Twitter kann für Politiker ein gefährliches Medium sein

12.04.2013 •

12.04.2013 • Twitter ist für Politiker „ein potenziell gefährliches Medium“. Das stellt eine am 28. März veröffentlichte Studie des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) fest. Die Microblogging-Plattform mit Unternehmenssitz in San Francisco erscheine für viele Politiker auch in Deutschland attraktiv, „weil sie ohne große Zutrittsbarrieren schnelle Botschaften an alle versenden“ könnten, so IfM-Direktor Lutz Hachmeister in einer Pressemitteilung des Instituts anlässlich der Veröffentlichung der Studie „Twitterpolitik. Politische Inszenierungen in einem neuen Medium.“ Unbedachte Kurznachrichten könnten jedoch, so Hachmeister weiter, „weitreichende und anhaltende negative Wirkungen haben“. Häufig täusche die Twitterkommunikation auch „egalitäre Interaktivität“ vor, wo es letztlich „nur um die Bewahrung publizistischer und politischer Hierarchien“ gehe, etwa „im kumpelhaften Twitterumgangston bestimmter Journalisten mit Politikern der Piratenpartei“.

Im Auftrag des IfM (Berlin/Köln) haben die Münchner Soziologinnen Jasmin Siri und Katharina Seßler die Twitteraccounts von 13 deutschen Politikern und Twitteraktivisten untersucht. Analysiert wurde über einen Zeitraum von vier Wochen unter anderem die Twitternutzung von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), SPD-Chef Sigmar Gabriel und Regierungssprecher Steffen Seibert, von den Politikern Volker Beck (Grüne) und Christopher Lauer (Piratenpartei) und den Politikerinnen Dorothee Bär (CSU), Marina Weisband und Julia Schramm (beide Piratenpartei). Dabei identifizierten die Soziologinnen, wie das IfM weiter mitteilte, vier Haupttypen der politischen Twitterkommunikation: 1.) striktes politisches Rollenverhalten, 2.) Einblicke in politische Prozesse, 3.) sanfte Ausflüge in das Privatleben und 4.) eine Aufhebung der Grenzen zwischen Politikerrolle und privater Existenz.

Für den letzteren Twittermodus stehe etwa die ehemalige Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband, die „ebenso enthusiastisch wie konfus“ twittere (so Hachmeister im Vorwort zur Studie), „irgendwie von der Sehnsucht nach Veränderung bewegt, aber ohne einen Anflug von revolutionärem Elan“. Dagegen versende der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel, dessen Twitternutzung ebenfalls untersucht wurde, trockene Hinweise konform zu seiner Rolle als Berufspolitiker („Starte in zwei Stunden meine Delegationsreise in Hessens neue Partnerprovinz Bursa/Türkei“). SPD-Chef Sigmar Gabriel lasse hauptsächlich sein Mitarbeiterteam jeweils aktuelle Parteilosungen verbreiten, so die Studie. Volker Beck, Dorothee Bär und vor allem Peter Altmaier seien dagegen stärker an einer dialogischen Verständigung mit den Followern interessiert und gingen auch ironisch miteinander um. Aber anders als bei der Piratin Marina Weisband sei es „unvorstellbar, von Dorothee Bär zu lesen, wann ihr Mann sie mit Essen versorgt“.

Ein Multi-Medieneffekt

Für einen anderen Teil der Nutzer, so heißt es in der IfM-Studie weiter, sei Twitter „gewissermaßen ein autoerotisches Medium“, weil man es auch verwenden und sich dort darstellen könne, „ohne überhaupt in eine Interaktion einzusteigen“. Es sei nicht nötig, mit den Personen, die Mitteilungen bei Twitter einstellen, Kontakt aufzunehmen. Dies sei „ein erheblicher Unterschied zu Facebook und anderen Oberflächen“.

Erste Ergebnisse der Studie waren im Januar 2013 auf einer Veranstaltung im Berliner Projektzentrum der Mercator-Stiftung diskutiert worden, bei der Christopher Lauer seinen Ausstieg aus Twitter angekündigt hatte, weil das Medium für einen Politiker auf Dauer „zu ermüdend“ sei. Die beiden Autorinnen der IfM-Untersuchung, empfehlen Politikern, dass „sie Twitter nur nutzen sollten, wenn sie darauf Lust haben und sich auf die Eigenlogik des Mediums einlassen möchten“. Wenn „eine öffentliche Person Twitter zu nutzen beginnt, wird das mit hoher Aufmerksamkeit bedacht – nicht nur, wenn es sich um das Oberhaupt der katholischen Kirche handelt“, so Jasmin Siri und Katharina Seßler. Twitter habe zudem in einem Multi-Medieneffekt vor allem durch die Beachtung etablierter Medien Resonanz. Als Beispiel dafür nennt die Studie die „#Aufschrei“-Kampagne gegen Sexismus, die durch zahlreiche Presseberichte und Fernsehtalkshows verstärkt worden sei, „angekommen im publizistischen Establishment und dort implodiert – zur Enttäuschung der Twitteraktivistinnen“.

Bei der „Twitterpolitik“, so IfM-Direktor Hachmeister in der Mitteilung des Instituts, bleibe „nach dem kommunikativen Vollrausch häufig ein realpolitischer Kater zurück“. Immerhin wüssten spätestens nach der aufsehenerregenden „#Aufschrei“-Aktion jetzt auch ältere Publizisten und Politiker, dass „ein #Hashtag keine holländische Kifferzeremonie“ sei.

Jasmin Siri/Katharina Seßler: Twitterpolitik. Politische Inszenierungen in einem neuen Medium. Mit einem Vorwort von Lutz Hachmeister, herausgegeben vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, 70 Seiten, Berlin/Köln 2013

• Text aus Heft Nr. 15/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

12.04.2013 – FK