Der Kinofilm „Beuys“ erinnert auch daran, wie wenig wir eigentlich über die Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wissen

Der Kinofilm „Beuys“ von Andres Veiel, der am 18. Mai seinen Kinostart erlebte, ist nicht nur die Biografie eines der wichtigsten Künstler des späten 20. Jahrhunderts, sondern er ist zugleich eine Reise durch die Geschichte des Fernsehens der Bundesrepublik. Formal erklärt sich das dadurch, dass sich Veiel in einem langen Schnittprozess dafür entschied, seinen Film (Produktion: Zero One/Terz Film) als ein Puzzle vieler Archivstücke anzulegen, in dem die Gespräche mit fünf Zeitzeugen den deutlich kleineren Teil ausmachen. Inhaltlich ist diese Form dadurch begründet, dass es wohl keinen bildenden Künstler vor und nach Beuys gab, der die Massenmedien so nutzte wie er.

Den Grund dafür benennt Beuys in einem Fundstück, das den rund 110 Minuten langen Kinofilm eröffnet. Man sieht in ein Zimmer und auf eine Tür, durch die der Künstler eintritt. Er geht auf die Kamera zu, bis er sie verdeckt. In der zweiten Einstellung wird das Zimmer für ein Gespräch umgebaut. Unterdessen blättert der Künstler, dem ein Mikrofon umgehängt wurde, eher gelangweilt in einer Ausgabe der Zeitschrift „Filmkritik“. Zum Team, das um ihn herum arbeitet, sagt er mit leichtem Aufstöhnen, das sei „ja richtig Hollywood“, wie es jeder sagen würde, den es irgendwie aus irgendeinem Grund in eine Filmaufnahme verschlagen hat.

In der dritten Einstellung sitzt Beuys nun auf einem Stuhl. Das Licht ist frontal auf ihn gerichtet, so wirft sein Hut hinter ihm auf der Gardine einen präzisen Schatten. Erneut blättert Beuys in der „Filmkritik“, doch das Interesse ist nicht gewachsen. Er legt die Zeitschrift gelangweilt weg und schaut nun direkt in die Kamera. Er trägt seine Uniform, zu der neben dem Hut ein weißes Hemd und eine Weste gehören, wie sie Angler oder Kameramänner damals trugen. In der vierten Einstellung springt die Kamera nah an den Künstler heran. Sein Kopf nebst Hut füllt das Bild. Beuys spricht und sagt: Am besten sei es, man erreiche von einer Gruppe alle zur gleichen Zeit.

Eine bessere Definition für ein Massenmedium lässt sich nicht geben, jedenfalls was die jeweilige Zeit angeht, während der es das Leitmedium einer Gesellschaft darstellt: das Radio von den 1930er bis 1950er Jahren, das Fernsehen in den 1960er und 1970er Jahren. Radio und Fernsehen sind die Massenmedien, in denen sich Beuys seit Mitte der 1960er Jahre bis zu seinem Tod zwanzig Jahre später oft artikulierte. Es drängte ihn in die Sendungen von Radio und Fernsehen, so wie wiederum diese ihn zu sich einluden. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Denn so wie Beuys die Massenmedien nutzte, um nicht nur seine Auffassungen von bildender Kunst, sondern auch die zu Gesellschaft und Politik im wahren Sinne des Wortes zu verkünden, bedienten sich die Massenmedien bei ihm, der mit seinen Kunstaktionen und seinen Auftritten stets für Aufsehen sorgte. Seine Performances brachten besondere Bilder und Situationen hervor, wie sie der klassische Kunstbetrieb zuvor nicht kannte und die deshalb gerade für das Fernsehen hohe Aufmerksamkeitseffekte hervorbrachte.

Skandale, wie sie die radikaleren Fluxuskünstler vor allem aus Wien produzierten, waren aber weniger seine Sache. Seine Aktionen waren meist gesellschaftlich anschlussfähig, so wie auch seine Vorstellungen von Politik und Gesellschaft, die zuerst in der Friedensbewegung und dann in der neugegründeten Partei „Die Grünen“ ja auf große Resonanz stießen. Hier wurde Beuys ungemein populär und er genoss diese Popularität, die ihn dann gar mit dem ungemein schlichten Popsong „Sonne statt Reagan“ bis in die Schlagersendungen brachte. Auf einen entsprechenden Ausschnitt verzichtet Veiel in seinem Film.

Stattdessen sieht man eine Fülle von unterschiedlichen Kultursendungen, in denen Beuys zu Gast war. Wir hören, wie er von Rolf Buttler im „Mittagsmagazin“ des Hörfunkprogramms WDR 2 anmoderiert wird. Wir sehen, wie die Fernsehmoderatorin Wiltrud Mannfeld einen Beitrag über ihn ankündigt. Wir nehmen wahr, wie er mit dem Kulturjournalisten Walter Smerling beim Frühstück vor der Kamera über Kunst parliert. Wir erkennen, dass er eher mit Unbehagen in einem WDR-Fernsehstudio sitzt, wo der Moderator Beuys fragt, ob dessen obligatorischer Hut auch so etwas wie einen Schutz darstelle. Man kann den Künstler bei Reportagen über seine Kunstaktionen besichtigen, die erst im filmischen Abbild zu ihrer besonderen Form fanden und durch die Fernsehausstrahlung ein Massenpublikum erreichten.

Und man erlebt ihn in einer Podiumsdiskussion, die das Fernsehen mit mindestens vier elektronischen Kameras aus einem vollbesetzten Saal live überträgt und in der er sich der Kritik etwa von Max Bill erwehren muss. In dieser zunächst klassisch geführten Diskussion, in der vier Männer sachlich Argumente zur gegenwärtigen Kunst austrugen, agierte Beuys als ein Erneuerer, der, immer wieder zur Begeisterung des Saalpublikums, aus dem sachlichen Diskurs ausbüxte und seine Witze gegen die eher zähen Argumente seiner Kontrahenten setzte.

Wenn man so will, nahm Beuys das vorweg, was dann einmal als Talkshow-Manie eine besondere Erscheinung wurde. Und wie später der TV-Moderator und -Entertainer Stefan Raab scheute Joseph Beuys auch nicht vor einem öffentlich ausgetragenen Boxkampf zurück, wenn er ihm denn Aufmerksamkeit für seine Sache versprach.

Durch sein reiches und vielgestaltiges Material in all den unterschiedlichen Aufzeichnungsmedien – vom Amateurfilm bis zum 16mm-Film, von den ersten Videoformaten bis zu 2-Zoll-Aufzeichnungen – erinnert der von SWR, WDR und Arte koproduzierte Kinofilm „Beuys“ daran, wie wenig wir eigentlich von der Geschichte der öffentlich-rechtlichen Massenmedien wissen, wie wenig der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst davon weiß und wie viel weniger er daran erinnert. Es bedarf eines so hartnäckigen Rechercheurs wie Andres Veiel und seiner Mitarbeiterin Monika Preischl, um all die erwähnten Schätze aus dem Archiv der Sender freizulegen. Nicht das geringste Verdienst dieses Films!

25.05.2017 – Dietrich Leder/MK