Re:. Werktägliche Reportage-Reihe (Arte)

Außergewöhnliche Kraftanstrengung

Was wissen wir über die Militarisierung der polnischen Gesellschaft? Was über die Vergangenheitspolitik und die Aussöhnungsbemühungen auf der seit 33 Jahren geteilten Insel Zypern? In der täglichen Berichterstattung hierzulande, die fixiert ist auf wenige Länder, Kriege, Oberthemen und Personen, spielen europäische Themen dieser Art bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Nachhilfe diesbezüglich liefert seit dem 13. März der deutsch-französische Fernsehsender Arte. An jenem Tag startete das neue werktägliche Reportage-Format „Re:“, das „Europa begreiflicher machen“ will, und zwar „aus der Sicht von Menschen, deren Geschichten den komplizierten Kontinent in allen seinen Winkeln ausleuchten“. So hat es Wolfgang Bergmann formuliert, Arte-Koordinator des ZDF und Geschäftsführer von Arte Deutschland. Er hatte die Idee für die neue Reihe, die ausschließlich von Landesrundfunkanstalten der ARD und vom ZDF bestückt wird (vgl. auch MK 2-3/17).

Fünf halbstündige Reportagen pro Woche – was für eine außergewöhnliche Kraftanstrengung dieses Projekt bedeutet, lässt sich schon daran ermessen, dass Reportage-Formate in der Regel im wöchentlichen Turnus laufen. 160 Filme pro Jahr sind für „Re:“ eingeplant. In der ersten Woche steuerte das ZDF drei der fünf Filme bei (am Montag, Dienstag und Freitag). Das entspricht der geplanten Verteilung zwischen ARD und ZDF.

Der aktuellste Beitrag der ersten Sendewoche lief zum Start am 13. März: „Auch unsere Niederlande! Sylvana Simons und ihre neue Partei“, lautete der Titel. Der Film porträtierte die Politikerin Sylvana Simons, die zwei Tage später bei der niederländischen Parlamentswahl als Spitzenkandidatin der von ihr gegründeten Partei Artikel 1 antrat. Die Fernseh- und Radiomoderatorin mit surinamischen Wurzeln hat ihre Partei als Gegenbewegung zu Geert Wilders Rechtsaußen-Partei PVV formiert. 

Die Nahaufnahme von Simons, die Filmautorinnen Tita von Hardenberg und Claudia Bäckmann gelungen ist, war allein schon deshalb lobenswert, weil man in den Monaten vor der Wahl den Eindruck hatte gewinnen können, dass Geert Wilders der einzige niederländische Politiker ist, für den sich die deutschen Medien überhaupt interessieren. Der Film hatte allerdings die Anmutung einer Kultur- und Lifestyle-Reportage, was möglicherweise daran lag, dass Simons – die auch bereits in der niederländischen Version des BBC-Tanzshow-Formats „Strictly Come Dancing“ mitwirkte – eher die Aura einer Person des Unterhaltungsfernsehens hat. Insgesamt wirkte der Beitrag „Auch unsere Niederlande!“ für den Auftakt zu einer derart ambitionierten Reihe wie „Re:“ etwas zu leichtgewichtig.

Ganz anders die ebenfalls von Tita von Hardenbergs Firma Kobalt TV produzierte Reportage „Die Sonntagskrieger – Polens Zivilisten rüsten auf“, die tags darauf (am 14. März) zu sehen war. Autor Volker Heimann lieferte hier einen Einblick in eine Gruppierung polnischer Freizeitkrieger: Jedes zweite Wochenende proben unter anderem ein Arzt, ein Architekt, ein Anwalt und ein Müllmann in der freien Wildbahn den militärischen Ernstfall. Die Hobbysoldaten sind aber nur ein Symptom für Militarisierung der polnischen Gesellschaft. Die beginnt bereits in der Schule, etwa an einem Gymnasium in Lublin, wo 300 Schüler in zwölf „militärischen Klassen“ ausgebildet werden. Die Frage, ob die militärische Früherziehung sinnvoll sei, stelle in Polen niemand, konstatiert Heimann. Ob Freizeitsoldat oder Militärgymnasiast: Der überbordende Patriotismus, den die befragten Personen zum Ausdruck bringen, lässt einen leicht erschaudern. Der Autor stellt dann auch die Frage, ob es im Europa des Jahres 2017 überhaupt einen „gesunden Patriotismus“ geben könne.

