Sammeln, sortieren, vereinzelt Tränen

Aus der Arbeit der Grimme-Jury „Unterhaltung“

Von Senta Krasser
04.04.2015 •

Am 27. März (Freitag) wurden im Stadttheater von Marl die Grimme-Preise 2015 vergeben. Es war das 51. Mal, dass der renommierte Fernsehwettbewerb stattfand. Gleichsam genuiner Bestandteil des Grimme-Preises sind Unabhängigkeit, Transparenz und öffentliche Diskussion über ihn. Dazu gehören seit jeher die Berichte aus den Jurys über deren Arbeit, traditionell auch in dieser Zeitschrift. Anlässlich der Preisverleihung 2015 berichten in der vorliegenden Ausgabe die Jury-Mitglieder und freien Journalisten Torsten Körner, Senta Krasser und Fritz Wolf über die Preisfindungsprozesse dieses Jahres. Die Jurys in den drei Wettbewerbskategorien „Fiktion“, „Information/Kultur“ und „Unterhaltung“ tagten in der ersten Februar-Woche im Grimme-Institut in Marl. Hier der Bericht von Senta Krasser. -MK-

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Und auf einmal verstummte Grimmes sonst so gesprächige Unterhaltungsjury. Es war der Moment, als das Lied „Janna-Janna“ des syrischen Flüchtlingschors „Zuflucht“ in der ZDF-Kabarettsendung „Die Anstalt“ verklungen war. Der Appell der Anstaltsleiter Claus von Wagner und Max Uthoff an unsere Hilfsbereitschaft in Deutschland hallte noch nach. Und niemand mochte, niemand konnte nahtlos zur Diskussion übergehen und die ersten Worte finden für dieses Stück Fernsehen, das mit seinem Pathos so sehr provozierte und zugleich den letzten Zyniker von der Ernsthaftigkeit überzeugte: Hey, da geht’s um was!

Sammeln. Sortieren. Vereinzelt Tränen tupfen. Dass diese „Anstalt“-Ausgabe vom 18. November 2014 denkwürdig und wichtig ist, dass sie nicht nur fernsehhistorisch, sondern vor allem auch gesellschaftspolitisch relevant ist und deshalb der Zweck das Mittel Sentiment heiligt und dass das Redaktionsteam im damaligen 25-Jahre-Mauerfall-Jubiläumstrubel einen fantastischen Job gemacht hatte, um die erlahmte Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen so richtig wachzurütteln – das war dann mehr als nur ein Gefühl in der Runde. Es wurde Gewissheit. „Mein Fernsehmoment des Jahres“, kam es aus der einen und der anderen Ecke.

Immer wieder die Frage: Was ist gute Unterhaltung

Und das in einem Fernsehjahr, das mit einmaligen Momenten, von so unterschiedlicher Programmfarbe sie auch waren, nun wirklich alles andere als geizte. Ob es Hugo Egon Balder war, der im Eingangssketch zur Comedyshow „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Hugo Egon Balder“ (WDR Fernsehen) als vermeintlich letzter Überlebender in seinem persönlichen „Armageddon“ auf Hella „Tschacka tschacka“ von Sinnen trifft und sie ohne Zucken abknallt. Ob es das Team der „Sendung mit der Maus“ (ARD/WDR) war, das mit seinem genialen Clip zur Fußball-WM den Jury-Mitstreiter nebenan vor Lachen vom Stuhl kringelte. Oder ob es Xavier Naidoo war, der im Tauschkonzert „Sing meinen Song“ (Vox) mit seiner Interpretation des Andreas-Gabalier-Songs „Amoi seg ma uns wieder“ den Kloß im Hals anschwellen ließ – die Jury der Kategorie „Unterhaltung“ erkannte immer wieder ganz spezielle Fernsehmomente des Jahres 2014.

