Die unheimliche Titelgeschichte

Wie diverse „Spiegel“-Redakteure Kritik an ARD und ZDF betreiben

Von Dietrich Leder

10.10.2017 • Der „Spiegel“ macht seine Ausgabe vom 7. Oktober 2017 mit einem Titel auf, der einen stutzen lässt. Das Titelbild zeigt in einem dunklen Raum einen Fernsehschirm, dessen Bild verpixelt ist. In das Fernsehbild ist die Überschrift „Die unheimliche Macht“ montiert. Unter dem Fuß des Fernsehapparats steht die Zeile „Wie ARD und ZDF Politik betreiben“. 

Stutzig wird man wegen der zahlreichen Widersprüche dieses Titels. Pixelige Bilder erhielt man früher, wenn man Pay-TV-Sender einschaltete, aber wegen des fehlenden Abonnements nicht freigeschaltet war. Kniff man die Augen zusammen, konnte man wenigstens erahnen, was da gerade lief. ARD und ZDF sind keine Pay-TV-Sender. Sind sie aber eine „unheimliche Macht“? Eine Macht im publizistischen Sinne sind die beiden öffentlich-rechtlichen Einrichtungen gewiss, die unter anderem zwei Hauptfernsehprogramme betreiben, die mit ihren Namen identifiziert werden. Doch ist diese Macht „unheimlich“ im Wortursprungssinn des Ungeheuren? Am Adjektiv „unheimlich“ ist ja das Spannende, das es nicht wie andere, die mit der Vorsilbe „un“ gebildet werden, das Gegenteil des nachfolgenden Wortteils ausdrückt wie etwa bei „unhöflich“. Das Unheimliche hat so stets etwas vom Heimlichen. Aber trifft das auf die beiden genannten Einrichtungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu?

Nicht die geringsten Belege

Natürlich nicht. Die „Spiegel“-Titelgeschichte kann das „Unheimliche“ denn auch nicht im geringsten belegen. Die Kritik an ARD und ZDF, die dort geübt wird, bedient sich beispielweise vieler öffentlicher Erklärungen, Daten und Materialien, die die beiden öffentlich-rechtlichen Institutionen zu Recht veröffentlichen müssen. (Dass das nicht immer so war, sei angemerkt. Und dass es, etwa auf der Ebene der Tochterfirmen, noch einige Felder gibt, die etwa Honorarsätze verschweigen, sei ebenfalls erwähnt.) Bleibt die Frage, warum der Titel so formuliert wurde? Er soll vermutlich Käufer anlocken, die von der „Unheimlichkeit“ der Macht angezogen werden. Kann man machen, aber ähnelt dieses Verfahren nicht genau dem, was die Titelgeschichte den beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen vorwirft: nämlich mit Unterhaltung die Massen vor die Geräte zu locken?

Dem Hauptartikel, der im Blatt unter der Überschrift „Bildstörung“ steht, ist deutlich anzumerken, dass an ihm vier Redakteure geschrieben haben. Denn bei genauerem Hinsehen zerfällt der Text in viele Einzelteile. Der Anfang ist beispielsweise eine kräftige Polemik gegen ARD und ZDF, die sich ganz auf der Linie der Zeitungsverlage bewegt. Die Polemik richtet sich gegen die Online-Angebote vor allem der ARD und übernimmt dabei Worte von Mathias Döpfner, seines Zeichens Präsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV und Chef des Springer-Konzerns („Bild“, „Die Welt“). Döpfner hatte am 18. September in einer Rede beim BDZV-Zeitungskongress in Stuttgart in diesem Zusammenhang von „gebührenfinanzierter Staatspresse“ gesprochen. Da sich der „Spiegel“-Artikel von dem Vergleich zwischen ARD und ZDF mit den Medien in Nordkorea, den Döpfner in der zitierten Rede anstellte, distanziert – diese Wortwahl sei fragwürdig –, muss man annehmen, dass das Blatt den Begriff „gebührenfinanzierte Staatspresse“ zumindest für richtig hält.

