Bestia incognita

Aus der Arbeit der Grimme-Jury „Fiktion“

Von Torsten Körner
04.04.2015 •

Am 27. März (Freitag) wurden im Stadttheater von Marl die Grimme-Preise 2015 vergeben. Es war das 51. Mal, dass der renommierte Fernsehwettbewerb stattfand. Gleichsam genuiner Bestandteil des Grimme-Preises sind Unabhängigkeit, Transparenz und öffentliche Diskussion über ihn. Dazu gehören seit jeher die Berichte aus den Jurys über deren Arbeit, traditionell auch in dieser Zeitschrift. Anlässlich der Preisverleihung 2015 berichten in der vorliegenden Ausgabe die Jury-Mitglieder und freien Journalisten Torsten Körner, Fritz Wolf und Senta Krasser über die Preisfindungsprozesse dieses Jahres. Die Jurys in den drei Wettbewerbskategorien „Fiktion“, „Information/Kultur“ und „Unterhaltung“ tagten in der ersten Februar-Woche im Grimme-Institut in Marl. Hier der Bericht von Torsten Körner. -MK-

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Der Juror ist ein Nomade und lebt meistens allein. In Steppen oder Städten. Die Jurte ist ihm wohl vertraut. Der Juror bleibt nie dort, wo er an- und zu sich selbst kommt, und nur wenn er wieder wegfährt, erfüllt er seine Mission. Die Aggregation mehrerer Juroren und Jurorinnen nennt man Jury. Da sich Anthropologen, Zoologen, Dingforscher, Archäologen und diverse andere Wissenschaften bislang nicht einigen konnten, wer für den Juror zuständig ist, gilt der Juror als Bestia incognita. Auf Fotos ist er kaum zu erkennen. Blass, diffus, übernächtigt, gollumnesk.

Grundsätzlich ist der Juror zur Verschwiegenheit verpflichtet, weshalb die äußerst raren Selbstauskünfte dieser Spezies – Jury-Berichte werden ausschließlich an entlegenen und schwer zugänglichen Orten veröffentlicht – mit Vorsicht zu genießen sind. Wo die Jury beginnt und ein Juror aufhört, wo sich das kollektive und das individuelle Urteil reiben, wo das Sitzfleisch spricht, eine Ideologie, das Geschlecht oder die schießwütige Idiosynkrasie lässt sich nur schwer unterscheiden. Immerhin – das scheint durch die Untersuchungen des holländischen Kryptologen Willem Frederik Hermans nahezu zweifelsfrei festzustehen – sind diese Berichte nicht als Romane einzustufen. Pure Erfindungen sind sie nicht, auch wenn es hier und an dieser Stelle nun um die Jury „Fiktion“ 2015 geht.

Das Ende der Geduld

Am letzten Abend der Sitzungswoche im Marler Grimme-Institut spitzte sich die Diskussion folgendermaßen zu: Eine Minderheit meinte, der Fernsehfilm-Jahrgang 2014 sei schwach. Das müsse durch das Votum der Jury deutlich werden. Diese Minderheit schlug deshalb vor, von fünf möglichen nur drei Preise zu verleihen, da allenfalls drei Produktionen eine Grimme-Auszeichnung verdient hätten. Die Mehrheit sprach sich gegen diese pädagogisierende Zuspitzung aus: Das Niveau dieses Jahrgangs sei nicht dramatisch besser oder schlechter als das anderer Jahre. Einzelne Juroren sprachen von einem überdurchschnittlichen Jahrgang, andere fanden das Niveau durchschnittlich; mehrheitlich wurde eingeschätzt, dass es durchaus sogar mehr als fünf preiswürdige Fernsehfilme bzw. Mehrteiler gebe, weshalb man das Kontingent auch ausschöpfen sollte.

