Céline Chassé: Die Scheinwelt von Facebook & Co. Das Geschäft mit gekauften Likes (ZDFinfo)

Mechanismen der industriellen Revolution

10.09.2017 • Anfang dieses Jahres überraschte die „Mitteldeutsche Zeitung“ mit einer bemerkenswerten Recherche. Landespolitiker wie Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, aber auch Bundespolitiker wie Sigmar Gabriel (SPD), Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht (beide: Die Linke) würden in sozialen Netzwerken erstaunlich große Popularität genießen, jedenfalls den Zahlen zufolge. Eine Überprüfung habe allerdings ergeben, dass zum Teil mehr als die Hälfte ihrer sogenannten „Follower“ – also jener Personen, die beispielsweise im Twitter-Account des entsprechenden Politikers auf den Button „Folgen“ geklickt haben – gar keine Menschen aus Fleisch und Blut seien. Es ist nämlich technisch möglich (wie sich inzwischen herumgesprochen hat), solche Follower zu fälschen und damit im Internet eine größere Beliebtheit vorzutäuschen. Bei Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) – der bekanntlich am vehementesten gegen Fake News und ähnliche Betrügereien im Internet vorgeht (Stichwort: NetzDG) – sei sogar die überwiegende Mehrzahl der Follower gefaked.

Wie solche „Fake Follower“ entstehen, nicht nur auf Twitter, sondern auch in anderen sozialen Netzwerken, und wer an diesen Geschäften verdient, verdeutlichte die französische TV-Journalistin Céline Chassé schon vor knapp drei Jahren in ihrer bemerkenswerten Dokumentation „Manip sur le net“, die am 23. Oktober 2014 im öffentlich-rechtlichen Programm France 2 erstausgestrahlt worden war und nun unter dem deutschen Titel „Die Scheinwelt von Facebook & Co. Das Geschäft mit gekauften Likes“ auf ZDFinfo wiederholt wurde (deutsche Erstsendung bei ZDFinfo: 24. Dezember 2015). Es lohnt sich, angesichts der derzeitigen Diskussion über Fake News auf diese Produktion noch einmal einzugehen.

Der 45-minütige Film der französischen Reporterin fächert drei Aspekte des Themenkreises auf. Veranschaulicht wird beispielsweise, wie ein französischer Lokalpolitiker, der mit dem Bau eines Wasserwerks in seine Region einem monopolistischen Konzern Konkurrenz machte, von einem Internet-Blogger bösartig diffamiert wurde. Recherchen der Filmemacherin ergaben, dass hinter besagtem Blogger eine Pariser Agentur für „Krisenkommunikation“ steckt. Diese Agentur missbrauchte das Recht auf private Meinungsäußerung, um im Auftrag des monopolistischen Konzerns dessen wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Solche ökonomischen Interessen stehen auch hinter der Indienstnahme junger YouTube-Stars, die von Agenturen systematisch dazu aufgefordert werden, in ihren Kanälen gesponsertes Product Placement für Markenartikel so darzustellen, als seien sie privat und also von sich aus darauf gekommen, die Produkte vor der Kamera zu verwenden.

Am überzeugendsten durchleuchtet Céline Chassé den Mechanismus hinter den gekauften „Likes“ auf Facebook und YouTube. Hierzu hatte sie pro forma eine Band gegründet, deren Amateurvideo ins Netz gestellt und zunächst gar nicht geliked wurde. Abhilfe schafft Thibaut Trézières, einer von zahlreichen findigen Marketing-Spezialisten, die sich auf das Geschäft mit gekauften Facebook-Freunden spezialisiert haben. Das Vermitteln von fingierten Likes dürfe man „nicht für Betrug“ halten, erklärt der junge Mann vor der Kamera und demonstriert ganz entspannt sein Geschäftsmodell. Dazu kontaktiert er via Skype einen Zulieferer aus Pakistan, für den es „kein Problem“ ist, 10.000 Likes innerhalb von 24 Stunden zu liefern.

Um herauszufinden, wie diese fabrikmäßige Täuschung im Detail funktioniert, reiste die Reporterin unter anderem nach Bangladesch, denn von hierher stammen weltweit die meisten gekauften Facebook-Freundschaften bzw. -Likes. Chassé porträtiert einen jungen Informatiker, der sich wie viele seiner Kommilitonen das Studium mit der Produktion von Fake Followern verdient. Dabei wirft der Film einen interessanten Seitenblick auf das Drittweltland Bangladesch, das zwar „arm, aber gut vernetzt“ sei. Vor der Kamera demonstriert der junge Roise Ahmed, wie er etwa ein Dutzend Facebook-Accounts unterhält und sie laufend mit Human-Interest-Themen füttert, etwa über Motorräder oder das in seinem Land populäre Cricket-Spiel. Auf jedem dieser Konten folgen ihm mehrere Tausend User, die auf sein Kommando beispielsweise auf einer französischen Website ein „Gefällt mir“ anklicken.

Dieses Vorgehen widerspricht zwar ausdrücklich den Nutzungsbedingungen von Facebook und Twitter, ist aber gängige Praxis: Zu Kunden von Roise zählen unter anderem „ein amerikanischer Händler für Motorradzubehör“, ein „Immobilienmakler aus Maryland“ und ein „Sportartikelhändler in den französischen Alpen“. Für sie generiert der junge Mann seriell falsche Freunde und verdient damit „200 Dollar monatlich“, das sei „dreimal so viel wie der Durchschnittslohn in Bangladesch“. Doch die Konkurrenz schläft nicht, wie der Film veranschaulicht. Während 1000 Facebook-Freunde bei Roise 10 Euro kosten, unterbietet ein Programmierer, der die Likes vollautomatisch mit einer Software generiert – heute bekannt als „Social Bot“ –, ihn um die Hälfte. Der Markt ist bereits umkämpft: Allein bei Twitter werden jährlich für schätzungsweise 260 Mio Euro falsche Follower erkauft.

Das alles erscheint heute nicht mehr ganz so neu. Wer im Netz googelt, findet haufenweise Angebote wie dieses auf Social Media Daily: „YouTube Likes (Daumen hoch) kaufen. Kaufen Sie jetzt YouTube Likes für Ihre YouTube Videos! Denn: Positive Bewertungen sind ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs auf der beliebtesten aller Videoplattformen“. Trotzdem ist Céline Chassés Film selbst aus zweieinhalbjähriger Distanz noch spannend – nicht nur weil sie als eine der ersten auf die Problematik der Fake Follower bei Berufspolitikern aufmerksam machte. Interessant ist der Film vor allem deswegen, weil er veranschaulicht, wie auf der digitalen Ebene die bekannten Mechanismen der industriellen Revolution, der Globalisierung und der Auslagerung bestimmter Tätigkeiten in Billiglohnländer wie im Zeitraffer noch einmal durchgespielt werden. Die findige Reporterin erzählt dabei die Geschichte hinter der Geschichte und macht eine komplexe Verwertungskette transparent. Und sie zeigt zahlreiche unbekümmerte Menschen, über die nachvollziehbar klar wird, dass sie nicht das geringste Unrechtsbewusstsein für das haben, was sie im Netz so anstellen.

Die sozialen Netzwerken und ihre problematischen Nebenwirkungen – bei ZDFinfo gibt es in wenigen Tagen den nächsten Film über Facebook: Am 17. September zeigt der Sender um 20.15 Uhr in deutscher Erstausstrahlung die von dem Journalisten Peter Greste für das australische Fernsehen produzierte Dokumentation „Datenkrake Facebook. Das Milliardengeschäft mit der Privatsphäre“.

10.09.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2017

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