Ja, was haben wir in Marl nicht geheult vor Lachen und geweint vor Rührung. Von Emotionen wurden wir erfasst und gleich danach haben wir doch wieder ratlos den Kopf geschüttelt. Was sollen wir bloß von diesem Reporter halten, der für seine Sendereihe bei Eins Plus (SWR) mit Wackelkamera „Auf 3 Sofas durch…“ urbane Szeneviertel tigert? Was schöpft er mehr als die Erkenntnis: Junge Menschen, egal ob in Warschau oder Glasgow, trinken gerne, wenn die Sonne untergeht? Warum sieht der Koch-Talk „Soul Kitchen – Die Geschichte eines Abends“ (NDR Fernsehen) aus wie David Lynch, der für einen Kurzfilm übt? Wieso überzieht ZDFneo seine verblüffende Interview-Reihe „Kessler ist…“, in der Prominente wie Heino quasi ihr eigenes Selbstbild befragen, mit Musiksauce, statt inhaltlich mehr in die Tiefe zu gehen? Ist „Der Meisterfälscher“, eine Koproduktion des Schweizer Fernsehens SRF mit dem Kultursender 3sat, wirklich automatisch ein Unterhaltungsformat, nur weil Wolfgang Beltracchi den Entertainer Harald Schmidt malt?

Überhaupt, was zeichnet ein Unterhaltungsformat eigentlich aus? Was ist gute Unterhaltung? So einfach die Frage, so schwer, eine eindeutige Antwort zu finden. Seit das Marler Grimme-Institut Unterhaltungsformate mit einer eigenen Kategorie adelte, seit 2007 also, wird sie jedes Jahr aufs Neue verhandelt.

Gerlach und Grimberg

Ist Unterhaltung nur, wenn gelacht wird? Oder darf und soll Unterhaltung berühren, sogar rühren, indem sie Haltung zeigt wie die Kabarettisten aus der „Anstalt“? Ist Unterhaltung per se non-fiktional oder kann auch ein Film, eine Serie wie „Der Tatortreiniger“ (NDR Fernsehen) in dieser Sparte absolut richtig sein? Wenn ja, hört Unterhaltungsrelevanz nach 45 Sendeminuten auf oder genügt auch ein Neunzigminüter wie der in diesem Jahr nominierte Film „Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ (Arte/NDR) den Unterhaltungsmaßstäben? Und welche Rolle sollen künftig bei Grimme all diese brillanten Unterhaltungsschnipsel spielen, die zuerst Hits im Internet sind, bevor sie auch das Fernsehen zeigt?

Auch die Leitung des Grimme-Instituts treiben diese Fragen um. Die neue Direktorin Frauke Gerlach sammelte in der Sitzungswoche Anfang Februar mit ihrem Grimme-Preis-Referenten Steffen Grimberg in allen drei Jurys Argumente und Anregungen für eine Preisreform. Bis zum Herbst dieses Jahres wollen Gerlach und Grimberg die Leitplanken des Grimme-Preises neu justieren. Insbesondere solle das ‘Sorgenkind’ Unterhaltung „gestärkt werden“, wie Gerlach sagt. Was damit gemeint sein könnte? Die Anzahl der Unterhaltungspreise zu erhöhen, halten manche jedenfalls für eine gar nicht so schlechte Idee.

Was uns betrifft, die diesjährige Jury dieser Kategorie: Wir hätten uns nicht winden müssen, ein, zwei Grimme-Preise mehr zu vergeben als die bisher verfügbaren zwei. So nah beieinander lagen in der finalen Abstimmung die beiden Gewinner – die ZDF-„Anstalt“ und „Mr. Dicks – Das erste wirklich subjektive Gesellschaftsmagazin“ (Eins Festival/WDR) – und die darunter Platzierten, womit gemeint sind: die überraschende Ensemble-Comedy „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von…“, das grandios witzige Fußball-Spezial der „Sendung mit der Maus“, die lehrreiche Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“ (Vox), das „Talk-Gespräch“(ARD/WDR) mit Persiflage-Meister Olli Dittrich und der zum wiederholten Mal nominierte, erneut unheimlich virtuose „Tatortreiniger“, der bereits zwei Grimme-Preise erhalten hat (2013 und 2014). Favoriten, die sich klar absetzten? Fanden wir bis auf „Mr. Dicks“ unter den Sendungen, die am Ende die Top Sieben bildeten, nicht. Die Jury hat’s halt vor lauter tollen Optionen zerrissen. Ein Mitglied seufzte: „Egal, was in der Abstimmung rauskommt – ich bin mit allem zufrieden.“

