Martina Müller: Geld Macht Kunst (Arte)

Stille Transzendenz

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ So lautet das wundervolle, längst in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangene Karl-Valentin-Zitat. Kunst muss aber nicht schön sein, um unvorstellbar viel Geld einzubringen. Wer bestimmt, was ein Werk kostet, und wer Spitzenpreise bezahlt – davon handelt Martina Müllers aufwendige und hintergründige WDR-Kulturdokumentation „Geld Macht Kunst“, die nun auf Arte erstausgestrahlt wurde.

Die Rahmengeschichte des knapp einstündigen Films rollt den im vorigen Jahr von der Presse genüsslich ausgeschlachteten Skandal um den Kunstberater Helge Achenbach auf. Sechs Jahre Gefängnis handelte der Düsseldorfer Vermittler sich ein, weil das Gericht es als erwiesen ansah, dass er dem Aldi-Nord-Erben Berthold Albrecht rund 20 Millionen Euro zu viel an Provision berechnet hatte. Für Kunst, die er dem öffentlichkeitsscheuen Milliardär und seiner Frau „im Kofferraum“ frei Haus anlieferte. Etwa so, wie man eine Pizza vorbeibringt.

Diese grelle Posse dient der Dokumentation als Aufhänger für die Frage, wie überhaupt Preise auf dem Kunstmarkt entstehen. Wie Alice, die in Lewis Carrols Roman hinter die Spiegel blickt, so schaut dieser Film gewissermaßen hinter bemalte Leinwände. Ein Kunstwerk, so verdeutlicht Martina Müller im Gespräch mit Galeristen und Kunstexperten, entsteht nämlich nicht nur im Atelier des einsamen Malers. Geschäfte, Connections im Hintergrund und die „Credibility“ bekannter Galerien bestimmen den Wert eines angesagten Werks ebenso – vielleicht sogar noch mehr – wie Pinsel, Farbe und Inspiration.

Die Dokumentation lotet das Wechselspiel zwischen Kunst als Geldanlage, der Preispolitik der Galerien und der steigenden Macht privater Sammler aus. Es handelt sich um ein elitäres Gefüge, das im Prinzip organisiert ist wie der Aktienmarkt. Statt Analysten treiben Galeristen und Kunstberater die Preise hoch. Exemplarisch dokumentiert der Film die Versteigerung eines Akts des italienischen Malers und Bildhauers Amedeo Modigliani (1884 bis 1920). In Kunstkreisen nennt man die zehn bis zwanzig weltweit meistverkauften Künstler „Blue Chips“. Zu dieser Kategorie gehört der Italiener.

Das im vorigen Jahr zum Verkauf stehende Modigliani-Bild, frohlockt Andreas Rumbler vom Auktionshaus Christie’s im Film, sei „marktfrisch“ gewesen. Das heißt, es war seit Generationen nicht mehr weiterverkauft worden. Aber: „Warum begeistert uns dieses Bild so?“ Die dürren Ausführungen des smarten Experten hierzu sind belanglos wie die eines zweitklassigen Kunsthistorikers, der asiatische Touristen durch ein Provinzmuseum schleust. Mit seinem einnehmenden Charme heizt ein Mann wie Rumbler an der sensiblen Schnittstelle zwischen Ästhetik und Geld jedoch einen erstaunlichen Effekt an. Der Preis steigt in höchste Dimensionen. Der Modigliani kam 2015 für den Mondpreis von 158 Millionen Dollar unter den Hammer. Und ist damit das bislang zweitteuerste Werk der Kunstgeschichte.

So etwas geschieht nicht oft – aber immer öfter. Die zunehmende Konzentration des Markts auf Ölscheichs, russische Oligarchen und neureiche Chinesen bewirkt einen Strukturwandel des Kunstbetriebs. Am Beispiel von Jeff Koons zeigt die Dokumentation auf, wie einzelne Stars vereinnahmt werden von Spekulationen und Wertsteigerungsstrategien. Ihr Image fungiert letztlich nur noch als Aushängeschild für exklusive Luxus-Labels. Öffentliche Museen können in diesem realitätsfremden Überbietungswettbewerb nicht mehr mithalten. Martina Müllers Dokumentation verdeutlicht, dass Museen deshalb mehr und mehr auf die Kooperation mit solventen Privatsammlern angewiesen sind. Wenn ein reicher Kunstfreund seine Bilder eine Zeit lang an eine öffentliche Galerie verleiht, dann spart er dadurch sogar noch Steuern.

In diesem Business, in dem es um Marktanteile großer Galerien und Auktionshäuser geht, scheinen der ästhetische Genuss und die Freude am Kunstschönen eher zweitrangig zu sein. Vor der Kamera spricht Julia Voss, eine Kunstkritikerin, die diesen Trend unlängst in einer viel beachteten Buchpublikation anprangerte, über die Tendenz zur Belanglosigkeit der Gegenwartskunst. Demnach erschließt sich die Bedeutung eines Werks zuweilen nur noch über den Beipackzettel. Sprich: Der gedrechselte Text eines Kunsthistorikers, in dem jene Floskeln aufgeboten werden, die schon Woody Allen in seinen Filmen lustvoll denunzierte – wenn etwa einer der Stadtneurotiker vor einem Bild im Museum sinniert, das Gemälde habe eine „stille Transzendenz“.

Dieser Absorption des Kunstschönen durch einen Algorithmus, der Ästhetik in Dollarzeichen umwandelt, spürt der Film auf verschiedenen Ebenen nach. So ziehen explodierende Auktionspreise, wie das Beispiel des Modiglianis vor Augen führt, zwangsläufig auch ein Ansteigen der Versicherungssummen anderer Gemälde desselben Künstlers nach sich, die in öffentlichen Galerien hängen. Aus diesem Grund können sich Museen die Werke angesagter Maler dann selbst als Leihgabe nicht mehr leisten. Die Folge: Kunst verschwindet aus dem öffentlichen Bereich und landet in den Freihandelszonen von Genf, Luxemburg oder Singapur. Von hier aus wird sie an Superreiche vermittelt. Superreiche wie Berthold Albrecht.

Und damit wären wir wieder am Anfang der Geschichte. Eine Gerichtsreporterin plaudert über süffisante Details des Achenbach-Prozesses, bei dem auch zur Sprache kam, wie die Albrecht-Witwe Babette in ihrer Villa ein über 100 Millionen Euro teures „Sammelsurium von Werken aus allen Epochen“ nach drei Kriterien ordnete: „In erster Linie nach der Größe“, dann danach, ob die Bilder zur Haarfarbe ihrer Kinder passten – und dann kamen Bilder an die jeweils passende Wand, „weil die Rahmen so schön waren“. Man muss bei dieser Dokumentation Nerven bewahren, um den Glauben an das Wahre, Schöne, Gute nicht völlig zu verlieren.

31.10.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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