch zu schätzen weiß.

Gewiss, es gibt eine lange Liste von Dingen, die wir noch besser machen können. Im Zentrum unserer täglichen Arbeit muss der Kampf um journalistische Qualität und handwerkliche Exzellenz stehen. Diese Qualität ist unser wichtigstes Unterscheidungsmerkmal – und sie ist auch in den Zeiten des Netzes unsere größte Chance. Dabei kann uns paradoxerweise gerade das Netz helfen: Seit es einfache Rückkanäle gibt, sind wir Medien auf ganz neue Weise rechenschaftspflichtig geworden: „Uns sitzen die Zuschauer dauernd im Nacken“, schreibt Kleber. „Auch das ist gut. Wenn, wie im ‘Heute-Journal’, uns täglich vier Millionen Menschen bei der Arbeit zusehen, versteht unter ihnen immer jemand mehr von der Sache als wir. Kein Fehler bleibt unbemerkt. Sie werden bei Facebook und Twitter schon diskutiert, während wir noch im Studio stehen. [...] Eine ‘Ach-das-versendet-sich’-Lässigkeit, die früher im täglichen Geschäft oft durchging, wird heute sofort bestraft. Das war fällig und ist gut.“12

Wenn sie sich weiterentwickeln und dabei konsequent auf die Technologien von heute setzen, dann werden Qualitätsmedien ihre Rolle auch noch in vielen Jahren spielen. Sie müssen das Netz umarmen – und für die Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien gilt: Sie müssen das Netz auch umarmen dürfen. Wer dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk diese Entwicklung verwehrt, der arbeitet zum Schaden der gesamten Gesellschaft an seiner Abschaffung. Das Netz ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Neun von zehn Menschen über 14 Jahren in Deutschland sind online.13 Facebook ist Mainstream. Klassische Medien werden noch lange drucken und senden – solange es dafür eine nennenswerte Kundschaft gibt. Um heute aber auch weiterhin ihren Job zu tun, müssen sie mit ihren Marken und ihren Inhalten auch auf alle relevanten digitalen Plattformen. Nur so können sie in Zeiten des Netzes weiter zu einer informierten, entscheidungsfähigen Gesellschaft beitragen.

Die Funktion von Qualitätsjournalismus in Zeiten des Netzes

Damit beantwortet sich auch die häufig gestellte Frage: Macht das Netz klassische Medien und ihr Modell von Qualitätsjournalismus überflüssig? Das Gegenteil ist richtig: Guter Journalismus wird sich auch in den neuen Kommunikationsräumen des Netzes etablieren. Noch nie wurde er so sehr gebraucht wie gerade dort. Qualitätsjournalismus hat eine große Zukunft – denn er ist eine notwendige gesellschaftliche Antwort auf die Veränderung unserer Öffentlichkeit, die vom Einzug neuer Technologien in die politische und soziale Kommunikation ausgelöst wurde. Die Algorithmen der großen kommerziellen Plattformen sind nicht in der Lage, eine zusammenhängende gesellschaftliche und politische Debatte zu organisieren. Ebenso wenig sind es alleine die zahllosen, fragmentierten Suböffentlichkeiten im Netz. Es wird auch in Zukunft die Leuchttürme des unabhängigen Qualitätsjournalismus geben, die in der tosenden See des Netzes Orientierung anbieten und dadurch wesentlich zu einer informierten Öffentlichkeit und zum Funktionieren des demokratischen Prozesses beitragen.

Qualitätsmedien sind herausgefordert. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Polarisierung, eines zunehmenden Zerfalls der öffentlichen Debatte und der maßlosen Radikalisierung von Teilöffentlichkeiten geht es nicht mehr allein um sie selbst: Angesichts des Aufstiegs von rechtsnationalistischen Parteien und Anführern geht es zunehmend auch um die Zukunft demokratischer Errungenschaften.

Insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in vielen europäischen Staaten von häufig politisch mutlosen und – was die gesellschaftlichen Langzeitfolgen angeht – wenig weitsichtigen Regierungen unter einen irrationalen Kostendruck gesetzt, auch in Deutschland. An vorderster Front muss hier zur Zeit der öffentlich-rechtliche schweizerische Rundfunk SRG kämpfen: In der Schweiz sind mit der SVP die Völkischen in der Regierung. Die gesamte Medienlandschaft der Schweiz ist in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt. Im März 2018 wird es in der Schweiz eine erneute Volksabstimmung über die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und damit über seine Existenz in dem Land geben.

Insofern ist es kaum ein Zufall, dass ein besonders interessanter Beitrag zur Zukunft des Qualitätsjournalismus in Zeiten des Netzes ausgerechnet aus der Schweiz kommt. In Zürich hat sich gerade mit einer fulminant erfolgreichen Crowd-Sourcing-Kampagne ein neues Online-Medium gegründet, ein „digitales Magazin“, das ausschließlich auf journalistische Qualität setzt – gepaart mit ‘State-of-the-Art’-Technologie: „Die Republik“.14 Dieses im Aufbau befindliche Magazin ist ein Prototyp für einen unabhängigen, freien Journalismus, der verstanden hat, dass es bei den tiefgreifenden Veränderungen unserer Öffentlichkeit unter den Bedingungen der neuen Netzökonomie um nicht weniger geht, als um die Frage der Grundlage unserer demokratischen Institutionen. „Die Republik“ ist ausdrücklich ein politisches Projekt. Das Manifest der Redaktion beginnt mit zwei schlanken Sätzen: „Ohne Journalismus keine Demokratie. Und ohne Demokratie keine Freiheit.“

Ohne freie Information keine Demokratie

Das Manifest der „Republik“ führt dann aus, was man in der Türkei, in Polen und in Ungarn derzeit besichtigen kann: „Wenn der Journalismus stirbt, stirbt auch die offene Gesellschaft, das freie Wort, der Wettbewerb der besten Argumente. [...] Menschen brauchen vernünftige Informationen, um vernünftige Entscheidungen zu treffen.“ Die Aufgabe von gutem Journalismus sei es, „den Bürgerinnen und Bürgern die Fakten und Zusammenhänge zu liefern, pur, unabhängig, nach bestem Gewissen, ohne Furcht vor niemandem als der Langeweile.“

Es ist dabei überraschend, sollte uns aber auch alarmieren, wenn sich ein journalistisches Online-Medium von heute auf Institutionen von gestern bezieht, auf die demokratischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts: „Die Republik“ trägt die Gründung der modernen Schweiz nicht nur in ihrem Namen, sondern auch in ihrem Selbstverständnis: Gewaltenteilung, Wahlen, Bürgerrechte, Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit – und eben auch Pressefreiheit: „Die Pressefreiheit ist eine natürliche Folge des Rechtes, das jeder hat, sich unterrichten zu lassen.“15

Es ist wohl eine Reaktion auf ein Gefühl der Bedrohung der Demokratie, das besonders in der Schweiz mit ihren starken rechten Kräften zu spüren ist. Jedenfalls bekennt sich die neue „Republik“ (in ihrem Newsletter vom April 2017) ausdrücklich zu den alten demokratischen Traditionen der Schweiz: „Aktuell stehen die republikanischen Errungenschaften wieder auf dem Spiel. Zahlreiche Parteien – und in Ungarn, Polen, der Türkei, den USA und vielleicht bald auch in Frankreich sogar die Regierungen – verfolgen ein neues Modell: die autoritäre Demokratie. Im Kern besteht das Ziel autoritärer Parteien darin, nach dem Wahlsieg ihre Macht so vollständig wie möglich durchzusetzen. Und Justiz, Presse und Opposition zum Schweigen zu bringen.“ Hier wird ein journalistisches Projekt für die digitale Medienwelt gegründet mit dem ausdrücklichen Anspruch, etwas zur Verteidigung unserer demokratischen Rechte und Institutionen beizutragen: „Es ist die Zeit gekommen, wo um Selbstverständlichkeiten wie Rechtsstaat, Gleichheit vor dem Gesetz oder Gewaltentrennung gekämpft werden muss.“ Wieder gekämpft werden muss.

Die „Republik“ zieht eine kurze, klare Linie von der politischen Situation in der Schweiz und in Europa hin zu der Aufgabe von Qualitätsjournalismus heute: „Für den Journalismus ist der Aufstieg der Autoritären ein Problem. Allein schon, weil jede autoritäre Regierung an der Macht als erstes die Pressefreiheit angreift. Aber auch, weil die Rolle des Journalismus als Wachhund der Demokratie in einer in Lager gespaltenen Gesellschaft nur noch schlecht funktioniert. Ein einziger der Skandale von Donald Trump hätte ihn in einer in ihren Grundwerten geeinten Gesellschaft als Politiker erledigt. In einer gespaltenen Gesellschaft werden die Recherchen der Medien jedoch zur Propaganda der Gegenseite. [...] Die wichtigste Strategie der autoritären Politiker, um eine Demokratie auszuhebeln, ist Verwirrung. Dass in einer Flut von Behauptungen und Anklagen alles gleichwertig wird. Dass alle Argumente und Fakten nur Meinung sind, dass alle Experten, alle Politikerinnen, alle Journalisten und Wissenschaftlerinnen nur die Meinung ihres Lagers wiedergeben, dass alle lügen, alle bestochen sind, alle Dreck am Stecken haben. Dass also nicht das Nachdenken zählt, nicht das Argument, nicht die Erfahrung. [...] Gegen die Strategie der Verwirrung hilft nur Klarheit: Nicht die Klarheit einer möglichst schroffen Meinung, sondern die Klarheit beim Zeichnen von Komplexität, Zusammenhängen, Entscheidungen samt ihren Kosten.“

