Bank ermöglicht Livestream von der Handball‑WM 2017

28.01.2017 •

28.01.2017 • Rund 13 Millionen Zuschauer aus Deutschland verfolgten am 31. Januar 2016 im Ersten Programm der ARD den furiosen Endspielsieg der deutschen Handballer gegen Spanien (24:17) bei der Europameisterschaft in Polen. Doch trotz der beeindruckenden Quote (Marktanteil: 41,9 Prozent) und aller Euphorie nach diesem EM-Sieg sah es lange Zeit so aus, als sollten die deutschen Handballfans bei der diesjährigen WM in Frankreich (11. bis 29. Januar) komplett auf Live-Bilder verzichten müssen. ARD und ZDF hatten kurz vor Beginn das Scheitern der Verhandlungen mit dem Rechteinhaber beIN Sports, einer Tochterfirma des arabischen Senders Al-Dschasira, bekannt gegeben. In Deutschland gab es dann doch noch Live-Übertragungen – im Internet statt im klassischen Fernsehen, und dafür sorgte eine Bank als Rechteinhaberin.

Im Jahr 2014 hatte sich der in Katar ansässige Sender Al-Dschasira für die Rekordsumme von über 80 Mio Euro die Rechte an jeweils zwei Handball-WM-Turnieren der Männer und der Frauen gesichert. Für die Übertragungsrechte im frei empfangbaren deutschen Fernsehen verlangte beIN Sports nun, dass der Empfang via Satellit auf Deutschland begrenzt bleiben und die Ausstrahlung damit verschlüsselt werden müsse, um die Deals mit anderen Ländern nicht zu unterlaufen. Was technisch nur machbar gewesen wäre, wenn sich die betroffenen Haushalte in Deutschland schnell noch eigens für die Handball-WM einen entsprechenden Dekoder angeschafft hätten, der die Entschlüsselung der Signale ermöglicht.

Probleme durch beIN Sports

Dieses Dekoder-Dilemma hätte hierzulande, da man auch die Haushalte hinzunehmen muss, deren Programme über Kabel ebenfalls per Satellit eingespeist werden, rund 80 Prozent der Endverbraucher betroffen. Unter diesen mehr als problematischen Voraussetzungen hatten ARD, ZDF und andere Free-TV-Interessenten dankend auf die Live-Rechte an der Handball-WM verzichtet. Auch mit dem Pay-TV-Sender Sky, der vor zwei Jahren noch die WM aus Katar übertragen hatte, konnte sich der Rechteinhaber diesmal nicht einigen.

Und so sah es für das deutsche Fernsehpublikum lange nach einem totalen Blackout bei dieser Handball-WM aus, bis kurz vor dem Start des Turniers die Deutsche Kreditbank (DKB), seit der Saison 2012/13 Hauptsponsor der Handball-Bundesliga und außerdem Kooperationspartnerin des Deutschen Handball-Bundes (DHB), einen überraschenden Deal mit beIN Sports vermeldete. Demnach hatte die DKB das Recht erworben, sämtliche Spiele der WM via Livestream mit Hilfe von YouTube im Internet zu übertragen. Die Spiele würden auf der Videoplattform, so hieß es, ausschließlich von Deutschland aus abrufbar sein. Wobei die Begegnungen mit deutscher Beteiligung exklusiv in deutscher Sprache kommentiert werden sollten, während die restlichen mit dem internationalen, englischen Kommentar zu sehen sein würden. So würde die Handball-WM in Frankreich, wenn schon nicht im Free-TV, hierzulande doch immerhin per Internet auf den unterschiedlichen Empfangsgeräten live zu verfolgen sein.

Das dürfte eine für viele Fans – so sie nicht gerade in Landstrichen ohne Breitbandkabel daheim sind – durchaus akzeptable Lösung gewesen sein. Schließlich ist es heutzutage kein Problem mehr, Streamings aus dem Netz auch auf dem heimischen Großbildfernseher abzuspielen. Und sieht man einmal von der Übertragungsunterbrechung während des Auftaktspiels der deutschen Mannschaft ab, als es kurz nach Beginn der Partie rund 15 Minuten lang nur ein Schwarzbild zu sehen gab, funktionierte der Livestream in den folgenden Tagen tadellos. Zumal sich die DKB, deren Logo kontinuierlich im oberen rechten Bildbereich zu sehen war, der Dienste von Markus Götz und Uwe Semrau versichert hatte, die seit Jahren für den Spartensender Sport 1 in Sachen Handball im Einsatz sind und die Spiele souverän und kompetent kommentierten. Und WM-Partien ohne Werbeblöcke, Sponsoren-Clips oder Gewinnspiele in der Halbzeitpause hatte der Handballfan ohne auch lange nicht mehr gesehen.

Ein historischer Fall

So konnte sich bei alldem die Resonanz durchaus sehen lassen. Das Achtelfinale Deutschland gegen Katar am 22. Januar verfolgten über 800.000 Zuschauer per Livestream – der einzige Schönheitsfehler war dabei, dass die deutsche Mannschaft gegen Katar durch eine 20:21-Niederlage überraschend ausschied. Damit dürfte die Handball-Weltmeisterschaft 2017 für die meisten Fans und Zuschauer hierzulande abgehakt sein. (ARD und ZDF hatten für die WM in letzter Minute noch Kurzberichterstattungsrechte für ihre Nachrichten- und Sportsendungen erworben; solche Rechte hatte auch die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe für diverse Verbreitungskanäle.)

Letztlich konnte man den Umstand, dass es zu den Live-Übertragungen durch die DKB kam, noch als akzeptable Notlösung bezeichnen. Die Funktionäre des Deutschen Handball-Bundes, die zuvor noch ein Versagen von ARD und ZDF angeprangert hatten, zeigten sich inzwischen angesichts der derzeitigen TV-Rechte-Situation dennoch reumütig und räumten eigenes Fehlverhalten ein. Oder zumindest eines der Internationalen Handball-Föderation (IWF). So mahnte DHB-Präsident Andreas Michelmann an, bei künftigen Rechtevergaben nicht nur auf finanzielle Aspekte, sondern auch auf eine größtmögliche Verbreitung der Turniere im Free-TV zu achten.

Problematisch stellt sich allerdings die rechtliche Seite der derzeitigen Übertragungen im Internet dar. Denn eigentlich hätte die DKB nach rundfunkrechtlichen Gesichtspunkten dafür eine in Deutschland geltende Sendelizenz beantragen müssen, was sie allerdings nicht tat. Die Geschäftsstelle der Landesmedienanstalten in Berlin zeigte sich diesbezüglich jedoch wegen der „besonderen und außergewöhnlichen Einzelfallsituation“ nachsichtig und ließ der Sache ihren Lauf; die zuständige Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) behielt sich jedoch eine eingehendere Beschäftigung mit dem Fall nach Ende des WM-Turniers vor. Das scheint vor allem in Hinblick auf künftige Großveranstaltungen geboten. Denn der für Deutschland historische Fall einer solchen Internet-Live-Übertragung eines großen Sportturniers durch ein Nichtmedienunternehmen könnte Schule machen. Zumindest belassen es die großen Internet-Plattformen auf der Suche nach Content inzwischen nicht mehr nur bei selbstproduzierten, fiktionalen Serien, sondern zeigen auch zunehmend Interesse an attraktiven Sportveranstaltungen.

28.01.2017 – lü/MK