Simone Jung: Benno Ohnesorg – Sein Tod und unser Leben (Arte)

Rückblick auf einen Epochenwechsel

„Bitte nicht schießen!“ rief Benno Ohnesorg dem auf ihn zielenden Polizisten Karl-Heinz Kurras zu, der später vor Gericht erklärte, dass er sich bedroht gefühlt und in Notwehr geschossen habe – was ihm das Gericht glaubte. Mit diesem Schuss habe Kurras „die Köpfe von uns allen getroffen“. So erklärt es ein Mitstudent von Ohnesorg in Simone Jungs Dokumentation „Benno Ohnesorg – Sein Tod und unser Leben“. Anlässlich des 50. Jahrestags der Demonstration in West-Berlin gegen den Schah von Persien, der dort zu einem Staatsbesuch war, versucht die Filmautorin jene Ereignisse vom 2. Juni 1967 neu aufzurollen, mit denen die Studentenbewegung überhaupt erst Fahrt aufgenommen hat.

Eine Dokumentation zu diesem Thema ist kein einfaches Unterfangen, denn zur Geschichte von Benno Ohnesorg und der Studentenrevolte gibt es bereits unzählige Filme. Viele von ihnen haben einen ähnlichen Duktus. Um die Aufbruchstimmung der demonstrierenden Studenten zu illustrieren, ist fast immer die Musik der Rolling Stones zu hören. Dieses Klischee vermeidet Simone Jung, sie setzt Musik, nicht ganz so plakativ ein, nutzt bestimmte Klänge aber auch, um die Bilder zu emotionalisieren.

Dennoch kann ihr Film – eine bei Arte erstausgestrahlte Produktion des Hessischen Rundfunks (HR) – einige neue Akzente setzen. Das liegt an der gelungenen Mischung der Zeitzeugen. Otto Schily, Rechtsanwalt und früherer Bundesinnenminister (1998 bis 2005), taucht in solchen Zusammenhängen immer wieder auf, ihm hätte man hier nicht unbedingt noch einmal zuhören müssen. Anders ist es mit Friederike Hausmann, die berühmt wurde, weil das Schwarzweiß-Foto, auf dem sie mit dem sterbenden Benno Ohnesorg zu sehen ist, um die Welt ging, und mit Ralf Reinders, ehemaliger Terrorist der „Bewegung 2. Juni“, der mit der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im Jahr 1975 die militante Radikalisierung der Studentenbewegung vorantrieb, und ganz besonders mit Martin Textor, der damals bei den Studentendemonstrationen als Polizist eingesetzt wurde.

Textor erinnert sich an eine charakteristische Direktive seiner Polizeiausbildung: „Jedes unnötige Wort mit dem Bürger ist zu unterlassen.“ In dieser Zeit, so verdeutlicht der Film, hatte die (bundes)deutsche Ordnungsmacht, vor allem in der „Frontstadt“ Berlin, noch einen paramilitärischen Charakter – der besonders deutlich wurde bei jener populären, alljährlich im Olympiastadion stattfindenden „Großen Polizeischau“, die noch stark an einen Nazi-Aufmarsch erinnerte.

Obwohl die Studenten seinerzeit verschrien waren, sympathisierte Textor als junger Staatsbeamter mit den Studenten und deren Anliegen. Umso interessanter erscheint daher sein emotionaler Konflikt, als er hautnah miterleben musste, dass die Studenten ihre Steinwürfe auf die Beamten mit der Begründung rechtfertigten, die dort eingesetzten Polizisten seien „eine Sache“ und keine Menschen. Obwohl der Film mit der historischen Notwendigkeit der studentischen Proteste durchaus sympathisiert, wirft er dank derartiger Zeugnisse auch einen aufschlussreichen Blick auf deren Schattenseiten.

Neben den oft zitierten Filmbildern mit den sogenannten „Jubelpersern“, die, unterstützt von berittener Polizei, plötzlich mit Latten auf die protestierenden Studenten einschlugen, zieht Simone Jung auch Originalaufnahmen des Dokumentarfilmers Thomas Giefer heran. Mit diesen wackeligen Handkamera-Bildern, auf denen zu sehen ist, wie Studenten und Polizisten chaotisch durcheinanderrennen, wird die traditionelle Ikonografie der Proteste teilweise aufgebrochen. Nicht minder aufschlussreich sind ebenfalls herangezogene Filmdokumente jener Rede vom 1. Juni 1967, dem Tag vor der Demonstration, in welcher der Exiliraner Bahman Nirumand die Studenten der Freien Universität Berlin über die Machenschaften des Schah-Regimes in Kenntnis setzte. Das ist zwar alles bekannt und man kann es bequem auf Wikipedia nachlesen; wenn jedoch Friederike Hausmann dazu beiläufig erklärt, sie – und gewiss viele andere auch – hätten die Situation mit Bahman Nirumand als „Erweckungserlebnis“ empfunden, dann wird ungewollt deutlich, dass diese Veranstaltung über die Vermittlung von Information hinaus auch einen quasi-religiösen Charakter hatte.

Packend ist Simone Jungs vielstimmige Dokumentation immer dann, wenn die Autorin mit unerwarteten Seitenblicken die Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit der Studentenbewegung aufzeigt. Insgesamt entsteht ein zwiespältiger Eindruck. Informative Abschnitte wechseln mit Klang-Bild-Teppichen, in denen die politische Stimmung im Vorfeld der eskalierenden Studentenproteste mit infotainmentartigen Mitteln spürbar gemacht werden soll.

Der 55-minüige Film spannt einen vergleichsweise breiten Bogen. Vom spießigen Zeitgeist der Vor-68er-Epoche über den kriminalistischen Aspekt des Mordes an Benno Ohnesorg, das Schah-Regime, den Vietnamkrieg, die Radikalisierung der Linken bis hin zur Rolle der Springer-Presse wird eine Fülle von Themen angerissen, die aber mit unterschiedlichem Tiefgang abgehandelt werden. Etwas wirklich Neues erfährt man dabei nicht. Sehenswert ist der Film aber doch, weil er in seiner uneindeutigen Vielfalt zugleich die Heterogenität jener Bewegung verdeutlicht, deren Aktivitäten einen Epochenwechsel herbeiführten.

16.05.2017 – Manfreds Riepe

Print-Ausgabe 14/2017

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