Die Erinnerungen des Marcel Reif: Ein lesenswertes Buch über Fernsehen und Fußball, Leben und Tod

Am vergangenen Sonntag (9. April) saß er in der Live-Sendung „Doppelpass“ von Sport 1 und fiel in dieser Quasselrunde, in der noch die allergrößten Nichtigkeiten des Fußballgeschäfts stundenlang ausgedeutet werden, durch sprachliche Prägnanz und eine satte Ironie auf: Marcel Reif, der beim Pay-TV-Sender Sky vor etwas weniger als einem Jahr das letzte Mal ein Fußballspiel kommentiert hatte – das Champions-League-Finale zwischen den beiden Vereinen Atlético Madrid und Real Madrid. Das hatte schon etwas von Pensionierung an sich, schließlich war Reif zu diesem Zeitpunkt 66 Jahre alt. Doch ganz konnte er vom Fußball nicht lassen. Bei der Europameisterschaft im Sommer 2016 in Frankreich war er als Experte für den Sender Sat 1 tätig, der damals einige wenige Spiele übertrug, und seit Beginn der Spielzeit 2016/17 arbeitet er für den Teleclub – einen Pay-TV-Sender in der Schweiz – als Experte für Spiele der schweizerischen ersten Liga.

Dass das für ihn kein Abstieg – etwa vom „Zirkusdirektor zum Flohzirkusdirektor“ ist, erfährt derjenige, der das in diesem Jahr erschienene Buch „Nachspielzeit. Ein Leben mit dem Fußball“ liest, das Marcel Reif zusammen mit Holger Gertz von der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb. Es handelt sich sortentechnisch um die Memoiren eines Fernsehprominenten. Zu diesen zählt Reif ohne weiteres, auch wenn er den Status der Prominenz durch harte, verlässliche und meist sehr gute Arbeit errungen hat. Er arbeitete viele Jahre für das ZDF, bei dem er seine Karriere als politischer Journalist begann, ehe er zum Sport wechselte. Dann ging er zu RTL, wo er eine Zeit lang nicht nur die wichtigsten Fußballspiele kommentierte, sondern auch die Sportredaktion leitete. Und schließlich wechselte er zu Sky (früher Premiere), wo er den Posten des Chefkommentators innehatte.

Anders als viele andere Bücher von Fernsehprominenten ist „Nachspielzeit“ wirklich lesbar. Die lakonische Ironie von Marcel Reif und die Art, wie Holger Gertz Geschichten ausschreibt und rundet, passen gut zusammen, was man auch in den Passagen merkt, in denen sie von der Form der Ich-Erzählung abweichen und zum Dialog übergehen; hier treffen zwei intelligente Fußballenthusiasten aufeinander, denen man gerne bei ihrem Austausch über Trikotfarben oder über den Umgang mit der Twitter-Kultur folgt, wiewohl man ihre diesbezüglichen Meinungen nicht immer teilt.

Geschickt werden die Erinnerungen durch zwei persönliche Geschichten eingerahmt, die den Fußball mit den wichtigeren Dingen im Leben verbinden. In der ersten Geschichte erzählt Marcel Reif, wie er dem Krupp-Manager Berthold Beitz begegnete, der einst seinem Vater, einem polnischen Juden, das Leben gerettet hatte, als er ihn und andere aus einem Zug holen ließ, der sie in ein Vernichtungslager der Nazis transportieren sollte. So bewegend die nur knapp geschilderte Begegnung ist, bedeutsamer ist das, was Reif vorher angedeutet hat – dass sein Vater über seine Erfahrungen nie sprach, was für die Familie bedeutete: „So haben wir gelebt. Gegenwart und Zukunft. Keine Vergangenheit.“ Eine Erfahrung, die viele Kinder von Eltern machten, die den Massenmord der Hitler-Diktatur an den europäischen Juden durch Glück und Zufall überlebten.