Die „Republik“ wird hier so ausführlich zitiert, weil diese Redaktion so klar wie kaum eine andere – und auf diese Weise stellvertretend für viele Qualitätsmedien, auch in Deutschland – formuliert, was die Aufgabe und die gesellschaftliche Funktion von Qualitätsjournalismus in Zeiten des digitalen Netzes, der wirtschaftlichen und sozialen Veränderung und der wachsenden politischen Instabilität ist: „Klarheit beim Zeichnen von Komplexität, Zusammenhängen, Entscheidungen samt ihren Kosten“ – das ist die unverzichtbare Voraussetzung für vernünftige politische Prozesse und für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Präziser, als die „Republik“ es tut, kann man die Aufgabe und gleichzeitig die Herausforderung von gutem Journalismus heute kaum beschreiben.

Mit den Inhalten dorthin gehen, wo unser Publikum ist

Es ist unsere Aufgabe als Journalistinnen und Journalisten, zu informieren, zu bilden und – selbstverständlich – auch zu unterhalten. Dies gilt in Zeiten des Netzes weiterhin. Dies gilt gerade in Zeiten des Netzes, in denen sich gefühlte Wahrheiten und Lügen blitzschnell um den ganzen Globus verbreiten. Es gilt gerade in Zeiten, in denen Fakten und sogenannte „alternative Fakten“ immer schwerer auseinanderzuhalten sind. In solchen Zeiten ist guter Journalismus, wie ihn klassische Qualitätsmedien betreiben, nicht überflüssig, sondern im Gegenteil lebenswichtig. Und weil er lebenswichtig ist, wird er – trotz aller Gegner, Zweifel und Herausforderungen – eine große Zukunft haben, wenn er der Gesellschaft, der Mehrheit der 80 Prozent dient: Wenn wir als Journalistinnen und Journalisten die Technologie umarmen, wenn wir die neuen Möglichkeiten des Netzes zum Recherchieren, Erzählen und Verbreiten unserer Geschichten nutzen, wenn wir mit unseren Inhalten dorthin gehen, wo unser Publikum heute ist – dann bietet uns diese Zeit die große Chance, der Gesellschaft genau das zu liefern, was sie immer dringender braucht: Orientierung durch „Klarheit beim Zeichnen von Komplexität, Zusammenhängen, Entscheidungen samt ihren Kosten“. Wir haben in Zeiten wie diesen die große Chance, unsere Bedeutung und unsere Rolle in der Gesellschaft noch stärker herauszuarbeiten. Uns von all dem kursierenden Unsinn zu unterscheiden. Auf Technologie und auf Qualität zu setzen, um auch in Zukunft die vielen, die 80 Prozent zu erreichen.

Noch ist das Volk bei uns. Noch haben die Marken klassischer Medienhäuser – ob Zeitungsverlage oder öffentlich-rechtlicher Rundfunk – eine große Stärke in der analogen Welt des Papiers und in der linearen Welt von Radio und Fernsehen. Wenn zum Beispiel in Deutschland weit mehr als die Hälfte aller Menschen jeden Tag Qualitätsmedien nutzt, dann zeigt sich daran, wie wirkungsvoll diese Medien immer noch jeden Tag ihren Beitrag leisten zum Zusammenhalt der Gesellschaft, zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte, zur Verständigung über Themen und Werte, zur Meinungsbildung in politischen Fragen bis hin zu Entscheidungen des Alltags. Diese Stärke gilt es auch unter den neuen Bedingungen des Netzes zu bewahren und in die Grammatik der digitalen Medienwelt zu übersetzen.

Selbstzufrieden? Nein. – Optimistisch? Ja.

In den USA gibt es für klassische Medien den schönen Begriff „Legacy Media“ – Traditionsmedien, überkommene Medien, alte Medien. Im Kern des Geschäftsmodells dieser alten Medien stand und steht journalistische Qualität. Im Kern ihres Geschäftsmodells stehen altmodische journalistische Tugenden, die anderswo gerade in Vergessenheit geraten: Verlässlichkeit, solide Recherche, Fakten- und Wahrheitsliebe, „richtig“ vor „schnell“, Unabhängigkeit, Vielfalt und Fairness in der Darstellung. All dies sind unsere eigenen Ansprüche, an denen wir oft genug scheitern, an denen wir uns aber Tag für Tag selbst messen und von einer wachen und kritischen Öffentlichkeit messen lassen müssen.