Stilistisch vergleichbar mit dem Film aus Polen war die Reportage „Bulgaren gegen den Filz. Im korruptesten Land Europas“ (16. März). Zu den Protagonisten zählt in dem Beitrag ein Journalist, der als parteiloser Abgeordneter im Stadtparlament der Landeshauptstadt Sofia sitzt. Dessen Sitzungen überträgt er live bei Facebook. Das SWR-Team, das den Film gedreht hat, machte sich schon während der Recherchen bei einflussreichen Kreisen in Bulgarien unbeliebt; in einer Boulevardzeitung war von einem „verleumderischen deutschen TV-Team“ die Rede. Hintergrund: Die Journalisten aus Deutschland waren mit zwei bulgarischen Umweltaktivisten unterwegs, die den teilweise illegalen Bau von Skipisten in einem Nationalpark anprangern.

Ebenfalls vom SWR stammte der Film „Geteiltes Zypern – Graben für den Frieden“ (15. März). Im Mittelpunkt von Dirk Schraeders Reportage standen Archäologen, die für das „Komitee für die Vermissten“ tätig sind. Sie exhumieren Tote, die 1974 im Zuge von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der türkischen und der griechischen Volksgruppe irregulär beerdigt wurden. 2000 Menschen werden seitdem vermisst, fast 1200 von ihnen sind bis zum Ende des Films exhumiert worden. Die Tonalität von „Geteiltes Zypern“ erinnerte mal an Beiträge aus dem „Weltspiegel“ der ARD, mal an Land-und-Leute-Reportagen.

Wollte man den fünften Film der neuen Reihe – „Supermutter & Karrierefrau. Frankreichs Erfolgsmodell in der Krise“ (17. März) – auf ähnliche Weise einordnen, böte sich am ehesten die ZDF-Reihe „37°“ an. Das Thema von Antje Diller-Wolffs Reportage war ein, verglichen mit beispielsweise Deutschland, außergewöhnlicher Aspekt der französischen Familienpolitik. Frauen kehren im Nachbarland oft schon drei Monate nach der Geburt ihrer Kinder wieder als Vollzeitkraft in den Beruf zurück. In Frankreich gilt das Prinzip der frühen Fremdbetreuung; eine der Protagonistinnen des Films erzählte, dass bereits zweieinhalb Monate junge Babys zwischen 8.00 und 17.00 Uhr in der Krippe untergebracht werden.

Die vermeintlich moderne Familienpolitik in Frankreich, so Diller-Wolff, trage zu einer Überforderung der Mütter bei, die wiederum ihren Ausdruck finde in einem im Vergleich zu Deutschland hohen Konsum von Psychopharmaka und Schmerzmitteln. Die These, dass das, wie es im Untertitel der Reportage heißt, „Erfolgsmodell in der Krise“ sei, variierte die Autorin im Lauf der 30 Minuten dann doch ein bisschen zu oft. Spätestens als sie gegen Ende suggestiv fragte: „Sind die Franzosen wirklich weiter?“, ist man geneigt, trotzig eine Gegenposition dazu einzunehmen. Somit erwies sich „Supermutter & Karrierefrau“ als schwächster Film der „Re:“-Auftaktwoche – auch wegen manch abgedroschener Formulierungen. „Nichts bleibt dem Zufall überlassen“, lautete zum Beispiel der Kommentar zur Essenszubereitung einer Protagonistin.

Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Reihe „Re:“ formal-stilistisch entwickelt. Wird es weiterhin eine Mischung der filmischen Handschriften geben oder wird sich ein typischer „Re:“-Stil herauskristallisieren? Die Fragen stellen sich auch vor dem Hintergrund, dass ZDF-Chefredakteur Peter Frey in einem Interview mit der „taz“ (Ausgabe vom 14.3.17) eine „Re:“ betreffende Kooperation mit einer fürs ZDF-Hauptprogramm geplanten neuen Reihe angekündigt hat, die dem „Constructive Journalism“ verpflichtet sein soll. Pro Jahr, so Frey, wolle man „etwa 15 Filme so konzipieren, dass wir sie auf beiden Sendeplätzen laufen lassen können“.

21.03.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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