Feo Aladag: Der Andere – eine Familiengeschichte (ZDF)

Nama aus Mali und der deutsche Flüchtling

Ein verbitterter, einsamer alter Mann namens Willi, der in einem Berliner Altenheim lebt, hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem erwachsenen Sohn Stefan, obwohl dieser in der­selben Stadt wohnt. Doch dann trifft der Rentner eines Tages den 17-jährigen Asylbewerber Nama aus Mali und freundet sich mit ihm an. Und am Ende schafft es der junge Afrikaner, Vater und Sohn wieder zu versöhnen. Mit Verlaub, dieser Plot nimmt sich doch aus wie ein vorgezogenes, arg schwülstiges Weihnachtsmärchen, in dem am Ende allen Unbilden zum Trotz verlässlich das Gute über das Böse triumphiert. Und letztlich folgt der ZDF-Film „Der Andere“ exakt dieser schlichten Dramaturgie.

Andererseits gibt es da von Beginn an eine Reihe von Indizien, die gegen einen zuckersüßen Multikulti-Brei sprechen. So zum Beispiel Feo Aladag, österreichische Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, die sich mit Kinofilmen wie „Die Fremde“ (2010, Koproduktion: ARD/WDR/RBB/Arte) oder „Zwischen Welten“ (2014, Koproduktion: ZDF) einen Ruf als ambitionierte Seismografin kultureller Divergenzen erworben hat. Und dann sind da renommierte Darsteller des deutschen Films wie Karoline Eichhorn, Katja Riemann, Jörg Schüttauf und Lars Rudolph, die sich hier mit kleinen Nebenrollen zufriedengeben. Und ein Weltstar wie der Däne Jesper Christensen, der den alten Willi spielt, würde sich für einen seicht menschelnden Schmonzes doch auch kaum zur Verfügung stellen.

Die Geschichte beginnt mit Szenen, in denen der Polizist Stefan (Milan Peschel) im Dienstalltag mit dem Ansturm von Flüchtlingen konfrontiert ist. Bilder, wie man sie aus dem Sommer 2015 kennt. Polizei und Behörden geraten bei dem Chaos an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Aber Stefan scheint auch private Probleme zu haben. Kollegen erkundigen sich vorsichtig nach seinem Befinden und nach Feierabend kippt er unzählige Biere. Dann kommt der Polizist in den nächsten 30 Minuten des Films überhaupt nicht mehr vor.

Stattdessen widmet sich der Film nun erst einmal der Beziehungsanbahnung zwischen Willi und dem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling, gespielt von Nama Traore. Und die geht doch etwas wundersam vonstatten. Nama klaut Willi in einer Kirche ein Paar Handschule, es kommt zum Gerangel, bei dem sich der Afrikaner eine leichte Verletzung an der Hand zuzieht. Und urplötzlich wandelt sich der gerade noch wütende Rentner zum barmherzigen Samariter, nimmt Nama mit ins Altenheim und schenkt ihm eine Jacke. Im weiteren Verlauf dieser ungewöhnlichen Freundschaft erfährt man, dass auch Willi einst geflohen war. Vor den Nazis nach Dänemark. Unterwegs hat er dabei seine Mutter verloren und sie danach nie wieder gesehen.

Über die zerrüttete Beziehung zu seinem Sohn Stefan mag Willi nicht sprechen. Der Sohn tritt erst wieder auf den Plan, als Willi und Nama bei ihm einziehen. Das geht Stefan zwar mächtig gegen den Strich, er kann es aber nicht verhindern, da das Haus noch immer dem Vater gehört.

In kleinen Dosen serviert Autorin und Regisseurin Feo Aladag dann auch Informationen über den Vater-Sohn-Konflikt. Nach Minute 60 erfährt man, dass Stefans Tochter tot ist, seine Frau ihn verlassen hat und er seinem Vater daran die Schuld gibt. Doch es dauert weitere 15 Minuten, bis Nama endlich fragt: „Woran ist Kind gestorben?“ Ein Unfall war’s. Das Mädchen war mit Opa auf dem Spielplatz und ist dabei vom Klettergerüst gestürzt. Tragisch natürlich, aber nach all den nebulösen Andeutungen vorher hatte man als Zuschauer schon fast mit einem Kapitalverbrechen gerechnet.

Überhaupt fehlt es in diesem Film bei so mancher Wendung an Plausibilität. So beispielsweise bezüglich Stefans Wandlung. Da kommt er abends heim und findet Willi, Nama und mehrere von dessen Bekannten in feuchtfröhlicher Runde am Küchentisch. Stefan blickt kurz so, als würde er gleich explodieren, setzt sich dann aber einfach dazu, macht sich ein Bier auf und erzählt Witze.

Auf der anderen Seite gelingen Feo Aladag (die den Film auch produziert hat) zugleich immer wieder wunderbare Miniaturen. So etwa, als eine Nachbarin auf Nama zeigt und Willi fragt, ob „der da“ denn zu ihm gehöre. Und Willi sagt: „Das ist ein Schwarzarbeiter. Das sehen Sie doch.“ Später bittet der Mann dieser Nachbarin Stefan zu einem Gespräch am Gartenzaun und meint: „Die Nachbarn fühlen sich nicht ausreichend informiert. Mir kann’s ja egal sein, aber du kennst doch die Leute. Die sind so schnell mit ihren Vorurteilen.“ Das ist Pegida-Sprech in Reinkultur, gelungen persifliert. Auch die Sequenzen, in denen der Paragraphendschungel des deutschen Asylrechts anschaulich wurde, nahmen sich durchaus stimmig aus.

Und letztlich muss man diesem Versuch, eine tragische deutsche Familiengeschichte mit dem aktuellen Flüchtlingsproblem zu verbinden, trotz einiger Mängel und dem unvermeidlichen (wenn auch nicht ungetrübten) Happy End Respekt zollen. Ähnliches gilt für das ZDF, das sich in diesem Fall endlich einmal wieder getraut hat, am Montagabend auf dem Primetime-Sendeplatz des „Fernsehfilms der Woche“ nicht einen quotensicheren Krimi auszustrahlen, sondern einen Film mit drei Hauptdarstellern, die nicht unbedingt als Publikumsmagneten gelten. Nur die finale Bildergalerie mit afrikanischen Kindergesichtern hätte es nun wirklich nicht gebraucht.

30.11.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 20/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren