André Hörmann/Nadya Luer: Die Berliner Nouvelle Vague (Arte)

Was das genau ist

Auch wenn die Wirklichkeit noch so komplex ist, ist es doch immer beruhigend, wenn man einen roten Faden hat. Man tut sich einfach leichter mit Begrifflichkeiten, die den Moloch ‘Welt’ in klare Epochen und Strömungen kleiden. Jene Künstler, die von der Filmwissenschaft seit gut zehn Jahren unter dem Begriff „Berliner Schule“ subsummiert werden, leben noch alle und hätten sich sogar gegen die intellektuelle Vereinnahmung wehren können. Aber warum eigentlich? Ist doch das Schlagwort ein schmeichelndes und steht für kulturelle Avantgarde: für die neuerliche (internationale) Anerkennung des deutschen Films nach langer kreativer Durststrecke.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich etwas getan im Kino, da reüssierte eine Gruppe von Filmemachern in Deutschland, die einfach mal „ruhige und ernsthafte Filme drehte“. So sieht es der Dokumentation von André Hörmann und Nadya Luer, der zu ergründen sucht, was das denn genau ist, das als „Berliner Schule“ gilt und sich anschickt, als neues deutsches Kinowunder um die Welt zu reisen. „Ruhige und ernsthafte Filme mit authentischen Geschichten“, von jungen Cineasten erdacht und von anderen jungen Cineasten der Welt als „neue Schule des Sehens“ gefeiert: Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec werden als jene Katalysatoren ausgemacht, die den deutschen Film von all den Verschmutzungen der dumpfen Unterhaltungsware der 1980er und 1990er Jahren reinigen sollten.

Wie es sich für einen griffigen Mythos gehört, hat alles zudem eine Keimzelle. Alles begann in der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), wo die drei Genannten Ende der 1980er Jahre ihr handwerkliches Rüstzeug bekamen – und vor allem lernten, sich als Seelenverwandte über ihre Visionen (nicht selten kontrovers) auszutauschen. So entstanden Drehbücher und daraus Filme, „die der Kunst und nicht dem Kommerz verpflichtet waren“. Filme wie „Die innere Sicherheit“ (2000) und „Wolfsburg“ (2003) von Christian Petzold, wie „Geschwister – Kardeşler“ (1997) und „Dealer“ (1999) von Thomas Arslan oder wie „Mein langsames Leben“ (2001) und „Marseille“ (2004) von Angela Schanelec. Filme, die aus dem Gedankengut entsprangen, das einen Stil hervorbrachte, den man seit den 1940er bis zu den 1970er Jahren bereits als Nouvelle Vague (Frankreich), Neorealismus (Italien) und New Hollywood (USA) benannte: Filme mit echten Geschichten über Antihelden auf den Straßen des wahren Lebens.

Und nun: „Die Berliner Nouvelle Vague“. Hörmanns und Luers geschichtlichem Abriss kann man gut folgen. Ist ihr Film doch trotz des abstrakten Sujets nachvollziehbar aufgebaut und lässt vor allem jene Protagonisten zu Wort kommen, die im Zentrum der Betrachtung stehen. Die 55-minütige Dokumentation – vom RBB ins Arte-Programm eingebracht – ist ein eingängiger, brillant gestalteter Film, dem man nur eines gewünscht hätte: bei aller Emphase ein klein wenig kritische Distanz, ein paar ungehörige Widerworte, die die Autoren als offenkundige Verfechter der Strömung hätten aushalten oder entkräften können. Klar, der Siegeszug der „Berliner Schule“ ist eindrucksvoll: von der Entdeckung über die Etablierung (deutsche Filmpreise für Petzold) und Kanonisierung (Retrospektive im New Yorker „Museum of Modern Art“) bis hin zum Welterfolg „Toni Erdmann“ von der „Berliner-Schule“-Schülerin Maren Ade (ein Erfolg, der sich erst nach Fertigstellung der Dokumentation einstellte).

Inzwischen wird selbst über das „Oberhausener Manifest“ von 1962 – jenes erste „Papas-Kino-ist-tot!“-Postulat, das den Beginn des Kinos von Fassbinder, Herzog und Kluge markiert – kontrovers gestritten. Hätte man also nicht auch den durchaus vorhandenen Bedenken gegen die „Berliner Schule“ ein Forum geben können? Die Kontroverse über die Entfremdung des deutschen Kinokunstfilms vom Publikum etwa: Angela Schanelec, die in ihren Filmen das Nichtzeigen des vermeintlich Interessanten zum Programm erhebt, fordert in der Dokumentation jenes Publikum zum Fernbleiben auf, das das sehen will, was gängiges Stilmittel ist. Ihre „Berliner Schule“ zeigt die Rezitative, nicht die Arien; hebt die Nichtschauplätze ins Zentrum der Handlung.

Da wäre auch noch die andere Kontroverse über die „Berliner Schule“, nämlich die, dass sie die vermeintlich einzig wahre Leitkultur bildet. Die Fokussierung auf diese Art Kulturkino hatte beispielsweise eine öffentliche Kinofilmförderung zur Folge, die es für Genrefilm-Projekte in den ersten zehn Jahren des neuen Jahrtausends aufgrund filmkünstlerischer Scheuklappen nicht gerade leichter machte, dass auch sie noch Geld aus den Fördertöpfen bekamen.

Mit einem Anflug von Arroganz geht der Film „Die Berliner Nouvelle Vague“ (Produktion: Telekult) über die Infragestellung seines Betrachtungsgegenstands hinweg und reduziert das Niveau des filmischen Gegenentwurfs auf Produktionen wie die „Otto“-Filme, die als banaler Unterhaltungsschrott dargestellt werden. Unkritisch schöngeredet werden beispielsweise die Übertragungsversuche des Realismus der „Berliner Schule“ auf Historienstoffe wie bei Arlsans Western „Gold“, der auf der Berlinale 2013 keineswegs nur die in der Dokumentation angerissenen Lobeshymnen bekam.

Im Gegensatz zu der inzwischen schon zu Grabe getragenen „Dogma-95“-Schule um den Dänen Lars von Trier gehorcht die „Berliner Schule“ keinen strikten formalen, sondern allenfalls inhaltlichen, gefühlsgeleiteten Regeln, die sich nur sperrig auf andere Regiearbeiten, vor allem aber Genre-Werke übertragen lassen. Die „Berliner Schule“ ist zuallererst ein Gefühlszustand, der auch in dieser Arte-Dokumentation nicht wirklich fassbar wird. „Ruhige und ernsthafte Filme mit authentischen Geschichten“ gibt es wahrlich nicht nur in Berlin, sondern genauso gut in jedem Mainstream dieser Welt. Was der Film von André Hörmann und Nadya Luer verschweigt, ist die „Berliner Schule“ als offensive, mithin gar nicht ruhige Kampfansage an den eingefahrenen, konsumierenden Blick. Eine Kampfansage, die das Risiko eingeht, jene auszuschließen, für die Film gemacht ist: die Zuschauer.

28.02.2017 – Jörg Gerle/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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