Stärker als in anderen Jahren wurde immer wieder die amerikanische oder skandinavische Qualitätsserie als Vergleichsmaßstab herangezogen. Hier trafen in den Diskussionen auch verschiedene Beurteilungskulturen aufeinander. Welchen Grad der Komplexität kann sich ein in der Regel 90-minütiger Fernsehfilm leisten? Ein Mentalitätsgraben wurde deutlich: Auf der einen Seite zeichnet sich bei einigen deutlich „das Ende der Geduld“ ab, auf der anderen Seite wurde dafür plädiert, den deutschen Fernsehfilm zuerst unter dem Blickwinkel seiner eigenen Geschichte und hiesiger Gestaltungsräume wahrzunehmen. Beide Seiten wünschten indes dem deutschen Fernsehen mehr epischen Atem, mehr Mut zur Innovation, einen höheren Grad an narrativer Komplexität, eine Befreiung von mittelmäßigen Dramaturgien und Beschwichtigungsformeln, die immer wieder zur versöhnlichen, alles integrierenden Mitte streben.

Leichen pflastern der Jury Weg

Woher nur, so eine oft gewendete Frage, rührt unser übermäßiger Wunsch nach Krimis? Das deutsche Fernsehen leidet immer noch an einer Krimi-Hypertrophie und so pflasterten auch diesmal wieder Leichen den Weg der Grimme-Jury, obschon es Wettbewerbsjahre gegeben hat, die noch mehr Krimis bereithielten als das vergangene. Die Ausdifferenzierung des Genres geht weiter. Die vom Hessischen Rundfunk (HR) stammende „Tatort“-Folge „Im Schmerz geboren“ (Buch: Michael Proehl) ließ die Juroren zur Höchstform auflaufen. Hier sei eine „Postapotheose der Postmoderne“ zu bestaunen, eine „Ironisierung der Tragödie“, der ganze Film sei eine „Autoritätsmaschine“. Nicht alle waren von der Zitierwut und der Bildspielerei (Regie: Florian Schwarz) begeistert. Der Film sei eine „Pool-Party für große Jungs“, er rühre nicht, er behaupte Emotion, löse sie aber nicht ein, er sei kalt kalkuliert. Andererseits wurde diesem „Tatort“, der auch als „Meta-Krimi“ bezeichnet wurde, eine große „Zärtlichkeit“ nicht nur für die Filmgeschichte, sondern auch für die Toten des selbstentfesselten Blutdurstes zugestanden: Das Schlussbild – alle Toten auf einer Freitreppe – wurde als würdiges Memento mori und als gelungene Selbstreflexion verstanden.

Sehr viel weniger Zustimmung erfuhr der von Richard Huber inszenierte Jux-Krimi „Der irre Iwan“ (ARD/MDR/Degeto), die zweite „Tatort“-Folge mit dem Duo Nora Tschirner und Christian Ulmen. Die Exposition amüsierte, aber auf der Strecke rieb man sich an dem groben Humor, der weder die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellte noch schlau mit dem Genre spielte. Die Fallgeschichte (Drehbuch: Murmel Clausen, Andreas Pflüger) wurde als bemüht originell und die Kommissarsspielereien wurden als verspielte Unreife, als unreifes Verspieltsein wahrgenommen. Zeit, erwachsenen zu werden oder richtig zum Kind. Die flache Komödie schaffte beides nicht.

Der Melo-Krimi „Morgengrauen“ (ARD/BR, Buch und Regie: Alexander Adolph) aus Reihe „Polizeiruf 110“ wurde hingegen mit Lob bedacht. Hier sei das Privatleben des sonst so spröden Ermittlers Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) kunstvoll mit der Krimigeschichte verwoben; auch die spielerische Interaktion und die erspielte Intimität zwischen Sandra Hüller, die eine JVA-Leiterin spielt, und Matthias Brandt wurde hervorgehoben, allerdings fehlte einigen Juroren der „emotionale Nachklang“, auch sei der Kriminalfall eher schlicht und altbekannt. Dagegen wurde argumentiert, dass sich hier Polizeifilm, Gesellschaftsdiagnose und formales Experiment stimmig durchdringen, was auch durch eine virtuos gespielte und angelegte Nebenfigur wie die des Marcel Oberpriller (Andreas Lust) deutlich würde.

