Medientage München 2017: Die Frage nach dem Vertrauen

27.10.2017 •

Bei den 31. Medientagen München (24. bis 26. Oktober) standen vier Themen immer wieder im Zentrum von Experten-Diskussionen und Vorträgen: das Vertrauen in die Medien, die Marktmacht von Google und Facebook, der Einfluss von Algorithmen auf Medieninhalte sowie das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Sendern. Nach Angaben der Veranstalter nahmen in diesem Jahr mehr als 7000 Messe- und Kongressbesucher an den Medientagen München teil.

Die stellvertretende bayerische Ministerpräsidentin Ilse Aigner (CSU) wies darauf hin, dass sich angesichts von Automatisierung und Digitalisierung in der Medienwelt die Frage nach dem Vertrauen mehr denn je stelle. „Bei dem rasanten technischen Fortschritt dürfen wir mit Sicherheit nicht unsere Qualitätsansprüche reduzieren“, sagte Aigner, die bayerische Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie ist. Benötigt würden Medien, so Aigner weiter, die das Wachstumspotenzial der Digitalisierung ausschöpften, die aber den Menschen dahinter nicht vergessen dürften und glaubwürdig bleiben müssten. Zum Qualitätsanspruch gehöre, dass sich journalistische Standards auch in den Kommunikationsräumen der sozialen Online-Netzwerke durchsetzen müssten. Wenn hingegen Social Bots Meinungen machen könnten, bedeute dies eine Gefahr für die Demokratie. Aigner bekannte, sie sei eine große Anhängerin der sozialen Online-Netzwerke, und sie fügte hinzu: „Aber der Austausch kann nicht die journalistische Arbeit ersetzen, die auf guter Recherche und klaren Standards beruht.“

Kernaufgaben der Medienhäuser

Als bayerische Medienministerin sprach sich Aigner für einen fairen Wettbewerb zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbietern aus. ARD, ZDF und das Deutschlandradio müssten zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet werden und sich auf die Mediengattungen Fernsehen und Hörfunk konzentrieren. Im Internet dürften öffentlich-rechtliche Angebote nicht den Printmedien „das Wasser abgraben“. Aktivitäten auf „allen erdenklichen Kanälen und Plattformen“ sollten dabei „vielleicht nicht mehr eingeschlossen“ werden. Aigner plädierte für eine weitere Begrenzung der Werbung bei ARD und ZDF, erteilte aber Vorschlägen, einen Teil der Erlöse aus den Rundfunkbeiträgen privaten Anbietern zu überlassen, eine Absage.

Eine Partizipation der Privatsender an den Rundfunkbeiträgen hatte am Tag vor dem Beginn des Münchner Medienkongresses Siegfried Schneider vorgeschlagen, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM): Ein Teil der jährlichen Erlöse aus den Rundfunkbeiträgen solle ausgeschrieben werden, zum Beispiel für die Produktion eines politischen Magazins. Darauf könnten sich dann private ebenso wie öffentlich-rechtliche Medien bewerben, erläuterte Schneider gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Am zweiten Kongresstag begründete der BLM-Präsident seinen Vorschlag mit folgendem Hinweis: „Wir unterstützen in Bayern auch Lokalfunk, der nur über den Werbemarkt nicht finanzierbar ist.“ Ihm gehe es vor allem darum zu prüfen, wie über das bestehende Rundfunksystem möglichst viele Bürger erreicht werden könnten und nicht an andere Gatekeeper wie Facebook, Google und Intermediäre verlorengehen würden.

Gefährdung des Werbegeschäfts

In seiner Begrüßungsansprache zum Auftakt der Medientage München 2017 hatte Schneider den Aspekt hervorgehoben, dass die Medien- und Kommunikationswelt immer mehr durch Technisierung bestimmt werde. In einer solchermaßen technisierten Gesellschaft müssten die Medien ihre Rolle erst wieder neu finden. Auch die Politik müsse die Rahmenbedingungen neu justieren. Mit Blick auf das englisch-deutschsprachige Kongressmotto „Media. Trust. Machines – Vertrauen in der neuen Mediengesellschaft“ formulierte Schneider: „Vertrauensbeziehungen aufzubauen wird zu den Kernaufgaben zukunftsorientierter Medienhäuser gehören.“

Am zweiten Kongresstag der Medientage schaltete sich auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) in die medienpolitische Debatte ein. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebote erreichten trotz ihres hohen Budgets die 14- bis 29-Jährigen nicht mehr in ausreichendem Maß, monierte Stoiber, der Beiratsvorsitzender der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe ist. Für die privaten Rundfunkanbieter müssten von der Politik Anreize geschaffen werden, mehr Informationsinhalte zu senden, die einen „Public Value“ böten, meinte Stoiber. Wie die Grundversorgung künftig finanziert werde, sei Sache der Politik, sagte er weiter, ihm gehe es nicht darum, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Gebühreneinnahmen streitig zu machen, betonte Stoiber.