Am Ende berichtet Marcel Reif, wie sein Freund und Kollege Michael Palme 2010 stirbt, der ihn in seinen Anfangsjahren beim ZDF oft genug kritisiert hatte und der ihm in den letzten Jahren bei Sky zur Seite stand. Wie Reif diese Freundschaft schildert, Konflikte und Krisen nicht aussparend, ist ebenso bewegend wie die Schilderung der Begegnung mit Berthold Beitz. Reif deutet an, dass man Michael Palme aus dem ZDF „rausgeekelt“ hatte. Mehr erfährt man nicht. Er kartet also nicht nach, berichtet wenig von Krächen und Auseinandersetzungen, es sei denn seine Wut über nicht funktionierende Technik übermannt ihn. Seine Erinnerungen sind positiv gestimmt – besonders an die Sportredaktion des ZDF in den 1980er und frühen 1990er Jahren. „Das war eine erlesene Kapelle“, sagt er und nennt neben anderen die Namen Werner Schneyder, Hennes Gally, Jochen Bouhs, Rainer Günzler und Dieter Kürten.

Reifs Blick auf den aktuellen Fußball und dessen Darstellung im Fernsehen ist skeptisch. Er kritisiert die Gigantomanie, wie sie bei den Welt- und Europameisterschaften Einzug gehalten hat. Er kritisiert die Verbände, die diese Gigantomanie aus pekuniärem Interesse betreiben. Er kritisiert die Inszenierungen auf dem Platz, wie sie vor dem Spiel, während des Spiels und nach dem Spiel stattfinden. Und er kritisiert das Gerede, zu dem viele Reporterkollegen neigen, wenn sie mit sprachlichen Stanzen einen besonderen Augenblick im Sportgeschehen zerreden und zerstören. Diese Kritik belegt er mit treffenden Beispielen, die zugleich Anekdotenwert besitzen.

Ihm ist da in vielem zuzustimmen und in seiner klugen Sprachkritik schimmert etwas von einem Sprachbewusstsein durch, das es so im gesamten Fernsehen – und also nicht nur in den Sportredaktionen – nicht mehr zu geben scheint. Ein Sprachbewusstsein, das sich vielleicht auch der Tatsache verdankt, dass Reif die deutsche Sprache nach Polnisch und Jiddisch erst im Alter von acht Jahren gelernt hat.

Selbstverständlich ist der Text des Buchs nicht von jener Eitelkeit frei, die Marcel Reif vor allem in den letzten Jahren stärker und stellenweise auch am Mikrofon auslebte. Da zeigte jemand allen, dass er es geschafft hatte. Sein enormes Wissen, seine gute Beobachtungsfähigkeit, seine Formulierungskunst gerade auch in der Verknappung schlugen dann um in Rechthaberei und auch in eine gewisse Überheblichkeit. Dass dies auch von jenen Fans provoziert wurde, die ihn hassten, weil er Kritisches über ihre Vereine nicht verheimlichte, sei eingestanden. Aber dieses Alibi ist für jemanden mit der Intelligenz eines Marcel Reif zu billig.

Denn insgeheim wird er wissen, dass es auch für ihn blinde Flecken gibt. Einer sei benannt. Wenn er zu Recht die absurd hohen Geldsummen kritisiert, die in den englischen Fußball fließen und ihn ins Gigantische aufgebläht haben, dann unterschlägt er die Ursache: Das spekulative Kapital von Scheichs aus Kuwait, russischen Oligarchen oder chinesischen Unternehmen drängt dorthin, weil der englische Fußball einzig und allein dank des Fernsehens weltweit die größte Aufmerksamkeit erzielt. Die zweite Geldquelle ist das Fernsehen selbst, das Jahr um Jahr mehr bietet, um in den Besitz exklusiver Rechte zu kommen. Ein Fernsehen, dem auch Marcel Reif vieles verdankt.

11.04.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 7/2017

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