Noch mehr Zustimmung erfuhr der Regio-Krimi „Mörderische Hitze“ aus der ZDF-Fernsehfilmreihe „Spreewaldkrimi“ mit Christian Redl in der Rolle des Kommissars Thosten Krüger. Es ist eine Folge, die sich vom linearen Erzählen abwendet (Buch: Thomas Kirchner) und die Dramaturgie auf den Kopf stellt: Nicht der Mörder wird gesucht, sondern die Identität des Opfers. Die vielfach verschachtelte, exzellent gefilmte Geschichte (Kamera: Holly Fink) fing nicht nur den Spreewald als reizvollen Topos ein, sondern sie hatte auch einen historischen Atem, indem sie die Geschichte des Mörders als absteigende, deklassierende Erwerbsbiografie anlegte (Regie: Kai Wessel). Roeland Wiesnekkers ebenso energetisches wie zartfühlendes Spiel bewegte hier ebenso wie die psychophysische Präsenz von Christian Redl, der es immer wieder schafft, mit wenigen Strichen Dringlichkeit und Intensität herzustellen. Die kritisch gestimmten Juroren warfen dem Krimi im letzten Drittel Redundanzen vor und fanden auch den Spreewald als Schauplatz erschöpft.

Deutlich weniger Zuspruch erfuhr dann der zweite Regionalkrimi des Wettbewerbs, die österreichische Produktion „Polt“ (ORF/Arte), die sich als Schule der Bedachtsamkeit versuchte – ein „Entschleunigungskrimi“, der von der Mehrzahl der Juroren aber als starke Geduldsprobe wahrgenommen wurde. Während die einen dafür plädierten, die Eigenzeit dieses Films wahrzunehmen, seine Stärken (großartige Schauspieler, stimmige Figurenidentitäten, skurrile Einsichten, Abkehr von Mainstream-Bildmotiven), fühlten sich die anderen abgehängt durch die rasende Langsamkeit, die extrovertierte Kargheit. Sie schalteten innerlich den Second Screen ein und bespielten sich selbst mit anderen Bildern. Ihr Urteil: eine aus der Zeit gefallenes Stück Fernsehen.

Eine eigene Zeit und einen eigenen Zuschnitt strebte das Drama „Zwei allein“ an, ein Film, der einerseits eine emotionale Studie anbietet – ein Mann erschießt seine geliebte Frau, um ihr einen qualvollen Krebstod zu ersparen –, der andererseits aber auch mehr als nur Krimi-Restbestände offeriert und daher punktuell als Hybridkrimi betrachtet wurde (Buch: Friedrich Ani): ein Krimi zwischen Mensch und Gott, denn zuletzt schießt der Protagonist in einen leeren Sommerhimmel und fordert eine Instanz heraus, die ihm ins Leben gepfuscht zu haben scheint. Bei „Zwei allein“ (ZDF/Arte) wurden das Spiel von Johanna Bittenbinder, Gundi Ellert und Elmar Wepper durchaus gelobt, allerdings wirkte viel an den Figuren zu statisch, zu enigmatisch, zu bedeutungsgewollt. Auch Musikeinsatz (Hooters, Johnny Cash) und Figurenidentität würden, so ein Urteil, nicht zusammenfinden, die bleischwere Spiritualität mancher Szene sei entwicklungshinderlich. Andererseits: Es ist in Film, der Ordnungen und Konventionen sprengen will, kein typisches Mainstream-Erzählen, kein Fühl-dich-gut-Filmchen, sondern ein ernsthaftes Versuchen, mit Krimi-Intarsien ein ganz anderes Bild zu bauen. Also ein außerordentlicher Film (Regie: Stephan Wagner) wider die üblichen Ordnungszumutungen des Fernsehens.

Gefühl und Geschichte

Dass in den letzten Jahren auch die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR, die jüngste Zeitgeschichte also, selbst zum Akteur und Gegenstand im fiktionalen Erzählen wird, war auch im vergangenen Wettbewerbsjahr zu beobachten. Die in den fünfziger und sechziger Jahren Geborenen wollen wissen, wie die Großeltern und Eltern aufwuchsen, wodurch sie geprägt waren, wie sie die psychischen Prägungen aus der Zeit des Nationalsozialismus bewältigten; diese Jahrgänge wollen nun auch den eigenen biografischen Resonanz- und Prägungsraum erkunden. Das „Dritte Reich“ tritt dabei als fiktionaler Erzählraum zurück, die unmittelbare Nachkriegszeit, die Adenauer-Ära und die sozialliberale Phase werden jetzt zunehmend als spannungsvolle und geschichtsträchtige Ereigniskammern entdeckt: Da ist was zu holen!