Die Keynote beim sogenannten Medientage-Gipfel, der in München erstmals nicht am Morgen, sondern erst am Nachmittag des ersten Kongresstages stattfand, hielt Anke Schäferkordt. Die Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL Deutschland deutete die Folgen der digitalen Transformation als „Segen und Fluch“. Sie kritisierte vor allem die aus Netzwerkeffekten und ungleichen regulatorischen Bedingungen resultierende Marktmacht der US-Konzerne Facebook und Alphabet (Google, YouTube), auf die weltweit inzwischen etwa 70 Prozent des digitalen Marktes und etwa 90 Prozent des Wachstums entfallen würden.

Enttäuschte RTL-Chefin

Schäferkordt, die auch Mitglied im Vorstand der RTL-Muttergesellschaft Bertelsmann ist, sprach in ihrer Münchner Rede von einer „Dominanz der Plattform-Ökonomie“ und warnte vor deren geschlossenen Ökosystemen. Wenn deutsche Unternehmen in diesem Wettbewerb mithalten sollten, sei eine schnelle Entscheidung in puncto Plattformregulierung erforderlich. Außerdem müssten mehr Allianzen und Kooperationsmöglichkeiten erlaubt sein und Datenschutz und Werberegulierung liberalisiert werden. Insbesondere übte die Geschäftsführerin der RTL-Gruppe Kritik an der geplanten E-Privacy-Verordnung der Europäischen Union. Wenn europäische Medienunternehmen nicht einmal Nutzerdaten ohne Personenbezug verwenden dürften, gefährde dies das Werbegeschäft. Dann blieben als Alternative nur noch Pay-Modelle.

„Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Politik vor Augen führt, welche Wirtschaftskraft hinter dieser Branche steckt“, sagte Schäferkordt im Gespräch mit Fernsehmoderator Klaas Heufer-Umlauf (Pro Sieben), der den Gipfel moderierte, und sie brachte damit ihre Enttäuschung über die Medienpolitik zum Ausdruck. Schäferkordt beurteilte es als Fehler, dass die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf ihrer Jahreskonferenz in Saarbrücken (18. bis 20. Oktober) vereinbart hatten, ARD, ZDF und dem Deutschlandradio mehr Freiheit bei deren redaktionellen Telemedienangeboten im Internet einzuräumen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk könne dadurch mit Beitragsgeldern amerikanische Plattformen wie Google und Facebook durch kostenlos zur Verfügung gestellte Inhalte stärken, während die privatwirtschaftlichen Medienunternehmen mit diesen Plattformen über tragfähige Geschäftsmodelle verhandelten, meinte Schäferkordt. „Hut ab vor dieser Spitze der Wettbewerbsverzerrung!“, lautete ihr Kommentar dazu.

Beim „Executive-Summit“ des Medientage-Gipfels rechnete Philipp Welte vor, dass Facebook mit einem Nettoumsatz von geschätzt einer Milliarde Euro in Deutschland etwa so viel Geld mit Werbung verdiene wie alle Publikumszeitschriften zusammen. Welte, für die nationalen Medienmarken zuständiges Vorstandsmitglied von Hubert Burda Media, taxierte den Nettoumsatz von Google in Deutschland auf etwa 4 Milliarden Euro. Das komme dem „größten Medienunternehmen in Deutschland nahe“. Wenn nun Amazon in New York 1500 Vermarkter einstelle, komme bald ein neuer großer Wettbewerber hinzu.

Google, Facebook, Frenemy

Welte betonte in München, dass Google und Facebook dank journalistischer Angebote, für die sie nichts bezahlen müssten, Geld verdienten. Während die beiden US-Konzernriesen somit kontinuierlich wachsen könnten, würden die Erlöse aller anderen Marktteilnehmer schrumpfen. Christof Wahl, Digitalvorstand und Chief Operating Officer (COO) der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, bezeichnete die Rolle von Google und Facebook als „Frenemy“, also als Mischung aus Freund (Friend) und Feind (Enemy): Einerseits könnten sie für Medienunternehmen Reichweite generieren, andererseits würden sie den Werbemarkt dominieren.

Den Abschluss der Medientage München bildete am 26. Oktober der „Journalism Summit“. Bei dieser Veranstaltung standen erneut die Themen Fake News und Vertrauensverlust der Medien auf der Agenda. Der US-amerikanische Professor William H. Dutton präsentierte in München Ergebnisse einer Studie, die er im Auftrag von Google erstellt hatte. Untersucht wurde die Online-Nutzung von 14.000 Menschen in sieben Staaten. „Das Problem ist nicht so groß, wie es Politiker und Journalisten darstellen“, sagte Dutton. Demnach liegt der Anteil derer, die anfällig für Falschnachrichten seien, je nach Land nur bei ein bis vier Prozent der Bevölkerung. In Deutschland seien zwei Prozent der Menschen in Gefahr, auf Fake News hereinzufallen.

Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, argumentierte, US-Präsident Donald Trump habe die klassischen Medien in den USA aufgeweckt. Was die „New York Times“ und die „Washington Post“ gerade an kritischem Journalismus lieferten, sei großartig und „für die Ewigkeit“. Und die Journalistin und Beraterin Juliane Leopold resümierte: „Ich bin auch ganz dankbar für Fake News, weil sie uns zu Veränderungen zwingen, die überfällig sind.“

27.10.2017 – mak/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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