Öffentlich-rechtliche Medien seien ein „Fels“, schreibt Claus Kleber, aber sie seien kein „Ruhepunkt“: „Kein Gesetzgeber und kein Verfassungsgericht wird ihre Existenz auf Dauer gewährleisten, wenn dort nicht aufmerksamer, engagierter und erfolgreicher als irgendwo sonst um Aufklärung und Wahrheit gerungen wird. Es ist keine Zeit, sich auf Garantien zu verlassen. Es ist Zeit, unsere Sache besser und, ja, auch selbstbewusster zu machen.“16 Es gibt keinen Grund für Selbstzufriedenheit. Natürlich ist nicht alles, was klassische Medien jeden Tag tun, immer nur exzellent – oder auch nur gut. Um Qualität muss jeden Tag neu gekämpft werden. Es gibt aber viele Gründe für Optimismus: In den Zeiten des Netzes sind es genau die alten journalistischen Tugenden, die den Unterschied ausmachen. Unser Geschäftsmodell in all dem Durcheinander heißt Qualität. Und journalistische Qualität hat Zukunft.

Denn demokratische Gesellschaften leben auch in Zeiten des Netzes von verlässlicher Information und vom Austausch der Meinungen. Wenn wir unsere demokratischen Institutionen bewahren wollen, dann hat guter Journalismus weiter eine große Aufgabe.

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Fußnoten

1 Wanderungsbewegungen Sachsen und Bayern nach Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung, Ulm 2017

2 Katharine Viner, How technology disrupted the truth, in: „The Guardian“ vom 12.7.2016

3 Katharine Viner: How technology disrupted the truth, in: „The Guardian“ vom 12.7.2016

4 Alexis C. Madrigal: What Facebook Did to American Democracy – And why it was so hard to see it coming, in: „The Atlantic“ vom 12.10.2017

5 Buzzfeed Deutschland recherchiert die Rolle der verdeckten Wahlkampfanzeigen im Bundestagswahlkampf: www.buzzfeed.com/marcusengert/mit-eurer-hilfe-will-buzzfeed-den-geheimen-facebook

6 Meedia, 29.9.2017

7 Buzzfeed, 28.9.2017

8 Siehe: Otto, Kim/Köhler, Andreas (2016): Wer misstraut den Medien?, in: „European Journalism Observatory“ (http://de.ejo-online.eu/qualitaet-ethik/wer-misstraut-den-medien)

9 Quelle: www.sueddeutsche.de/medien/2.220/medienkritik-wie-gross-ist-der-vertrauensverlust-in-diemedien-wirklich-1.2858608; www.sueddeutsche.de/medien/kommunikationsforscher-misstrauen-alsauszeichnung-1.2857677

10 Siehe unter anderem:

• „Tenor Medienvertrauen“, Universität Würzburg 2017 (jährliche Untersuchung des Medienvertrauens in Deutschland) (https://www.wiwi.uniwuerzburg.de/lehrstuhl/professur_fuer_wirtschaftsjournalismus/medienvertrauen)

• „Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum?“, Universität Mainz, 2017

• „Bevölkerungsbefragung: Social Bots und Fake News“, PwC 2017 (https://www.pwc.de/de/technologie-medien-und-telekommunikation/social-bots-berichtsband.pdf)

• Reuters Digital News Survey 2017

• YouGov-Studie „Alles Fake?! Fake News aus Sicht deutscher Wähler“, 2017

• Allensbach-Studie „Vertrauenskrise der Medien?“, 2016

• Gemeinwohl-Atlas 2015, Center for Leadership and Values in Society der
Universität St. Gallen

• ARD-Trend 2017

• Diverse Image-/Glaubwürdigkeitsstudien der Landesrundfunkanstalten, zum Beispiel „Glaubwürdigkeit der Medien“, Infratest/Dimap, im Auftrag des WDR, Oktober 2015

11 Claus Kleber: Rettet die Wahrheit! Ullstein Buchverlage, Berlin 2017, S. 55

12 Claus Kleber: Rettet die Wahrheit! S. 81

13 ARD/ZDF-Online-Studie 2017, www.ard-zdf-onlinestudie.de

14 www.republik.ch

15 project-r.construction/newsletter/2017-04-12-republik

16 Claus Kleber, Rettet die Wahrheit! S. 55

13.11.2017/MK