Der ZDF-Dreiteiler „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ eröffnet diesen Erzählraum in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Geschichte erstreckt sich von den letzten Kriegstagen 1945 bis ins Jahr 1952, in dem das fiktive Dorf Tannbach endgültig zwischen West und Ost geteilt wird. Anerkannt wurde in der Jury, dass das ZDF hier eine komplexe und figurenreiche Geschichtserzählung versuche und sich an so schwierige Komplexe wie etwa die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) heranwage; auch das feinnervige Spiel einiger Akteure wurde positiv hervorgehoben (Regie: Alexander Dierbach). Allerdings – und hier setzte die Kritik ein – würden die Figuren zu sehr mit Geschichte beladen (Buch: Josephin von Thayenthal und Robert von Thayenthal) und Tannbach werde als tatsächlicher Ort zu wenig kenntlich. Die Dialoge klangen mitunter so, als seien sie sehr von heutigen Wissenshorizonten geprägt und auf der narrativen Ereignisebene wurde eine vertiefte Alltagsdarstellung vermisst.

Zu sehr setzte in „Tannbach“ das rund fünfstündige Filmgeschehen bei den Hauptfiguren auf emotionale und sozial brisante Verknüpfungen, etwa die Verbindung der jungen Adligen (Henriette Confurius) mit dem proletarischen Neubauern (Jonas Nay). Wiewohl der Dreiteiler hervorragend ausgestattet ist (Szenenbild: Knut Loewe), bleibt er visuell einem mittleren Ereignisfilm-Niveau verpflichtet. Für den Wahnwitz der Geschichte werden keine entsprechenden Bilder gefunden, viele Figuren, insbesondere die Darstellung der Alliierten, geraten zu stereotyp. Und obgleich „die Deutschen“ klipp und klar als Täter benannt werden, wirken sie hier wie ein doppelt bestraftes Volk: Erst kam Hitler, dann kam die Teilung. Es fehlte an komplexeren Sozialpsychologien, es fehlte an punktuell genaueren Partikeln der Zeit, des Alltags, der Region, der Mentalitäten.