Nur ganz knapp an dritter Stelle der Schlussabstimmung verpasste „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Hugo Egon Balder“ einen Grimme-Preis. Dass dieses Prestigeprojekt des Dritten Programms WDR Fernsehen überhaupt zu den glorreichen Grimme-Sieben vorrücken würde, war von der Nominierungskommission so nicht vorgesehen. Sie hatte das Format schlicht nicht nominiert. Die Nachnominierung durch die Jury selbst wurde nach lebhafter Diskussion akzeptiert. Mehrheitlich anerkannt wurde hier die frische Formatidee, die dort anknüpft, wo einst das Ensemble von „RTL Samstag Nacht“ aufhörte.

In „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von...“ nehmen neun junge Talente die Zuschauer mit in die imaginäre Welt eines prominenten Gastgebers, der sich in Sketchen – ob live vor Studiopublikum oder in aufwendigen kleinen Film (Balders „Armageddon“!) – von seiner selbstironischen Seite präsentiert. Die Produzenten Jan Böhmermann und die Kölner Bildundtonfabrik, beide schon mit Grimme-Preisen dekoriert, haben mit dieser Show einen außergewöhnlichen Möglichkeitsraum geschaffen, den die Protagonisten zwar nicht immer mit perfektem Timing bespielen, dafür kreativ und mit großer Spiellaune.

Deutsche und britische Löwen

Dicht auf und doch nur auf dem vierten, ebenfalls nicht preisrelevanten Rang: „Die Höhle der Löwen“, eine der wenigen Produktionen des Privatfernsehens, die Chancen auf eine höhere Platzierung gehabt hätte – wenn die Jury nicht uneins gewesen wäre, wie hoch die Leistung der deutschen Produktionsseite einzuschätzen ist. Denn die Idee zu dem Format stammt nicht aus Deutschland, sondern von der amerikanischen Fernsehfirma Sony Pictures. Sie testete es zunächst in Japan (als „Tigers of Money“), in Großbritannien („Dragons’ Den“) und in den USA („Shark Tank“), bevor sie es hierzulande für Vox adaptierte. Die Jury war sogleich alarmiert. Adaptionen eines ausländischen Formats, das hat die bisherige Grimme-Praxis gezeigt, sind bei der Preisfindung immer und ein grundsätzlich noch zu lösendes Problem. Was also tun?

Die Jury bat um zusätzliche Sichtung einer Folge der britischen „Löwen“-Variante, „Dragons’ Den“, um zu vergleichen. Die Erkenntnis: Das Grundkonzept – fünf Unternehmer bewerten junge Start-up-Firmen, in die sie bei Wohlgefallen investieren – ist identisch, nur setzen es die Briten enger, härter, direkter um. Der Vergleich bestätigte sowohl das eine Lager („sehr ähnlich“) als auch das andere („weniger ähnlich“). Einigung irgendwie unmöglich. Es bleibt: dennoch viel Lob für die deutschen Löwen, für den positiven pädagogischen Ansatz und das gelungene Casting. Insbesondere die als Shopping-Queen bekannte Unternehmerin Judith Kaufmann gefiel in der Löwin-Rolle als unglaublich patentes und unterhaltsames Wesen.

Beim ähnlich gelagerten ‘Adaptionsfall’ „Sing meinen Song“ (Produktion: Schwartzkopff TV mit Naidoo Records) kam es übrigens gar nicht erst dazu, vergleichen zu wollen. Die Fans des niederländischstämmigen Formats, das die Musik feiert, weil Profis ganz ohne Castingstress Musik machen und über Musik reden, waren in der Unterzahl. Doch die südafrikanische Villen-Szenerie, die ewigen, privatfernsehtypischen Aufsager vor und nach der Performance und dazu das Emo-Maschinen-Gedöns empfand bei der Vox-Variante die Mehrheit als „over the top“. Oder wie es ein Mitglied formulierte: „Da war mir dann doch zu wenig Musik drin.“

Angewandte Fernsehkritik vom Feinsten

Wie viel klarer dagegen die Ausgangslage bei den Sendungen, die bei der Endabstimmung auf den Plätzen Nr. 5, 6 und 7 landeten: allesamt Originalformate, dazu originell gelöst. Auf die Idee zum Beispiel, Fußballfloskeln einmal wörtlich zu nehmen, kamen die Autoren einer „Sendung mit der Maus“. Im Fünf-Minuten-Spezial zur WM in Brasilien lassen sie Fußball spielen, wie Kommentatoren sprechen: Da hat der Schiri plötzlich echte Tomaten auf den Augen und die Abwehr dirigiert eine Mauer aus Stein. Was für eine simple Idee! Doch so perfekt und dicht umgesetzt! Einfach zum Brüllen komisch.