Denkt man. Denn überraschend schlägt der Artikel im 14. Absatz eine Volte. Verkündete er zuvor nur Positionen der Zeitungsverleger, kritisiert er nun eben diese. Die Verleger täten so, als seien ARD und ZDF bereits jetzt daran schuld, dass die meisten Zeitungen und Zeitschriften im Internet kein Geld verdienen. Das leitet dann über zu der großen Frage, wie eine Reform des deutschen Mediensystems aussehen könnte, von dem der Artikel noch zwölf Absätze zuvor behauptet hatte, dass ihm in ein paar Jahren drohe, dass es dann nur noch einen öffentlich-rechtlichen Journalismus gäbe.

So kreuz und quer geht es weiter. Mal wird der Einfluss des Fernsehens insgesamt auf die Politik thematisiert und davon gesprochen, dass das „TV-Duell“ zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) die Umfragewerte der rechtspopulistischen AfD habe steigen lassen, mal wird mit vielen Zitaten über die Reaktionen der Anhänger dieser Partei auf eine Kritik, wie sie Elmar Theveßen in einem ZDF-Kommentar äußerte, berichtet. Und zum Ausgleich dafür, dass der ZDF-Mann gut dabei wegkommt, geht es anschließend um Sat-1-Moderator Claus Strunz, der wiederum von AfD-Anhängern gefeiert wird.

Leichter kann man es sich nicht machen

Mal geht es um die Akzeptanzverluste, die ARD und ZDF bei den jüngeren Zuschauern erleiden, mal werden ARD und ZDF heftig kritisiert, weil auf ihren Programmen „ein Mehltau der Vorhersehbarkeit“ liege. Mal werden die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender pauschal kritisiert, um dann einzelne von ihnen wie Patricia Schlesinger vom RBB und Stefan Raue vom Deutschlandradio wiederum zu loben. (Warum hier auf einmal der Hörfunk auftaucht, wo es im Artikel doch eigentlich um die „Bildstörung“ des Fernsehens geht, weiß wohl nur der für den entsprechenden Absatz verantwortliche Redakteur.) ARD und ZDF werden kritisiert, weil sie für Fußballrechte viel Geld ausgäben, nachmittags kitschige Telenovelas ausstrahlten, die Verbraucherdokumentationen „fast Werbesendungen“ seien und das Unterhaltungsprogramm niemanden fordere. Am Ende wird noch einmal Raue zitiert, der davon spricht, dass die Qualitätsmedien „vom hohen Ross der alten Herrlichkeit heruntermüssen“, und das wird dann auch auf das eigene Blatt angewandt, so dass das letzte Wort des siebenseitigen Artikels in Großbuchstaben „SPIEGEL“ heißt.

Hans Magnus Enzensberger schrieb über den „Spiegel“ zu einer Zeit, als die Artikel dort noch ohne Autorenangabe auskamen, dass seine Sprache unkenntlich mache, was sie erfasst. Das muss auch der Fraktion im Blatt, die für den polemischen Einstieg in den Hauptartikel verantwortlich war, aufgefallen sein, weshalb sie neben diesen Artikel einen Text von Jan Fleischhauer stellte, der gleich als „Polemik“ gekennzeichnet ist und diesem Begriff auch alle Ehre macht, indem er vor dem „Staatsfunk“ warnt, womit ARD und ZDF gemeint sind. Kann man so machen. Aber stimmt Fleischhauers in der Unterüberschrift aufgestellte Behauptung „Wer von einer Gebühr abhängt, die wie eine Steuer erhoben wird, hat ganz schlechte Karten, wenn er auf Staatsferne pocht“? Selbstverständlich nicht. Universitäten, Theater, Bibliotheken werden sogar direkt von Steuern bezahlt, aber sind sie deshalb alle „staatsnah“?

Leichter als der „Spiegel“ kann man es sich mit Kritik an ARD und ZDF wirklich nicht machen. Das ist das Unheimliche an dieser Titelgeschichte.

10.10.2017/MK