Dieses moralische Zwielicht, diese schwer zu fassenden charakterlichen Kontaminationen wollte auch „Das Zeugenhaus“ (ZDF) von Matti Geschonneck (Regie) und Magnus Vattrodt (Buch) untersuchen. Dieser Film mobilisierte nahezu entrüstete Ablehnung und verhaltene Zustimmung gleichermaßen. Die ablehnenden Stimmen vermissten eine deutlichere politische Haltung, es fehlte dieser Fraktion eine Einordnung; auch die angebliche Nivellierung der „Täter-Opfer-Perspektive“ wurde dem Film vorgeworfen. Indem er Täter und Opfer voraussetzungslos einführe, spiele er leichtfertig mit historischen Gewichten. Der hohe Ton der Figurenrede stieß diese Partei ebenso ab wie die symphonische Zudringlichkeit der Musik. Dagegen wurde argumentiert, dieser Film bilde exakt jenes moralische Zwielicht ab, das in den Nachkriegsjahren in den Köpfen flimmerte. War es nicht eine Zeit, in der sich die Menschen voreinander verbargen, ihre Biografien fälschten, umdeuteten, entstellten, schamvoll verschwiegen oder offensiv nutzten? Für die einen war der Film eine „historische Schmonzette“, aufgeladen mit stereotypen Pathos, ungenießbar durch menschelnde Täterzeichnungen; für die anderen war es ein durchaus ansehnlicher Versuch, extreme Biografien räumlich und dramaturgisch engzuführen, das Prinzip „Menschen im Hotel“ am Rande der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Auch der nächste zeithistorisch grundierte Film, „Die Spiegel Affäre“ (ARD/BR/WDR/Degeto/Arte, Regie: Roland Suso Richter, Buch: Johannes Betz), spaltete das Urteil der Jury. Die Radikal-Ablehner sprachen von einem „verfilmten Wikipedia-Eintrag“ und warfen dem Film dramaturgisch und bildsprachlich genau jene „Obrigkeitshörigkeit“ vor, gegen den der Stoff sich doch eigentlich wende. Es wurde bemängelt, dass der Film Frauen nur als passive Sexobjekte und Spielzeuge zeige, ohne – wie etwa in der US-Serie „Mad Men“ – eine Ahnung ihrer Tragik und Fähigkeiten in jenen Jahren zu vermitteln, woraufhin einem Juror zumindest ein kleiner Kragen platzte und er das Übel „der Diktatur des Aktualbewusstseins“ beklagte. Ein anderer Juror beklagte daraufhin die „Diktatur der politisch korrekten Haltung“, was aber die Gender-Fraktion keineswegs entmutigte und sie fragen ließ, ob man Frauen heute noch derart eindimensional darstellen könne? Eine Jurorin hätte mehr der „politische Mentalitätswechsel“, den die „Spiegel“-Affäre“ seinerzeit offenbart habe, interessiert; leider werde in dem Film stattdessen der männliche Machtkampf hervorgehoben. Beifall wurde der Darstellung von Sebastian Rudolph als „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein und Francis Fulton Smith als CSU-Chef Franz Josef Strauß gezollt. Beide seien als faszinierende Erotomanen erkennbar, der eine, der Zyniker Augstein, auf eine „verquere Weise sexy“, der andere, Strauß, ein emotionaler Hochofen und labiler Charakter.

In die jüngste Sozial- und Firmenhistorie der Republik wollte auch der ZDF-Zweiteiler „Alles muss raus – Eine Familie rechnet ab“ von Dror Zahavi (Regie) und Kai Hafemeister (Drehbuch) vorstoßen. Dem 180-minütigen Film lag erkennbar die Geschichte der Drogeriekette „Schlecker“ zu Grunde, die mit einer spektakulären Pleite endete. Allein, das Urteil zu dieser Produktion lautete: Zu kurz gesprungen! Die Parallelisierung von Oben und Unten, Arm und Reich, Geschäft und Gefühl, Wirtschaft und Wahrheit wurde als zwanghaft und klischiert empfunden. Zwar hatte die Geschichte durchaus Drive, hier und da lauerte Witz, doch insgesamt fehlte es an auf dem Feld der Imperien-Betrachtung an diagnostischer Tiefe und komplexerer Charakterkunde.

Sehr viel argumentativen Applaus hingegen heimste „Bornholmer Straße“ ein (ARD/MDR/RBB/Degeto), ein Film über den Tag oder besser die Nacht des Mauerfalls am 9. November 1989. Gelobt wurden allenthalben die hervorragenden Schauspielerleistungen in diesem Ensemble-Film, der aber zugleich mit einem Hauptdarsteller Charly Hübner aufwartet, der alle tragikomischen Register zieht. Hervorgehoben wurde überdies die gelungene Choreografie der Massen vor dem Schlagbaum ebenso wie die atmosphärische Verdichtung in der Grenzstation selbst, die pointierte Komödie wie die groteske Historie. Hier sei der Treppenwitz der Geschichte, die Schabowski-Pressekonferenz, in all ihren grotesk-absurden Weiterungen gezeigt worden. Und zugleich würden die Figuren als Repräsentanten von Haltungen und Werten nicht denunziert, obschon man über sie und ihre Nöte lachen könne.

