WaPo Bodensee. 8-teilige Vorabend-Krimiserie (ARD/SWR)

Nebenbei-Fernsehen par excellence

Anfang 2016 endete im ZDF nach stolzen 17 Staffeln die Vorabendserie „Küstenwache“. Verantwortlicher Redaktionsleiter bei Indienststellung des fiktiven Küstenwachenkreuzers „Albatros“ im Jahr 1996 war Jan Richard Schuster. Für Schuster folgten weitere berufliche Stationen – und jetzt gibt es bei der ARD eine Art Wiederbelebung der damaligen Idee, die maritime Polizei zum Gegenstand einer Serie zu machen: „WaPo Bodensee“, realisiert nach einer Idee von Jan Richard Schuster und Kerstin Lipownik. Die Serie (Produktion: Saxonia Media) thematisiert die Arbeit der Wasserschutzpolizei, also der „WaPo“, auf dem Dreiländersee. Neben der inhaltlichen lassen sich auch personelle Kontinuitäten entdecken. Raoul W. Heimrich war einer der Hauptregisseure in „Küstenwache“ und bei „WaPo Bodensee“ ist er nun erneut als Regisseur mit an Bord; er hat die ersten vier Folgen inszeniert (bei den anderen vier Episoden führt Patrick Winczewski die Regie). Ebenso sind die Drehbuchautoren Eckhard Wolff und Tobias Wolk an beiden Serien beteiligt.

Dennoch, die Freunde von „Küstenwache“ – eine inhaltsreiche Fanpage besteht bis heute, Wiederholungen der Serie laufen bei ZDFneo – dürften von „WaPo Bodensee“ wohl enttäuscht sein. „Küstenwache“, auf der Ostsee spielend, bot oft aufwändige, mitunter spektakuläre Szenen. In der Region zwischen Konstanz und Radolfzell geht es hingegen eher bedächtig zu. Mit regionalem Charme, aber selten aufregend. Selbst Verfolgungsjagden finden hier in vergleichsweise gemächlichem Tempo statt.

Zentrale Figur der ARD-Serie ist Nele Fehrenbach (Floriane Daniel). Sie stammt aus der Bodenseeregion, war aber lange in Hamburg tätig, hatte dort geheiratet und ist Mutter zweier pubertierender Kinder. Mit denen ist sie nach dem Scheitern ihrer Ehe in die Heimat zurückgezogen. Dort wohnt Nele nun wieder, was Tochter Johanna (Sofie Eifertinger) schon mal zu süffisanten Kommentaren veranlasst, unter dem Dach ihrer Mutter Mechthild (Diana Körner) in einer schmucken Villa mit Seeblick.

Für die Kinder war der Umzug nicht leicht. Vor allem Sohn Niklas (Noah Calvin) hat Probleme, sich im neuen schulischen Umfeld einzuleben, wird dort auch bedrängt und schikaniert; allerdings ist er selbst ein recht durchtriebenes Früchtchen. Und Neles Flirt mit einem Schweizer Kollegen sorgt für das heiter-romantische Element.

Beruflich hat Nele Fehrenbach die Leitung der örtlichen Wasserschutzpolizeistation übernommen. Wie Sohn und Tochter wird auch sie nicht von allen freundlich willkommen geheißen. Der Kollege Andreas Rambach (Ole Puppe) hatte selbst auf den Führungsposten gehofft. Er kennt sich im Amtsbereich bestens aus und spielt seine Vorteile oftmals genüsslich aus. Zum Team gehören ferner der dienstbeflissene und etwas schrullige Vogelexperte Pirmin Spitznagel (Simon Werdelis), öfter mal die Zielscheibe kleiner Spötteleien, und Julia Demmler (Wendy Güntensperger), die sich als kompetente und verlässliche Partnerin der Chefin erweisen wird.

In der Regel bekommen es die uniformierten Beamten mit Mordfällen zu tun, fast immer dümpelt die Leiche im See. Statt die Ermittlungen an das Kriminalkommissariat weiterzugeben, übernehmen die Wasserschützer gleich selbst. Allen voran Nele Fehrenbach. Rechtsmedizin und Kriminaltechnik mögen gelegentlich am Rande vorkommen, geklärt werden die Fälle durch Neles Einfühlungsvermögen, ihr sanftes Insistieren und ihren detektivischen Scharfsinn. Ihre Stärken sind List, psychologische Kniffe und taktisches Geschick, und das auch, wenn es darum geht, ihrem Sohn Respekt unter Gleichaltrigen zu verschaffen.

Mit dieser Charakterzeichnung und den bisweilen augenzwinkernd skizzierten Milieus erinnert die Produktion an britische Detektivserien der betulichen Art wie „Inspector Barnaby“, „Death in Paradise“ oder die Neuauflage von „Father Brown“. Das Familienleben der Fehrenbachs wird, wenngleich nicht frei von Krisen, ebenfalls mit sehr viel Humor geschildert, der sich vor allem im Umgang Nele Fehrenbachs mit ihren Kindern und ihrer Mutter ausdrückt. Für die Drehbücher sind neben Eckhard Wolff und Tobias Wolk noch Luci van Org, Axel Hildebrandt, Heike Rübbert und Michael Gantenberg verantwortlich. Manche Dialoge sind originell und witzig, doch diese Qualität ist leider nicht Standard.

Überhaupt gibt es bei den Drehbüchern der einzelnen Folgen erhebliches Gefälle. Es wird auch mal geschlampt, sei es bei der Entwicklung des kriminalistischen Plots oder im Detail. So weckt in Folge 2 den Argwohn der Polizisten, dass ein explodiertes Fischerboot ungewöhnlich viel Diesel an Bord hatte. Jedoch kam das Boot, wie sich erweist, gerade von einer Schwarzgeld-Schmuggeltour vom Schweizer Bodenseeufer zurück. Da der Schiffsführer bei der illegalen Fahrt wohl kaum unterwegs irgendwo getankt haben dürfte, musste der Treibstoff eigentlich schon zu einem Gutteil verbraucht gewesen sein. An anderer Stelle legt das Drehbuch der guten Seele Julia Demmler den Satz in den Mund: „Das ist der Vorteil von einem Binnengewässer. Es kann nichts verlorengehen.“ Sollte einer diensterfahrenen Wasserschutzpolizistin all die Jahre entgangen sein, dass der Bodensee vom Rhein durchflossen wird, dessen Strömung durchaus ein Schlauchboot und andere Gegenstände davontragen könnte?

„WaPo Bodensee“ hebt sich nicht wesentlich ab von jenem Krimikomödienstil, der das Vorabendprogramm im Ersten beherrscht. Soweit die ersten vier (von zunächst insgesamt acht) Folgen ein Urteil erlauben, sind die Inhalte auf harmlos-heitere Unterhaltung ausgelegt, auch wenn aktuelle Themen wie die Preisgabe von Steuersündern per Daten-CD in die Geschichten einfließen. „WaPo Bodensee“ schauen ist somit ein netter, unkomplizierter, inhaltlich weitgehend anspruchsfreier Zeitvertreib für den Feierabend. Nebenbei-Fernsehen par excellence.

17.01.2017 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 2-3/2017

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