Komisch auch, wie Olli Dittrich umsetzt, was so in den abendlichen Plauderrunden gesprochen wird. „Das Talk-Gespräch“ (Produktion: Beckground TV) ist – wie schon sein Persiflage-Vorgänger „Frühstücksfernsehen“ (ARD/WDR) – angewandte Fernsehkritik vom Feinsten und dank höherem Budget handwerklich einwandfrei ausgeführte medienjournalistische Selbstreflexion. Doch die entscheidende Frage war für die Jury: Kopiert hier Olli Dittrich noch vor lauter technischer Verliebtheit oder parodiert er schon?

Eine andere Frage, die die Jury beschäftigte: Wie kriegen die vom „Tatortreiniger“ bloß wieder all diese Juwelen hin? Heiko „Schotty“ Schotte (Bjarne Mädel), dieser treudoofe Typ, übersichtlich im Kopf, aber mit klarer Haltung, reimt sich in der Episode „Der Fluch“ um Kopf und Kragen – wieder mal herausragende Kunst, die sich dem Wahnsinn öffnet. Die sich weiterentwickelt und überrascht, nie offensichtlich wird. Aber, wäre es nicht auch Wahnsinn, dem „Tatortreiniger“ den dritten Grimme-Preis in Folge zu geben? Gibt es denn nichts preisverdächtiges Neues? Etwas, das es so im deutschen Fernsehen noch nicht oder schon lange nicht gab? Eine echte Innovation? Es gibt: „Mr. Dicks.“

Der erste Grimme-Preis für einen Radiomann

And who the fuck is Mr. Dicks? Nun ja, ein grünes titelgebendes Pausenmännchen in einem TV-Magazin, das im vom WDR verantworteten Spartensender Eins Festival zu später Stunde so ziemlich unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit tobte – aber die Grimme-Jury gesammelt in den Bann zog. Jede der drei bisher gesendeten Folgen dieses „ersten wirklich subjektiven Gesellschaftsmagazins“ widmet sich jeweils einem einzigen Thema – dem Rausch, der Lust, dem Ego – und lässt dabei ihren Urhebern die größtmögliche Freiheit der Interpretation. Klassische Reportagen und visuelle Experimente wechseln rasch mit Geräuschen, Collagen, Improvisationen. Einen Kommentar gibt es nicht, Erklärungen braucht es auch nicht, denn es geht um Eindrücke und Erkenntnisse, nicht um das Erzählen von Geschichten. Anstrengend, aber auch berauschend ist das, wie die Downhill-Fahrt auf einem Mountainbike in einem der „Rausch“-Beiträge. Der Zuschauer stürzt sich dank Kopfkamera mit dem Fahrer den Berg hinunter, spürt den Kick, als säße er selbst im Sattel, und begreift, was Rausch alles sein kann.

„Mr. Dicks“, eine gemeinsame Entwicklung der jungen WDR-Radiowelle 1Live, des Fernsehprogramms Eins Festival und der Produktionsfirma Bildundtonfabrik (Köln), begegnet einem nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Radio und online. Er ist deshalb, wie die Jury fand, ein gutes Beispiel dafür, welche Kreativität die öffentlich-rechtlichen Sender crossmedial freisetzen können, wenn sie es zulassen und fördern. Und weil Grimme-Jurys Liebling in der „Innovationsredaktion Junges Fernsehen“ entstanden ist unter Leitung von 1Live-Chef Jochen Rausch, ist es in Marl nun zu einer echten Premiere gekommen: Mit Jochen Rausch erhält erstmals ein Radiomann den Grimme-Preis. Und das ist gut so.

04.04.2015/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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