Stadt Land Kunst. Kulturmagazin (Arte)

Kulturerfahrung

Neben der „Kulturzeit“ auf 3sat gibt es seit dem 13. März beim deutsch-französischen Fernsehkanal Arte mit „Stadt Land Kunst“ noch ein zweites werktäglich gesendetes Kulturmagazin. Das ist nicht nur eine neue Sendung, sondern tatsächlich auch ein neues Format. Das im deutschen Arte-Programm um die Mittagszeit ausgestrahlte 35-Minuten-Magazin stellt alle seine Beiträge unter einen Aspekt, der künstlerische Produktion und reale Erfahrung, geistig-kulturelle Ideen und Wirklichkeit miteinander in Beziehung setzt, also im Wortsinn Kulturerfahrung ermöglicht.

Es werden beispielsweise Orte aufgesucht, durch die Künstler ihre Inspiration erfahren oder wo Denker ihre Idealvorstellungen verwirklicht haben. Das können Naturlandschaften sein, aber auch von Menschen gestaltete Lebensräume. Dabei verbleiben die einzelnen Beiträge nicht etwa nur in den Arte-Ländern Deutschland und Frankreich, sondern beziehen die ganze Welt mit ein, wenn auch – zumindest in den ersten drei Folgen – in diesen von Arte France produzierten dokumentarischen Kleinformaten ein besonderer französischer Bezug unübersehbar ist (Produktion: Elephant Doc, Paris).

Neben den ausdrücklich mit ästhetischem Anspruch gefilmten Schauplätzen spielen ebenso Kurzporträts und Gespräche mit Personen eine wichtige Rolle. Eine sich auch explizit inhaltlich mit den Einzelbeiträgen befassende Moderation von Linda Lorin – in französischer Sprache, die in Deutsch überblendet wird – ergänzt dann dieses auf die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Welt basierende Konzept.

Damit erhält das Magazin eine feste Perspektive, gleichzeitig sind ihm aber hinsichtlich Geografie und Historie, den klassischen Künsten und weiteren kulturpolitischen Aspekten thematisch keine Grenzen gesetzt. Der Blick in die ersten drei Sendungen des neuen Formats zeigt zudem: Das Magazin enthält immer drei Beiträge von unterschiedlicher Länge, unter denen der erste der umfangreichste ist. Oft noch ergänzt um einen weiteren Kurzbeitrag, bestimmt er thematisch mehr als die Hälfte der Sendezeit. Der letzte ist der kürzeste und individuellste Beitrag, denn er geht immer auf eine persönliche Empfehlung von Arte-Zuschauern zurückgeht, die jedes Mal in der Sendung erneut aufgefordert werden, hierfür Vorschläge zu machen. Auch diese unterschiedliche Gewichtung der Einzelbeiträge nimmt dem Gezeigten den Eindruck der Beliebigkeit.

In der Auftaktausgabe des neuen Magazins (13. März) stehen im längsten Beitrag Frida Kahlo und Mexiko an erster Stelle. Das Leben und Schaffen der Malerin wird in engen Zusammenhang mit der mexikanischen Kultur gebracht, was gerade bei Frida Kahlo allerdings sehr naheliegt. Doch der Beitrag verbleibt nicht beim Offensichtlichen, sondern dringt doch auch in eine tiefere Schicht vor, indem er etwa das Tragen der traditionellen Tracht als Form der politischen Stellungnahme aufzeigt oder sich mit den in Juchitán kulturell besonders verankerten matriarchalischen Strukturen befasst.

An zweiter Stelle folgt in der ersten Ausgabe ein sich hiervon in historischer und geografischer Sicht stark unterscheidender Beitrag über „die ersten Sozialwohnungen der Geschichte“, das heißt über die im 16. Jahrhundert errichtete „Fuggerei“ in Augsburg. In diesen Wohnungen wurde die Miete seit 500 Jahren nicht mehr erhöht und beträgt immer noch, in heutige Währung umgerechnet, 88 Cent im Jahr. Seit jeher, so die Kriterien der Stifter, darf hier nur wohnen, wer Augsburger, katholisch und unverschuldet in Not geraten ist. Als ein solchermaßen Privilegierter führt im Filmbeitrag ein Jugendlicher durch die Siedlung, der erkennbar ein Afrodeutscher ist. Die letzten fünf Minuten der Sendung gehören dann einem in die USA ausgewanderten Franzosen, der das Filmteam in sein Ferienhaus in den im Bundesstaat New York gelegenen Catskills Mountains eingeladen hat – für ihn sowohl ein Ort der Inspiration und Erholung als auch einer der Erinnerung an seine alte Heimat, die ostfranzösischen Vogesen.

In der zweiten Ausgabe von „Stadt Land Kunst“ (14. März) geht es um das südfranzösische Département Aveyron und den Bezug des französischen Malers Pierre Soulages dazu, der seine künstlerische Inspirationen aus dieser Gegend gewonnen hat. Karge, menschenleere Landschaften, die Weite und Einsamkeit signalisieren, und eine deutlich vom Mittelalter geprägte Stadt werden gezeigt und in Beziehung zu den Werken dieses Künstlers der Gegenwart gesetzt. Danach gibt es einen Beitrag über die Märchenerzähler vom berühmten Marktplatz Djemaa el Fna in Marrakesch, der zweifellos zu den touristischen Highlights einer jeden Marokkoreise zählt. Hier geht es aber vor allem um die einheimischen Märchenerzähler und ihre bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Erzähltradition. Am Schluss steht der Besuch eines alten Grenzturms an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zwischen Bayern und Thüringen (in Franken); im Gespräch mit denjenigen, die ihn aus eigener, privater Initiative restauriert haben, wird vermittelt, was hier geschehen ist.

Auch die in der dritten Ausgabe (15. März) gezeigten Bilder von der Insel Mauritius könnten einem Reisefilm entstammen. Es geht jedoch um den französischen Dichter Charles Baudelaire, der als Wegbereiter der literarischen Moderne gilt und durch diese im Indischen Ozean liegende Insel künstlerisch geprägt wurde, auf der er im Jahr 1841 mehrere Monate zubrachte. Die Bilder werden, nicht zuletzt durch eine ausführliche Kommentierung, in Bezug zu den dort von Baudelaire vor über 150 Jahren gemachten sinnlichen Erfahrungen gebracht. Im zweiten Beitrag geht es dann an die italienische Amalfiküste, von wo über zwei Zitronenbauern berichtet wird, die ihr Metier zur Grundlage einer persönlichen Lebensphilosophie gemacht haben. Die Sendung beschließt eine kurze Reise zu René in die Provence, der das Filmteam zu seinem Lieblingsort, den Erdpyramiden am Mont Ventoux führt, die wegen ihrer mysteriösen Aura „Feenkamine“ genannt werden.

Das Magazin „Stadt Land Kunst“, das in der französischen Fassung „Invitation au voyage“, also „Einladung zur Reise“ heißt und in Frankreich zu einer besseren Sendezeit, nämlich erst nachmittags um 16.30 Uhr ausgestrahlt wird, lässt sich jedoch keineswegs unter der Rubrik ‘Reiseformat’ ablegen. Selbst Bildfolgen, die durchaus Postkartencharakter haben, setzen vor allem auf intellektuelle Relevanz. Dieses neue Arte-Magazin repräsentiert somit ein nahezu klassisches Kulturformat mit deutlichen Anklängen ans traditionelle Bildungsfernsehen. Es fehlen allerdings direkte Bezüge zu aktuellen Fragestellungen politischer oder kultureller Art.

29.03.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 14/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren