Volker Einrauch/Hermine Huntgeburth: Aufbruch (ARD/WDR)

Stimmiges Zeitkolorit

Diese Produktion bringt die Filmgeschichte nicht voran. Weder dramaturgisch noch ästhetisch oder sonstwie. Hier ist alles gänzlich konventionell. Und es ist dennoch ein guter, sehenswerter Film, der sich konsequent an das Strickmuster seines Vorgängers aus dem Jahre 2008 hält. Der Vorgänger von „Aufbruch“, das war der mit einem Grimme-Preis ausgezeichnete Zweiteiler „Teufelsbraten“ (vgl. FK-Kritik), gedreht nach dem autobiografisch gefärbten Roman „Das verborgene Wort“, in dem die Schriftstellerin und Lyrikerin Ulla Hahn das Aufwachsen eines Mädchens in ärmlichen Verhältnissen im Rheinland zwischen 1951 und 1962 schildert. Das Drehbuch für die Verfilmung schrieb Volker Einrauch, Regie führte Hermine Huntgeburth. Beide zeichnen nun auch für die Fortsetzung verantwortlich. Zudem sind auch Szenenbildnerin Bettina Schmidt und Kameramann Sebastian Edschmid erneut mit von der Partie. Und natürlich spielt Anna Fischer wieder die Hauptfigur Hildegard Palm, genannt „Hilla“, und Ulrich Noethen, Margarita Broich und Barbara Nüsse verkörpern einmal mehr deren Vater, Mutter und Oma.

Der Film „Aufbruch“ (3,61 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,6 Prozent) erzählt von Hillas Jahren auf dem Gymnasium, auf das sie es gegen den Widerstand ihrer Eltern geschafft hat, die der Ansicht sind, dass ein Arbeiterkind auf so einer Schule nichts zu suchen habe. ‘Bildungsfernes Elternhaus’ würde man das heute nennen. Die Begeisterung der Tochter für Literatur sind für die Eltern „nur Flausen im Kopf“. Und Oma fürchtet, dass ihre Enkelin damit „keinen Kerl“ abbekommen wird. Ein solcher findet sich aber dann doch sehr bald und das auch noch in Gestalt eines jungen Mannes mit schwerreichem Vater.

Dieser Godehard van Keuken (Daniel Sträßer) ist so ziemlich der einzige Schwachpunkt der Geschichte. Weshalb sich der gut betuchte Student mit silbernem Benz-Cabrio-Sportwagen und edler Garderobe unsterblich in die unscheinbare Schülerin Hilla mit ihrem Anorak, Faltenrock und ihren derben Tretern an den Füßen verliebt, bleibt zumindest einigermaßen rätselhaft. Liebesbeziehungen über gleich mehrere soziale Grenzen hinweg sind selbst heute noch von großer Seltenheit, dürften jedoch in der Adenauer-Ära schier ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein. Doch als Godehard nach einem Antrittsbesuch bei den Palms Hillas Zuhause „ein Loch“ nennt, beendet sie die Beziehung und damit auch das kleine Glaubwürdigkeitsproblem des Films.

Ansonsten ist in „Aufbruch“ (Produktion: Tag/Traum) das Zeitkolorit geradezu detailversessen und stimmig gezeichnet. Da ist beispielsweise die Oma, die mit einer damals neu auf den Markt gebrachten Milchtüte in Pyramidenform kämpft und schließlich flucht, dass die doch nur der Teufel erfunden haben könne. Und später beobachtet sie, wie ihre Enkelin sich draußen an der Hauswand übergibt, woraufhin sich die Großmutter bekreuzigt und eine religiöse Formel murmelt. Zuschauer, die nicht in jenen Jahren groß geworden sind, werden diese Reaktion vermutlich für den Ausdruck der Sorge um Hillas Gesundheit gehalten haben. Älteren dürfte hingegen deutlich sein, dass die Oma hier mutmaßte, ihre Enkelin könnte womöglich schwanger sein.

Es spricht für den Film, dass solch historische Eigentümlichkeiten hier nicht im Sinne des Erklärfernsehens aufgedröselt werden, sondern einfach so stehen bleiben. Auch dass Hilla, die eines Abends Opfer einer Vergewaltigung wird, keinen Gedanken daran verschwendet, die Täter anzuzeigen oder überhaupt irgendwem von dem Vorfall zu erzählen, gehört als Umstand in diese Zeit. Wie Anna Fischer die Auswirkungen, die die brutale Vergewaltigung auf Hilla hat, spielt, ist großartig und ergreifend und geht einem richtig nahe.

Des Weiteren enthält der Film Skizzierungen des aufkeimenden Geistes der 68er-Bewegung, sie sind vergleichsweise subtil umgesetzt. So erscheint Hillas selbstbewusste Schulfreundin Monika (Saskia Rosendahl) wie eine Vorbotin jener Generation, und als ein Lehrer die Schüler auffordert, in ihrem privaten Umfeld die Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen, wird er nach Protesten der Eltern kurzerhand versetzt.

Herausragend sind einmal mehr die Leistungen des Darsteller-Ensembles. Allen voran verkörpert Anna Fischer jene Hilla in ihrer Mischung aus Naivität und Neugier, Schüchternheit und Ehrgeiz so überzeugend, dass man kaum bemerkt, dass da eine knapp Dreißigjährige eine Sechzehnjährige spielt. Wie gesagt, die Filmhistorie bringt diese Produktion nicht voran, aber das macht gar nichts. Denn es handelt sich hier um eine mustergültige Literaturverfilmung, die die Romanvorlage in stimmige Bilder und Dialoge übersetzt. Da Ulla Hahn inzwischen mit „Spiel der Zeit“ ihre Trilogie um Hilla Palm abgeschlossen hat, darf man sich wohl auf eine weitere Verfilmung mit den vertrauten Akteuren vor und hinter der Kamera freuen.

26.12.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 6/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren