Ingrid Bartsch: Filmreif – 25 Jahre Film- und Medienstiftung NRW (WDR Fernsehen)

Förderkohle statt Kohleförderung

„Nordrhein-Westfalen. Ein Land und seine Filme. Viele davon haben sich in unser Gedächtnis eingeprägt und sind um die Welt gereist.“ Mit diesen weihevollen Worten beginnt Ingrid Bartschs filmischer Jubiläumsbericht zum 25-jährigen Bestehen der Film- und Medienstiftung NRW. Der Beginn der 45-minütigen Dokumentation ist ein Postulat, das neugierig macht. Welche Filme mögen das wohl sein? Gut, ein jeder erinnert sich an die Dom-Panoramen im Kölner „Tatort“ oder das fiktive Eifel-Örtchen Hengasch in der Serie „Mord mit Aussicht“, aber um die Welt gereist? Ach ja, die hässliche Grünbegrenzung auf dieser Kreuzung in Wuppertal, auf der Wim Wenders in „Pina“ die Tanzperformance für seine Huldigung an die Choreografin Pina Bausch inszeniert hat. Die hat es immerhin 2012 zu den Verleihungen der Oscars nach Los Angeles geschafft.

Was sind das also für NRW-Filme und was ist diese Film- und Medienstiftung NRW, die sich seit 25 Jahren um das Wohl des hier produzierten Films kümmert? „Film- statt Kohleförderung“, so heißt es in der Dokumentation weiter. Klar, auch NRW musste mit der Zeit gehen und wenn schon die Zechen dichtmachen, dann muss man neue Wirtschaftsräume generieren. So zum Beispiel die MMC-Studios in Köln, wie die Filmstiftung ebenfalls 1991 gegründet. Da passt es, dass man eine Förderanstalt (seinerzeit getragen vom WDR und dem Land) in Düsseldorf sitzen hat, die sich als Kultur-, besonders aber auch Standortförderer verstand und seither also Förderkohle für Filme verteilt. Ihre Erfolgsformel: ‘Investierst du das Eineinhalbfache der gewünschten Summe zwischen Bonn und Münster, Aachen und Siegen, stehen die Chancen auf Förderung nicht schlecht.’ Dieser sogenannte „NRW-Effekt“ hatte zur Folge, dass die bislang mit 642 Mio Euro geförderten rund 2000 Film- und Fernsehproduktionen viel, viel mehr Geld an den Rhein gespült und aus dem einst unbedeutenden Filmland NRW eines der führenden in Europa gemacht haben. So fördert das inzwischen mächtigste Filmförderungsinstrument Deutschlands auch das inzwischen mit 26 Metern höchste Filmstudio der Welt in Köln-Ossendorf – zumindest indirekt.

Und die Filme? Die Dokumentation überschlägt sich förmlich mit Titeln und den Machern dahinter. Tom Tykwer und seine Filme von „Lola rennt“ bis „Der Krieger und die Kaiserin“ wären nach Eigenbekundungen des Regisseurs ohne die Filmstiftung undenkbar gewesen. „Schtonk“, gleich der erste geförderte Film überhaupt, avancierte zum Megaerfolg. Filmemacher aus der ganzen Welt finden sich ein. „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ist mitnichten in Frankreich, sondern zu 70 Prozent im MMC entstanden. Lars von Trier hat irgendwo im NRW-Wald „Antichrist“ gedreht und Ben Kingsley ist ganz begeistert, wie toll doch die Sets für „Der Medicus“ oder das Kölner Uni-Viertel bei den Dreharbeiten zu „Collide“ gepasst haben.

„Wir haben alles, tolle Studios, tolle Ausstatter, tolle Kameraleute, was Sie sich denken können“, weiß die aktuelle Filmstiftungsgeschäftsführerin Petra Müller zu berichten. Alle Befragten und Geförderten sind voll des Lobes. Was auch sonst? Kritische Analysen, künstlerische Sinnfragen und Hintergründe zum deutschen Filmförderungsdschungel sind hier nicht zu erwarten. Die virtuos kompilierte und durchaus kurzweilige Dokumentation ist vom WDR in Auftrag gegeben und der ist auch 2016 noch zu 40 Prozent Filmstiftungsgesellschafter. Herzlichen Glückwunsch für so viel Zufriedenheit und zum höchstwahrscheinlichen Golden Globe 2017 für – natürlich NRW-gefördert – „Toni Erdmann“!

Nachträgliche Anmerkung: Beim Golden Globe ging „Toni Erdmann“ dann doch leider leer aus. Und anschließend auch beim Oscar, für den der Film von Maren Ade (Buch und Regie) ebenfalls nominiert war.

26.12.2016 – Jörg Gerle/MK

Print-Ausgabe 8/2017

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