Es gelingt „Bornholmer Straße“ in der Rückschau mikroskopische und makroskopische Perspektiven zu verdichten, ohne den großen Augenblick der Geschichte mit Pathos fett zu füttern oder ihn zu verjuxen oder mit Instant-Gefühl sentimental zu schminken. Der Mensch, das zeigt der Film beispielhaft (Buch: Heide und Rainer Schwochow, Regie: Christian Schwochow), kann die große Geschichte nicht schultern, er bekommt sie auch so gut wie nie zu Gesicht, aber er kann sie mit Gesten und Zeichen begleiten, die richtig sind oder falsch, die ihn zermalmen oder helfen, das unendliche Gewaltpotenzial, das im Hervortreten eines geschichtlichen Augenblicks steckt, in Schach zu halten. Diesen „Friedensdienst“ anerkennt „Bornholmer Straße“ komödiantisch und würdevoll zugleich und meistert damit souverän die nicht einfache Aufgabe, zum 25. Jahrestag des Mauerfalls einen aussöhnenden und gleichwohl gewitzten Blick zurückzuwerfen, ohne staatstragend zu erstarren. Mit solchen deutschen Selbstbildern und Filmen lässt sich leben.

Engagierte Filme

Natürlich dürfen bei Grimme Filme mit einem starken Themenbezug, mit einer klaren Haltung zu bestimmten gesellschaftlichen Problemfeldern nicht fehlen. Die Jury etwa nominierte das Drama „Es ist alles in Ordnung“ (ARD/WDR) nach. Ein starker Film über häusliche Gewalt. Hier beeindruckten neben den exzeptionellen Schauspielerleistungen die herausragende Kameraarbeit von Ngo The Chau, die Ambivalenz der Figurenzeichnung (Buch: Ingo Haeb und Christina Ebelt) und die Verdichtung von Alltagsszenen (Regie: Nicole Weegmann). Als nicht ganz so gelungene häusliche Studie wurde der Film „Neufeld, mitkommen!“ (ARD/WDR) empfunden. Auch hier ging es um erlittene Gewalt, allerdings versuchte sich dieses Drama stärker am Postdrama, indem es zu zeigen versuchte, wie eine Familie damit klarkommt, dass ihr Kind in der Schule zum Opfer von Gewalt geworden ist, die Täter aber anscheinend nur unzureichend bestraft werden bzw. ihre Taten nicht hinreichend reflektieren. Einerseits wurde der Film als kraftvolles Plädoyer wahrgenommen, sich der langfristigen Opferperspektive zu vergewissern; andererseits erschien die Figurenzeichnung (Kathi Liers, Jana Simon) manchem Juror zu aufdringlich, zu säuberlich, zu vorhersehbar, zu engagiert im plakativ-couragierten Sinne. Auch die innerfamiliäre Dynamik sei zu sehr sprachlich gesteuert, anstatt sie visuell zu erarbeiten (Regie: Tim Trageser).

Dahingegen war der Film „Weiter als der Ozean“ (ARD/WDR) nicht so sehr thematisch gebunden, sondern durch das vitale Porträt einer engagierten „Heldin“. Sehr geschätzt wurde, dass hier die Arbeitswelt einer jungen Kinderpsychologin (Rosalie Thomass) alltagsnah und milieukundig porträtiert wurde und dass man in eine Vielzahl von Geschichtssplittern eintauchte (Buch: Beate Langmaack, Regie: Isabel Kleefeld). Manchem in der Jury fehlte die erzählende Zuspitzung, auch die Liebesgeschichte samt Wal-Motiv wurde als aufgezwungen und klischeehaft empfunden und nicht jeder schätzte die Künste der Hauptdarstellerin, deren inneres und äußeres Spiel – so eine Stimme – ohne Berührung bleibe. Weniger Zuspruch erfuhr der Film „Be my Baby“ (ZDF, „Das kleine Fernsehspiel“), der – so eine kritische Äußerung –, das Thema „Inklusion“ verschenke, weil zu viel Versöhnlichkeit erzwungen werde, weil die Figuren zu sehr als Tränenräuber unterwegs seien (Regie: Christina Schiewe, Buch: Christina Schiewe und Petra Brix). Allerdings gab es, was die schauspielerische Leistung angeht, auch Lob für die große Gefühlstransporteurin Christina Große, deren „innerliche Hingabe“ immer wie „vom Leben geschrieben“ empfunden wurde.

Sehr umstritten war der Film „Monsoon Baby“ (ARD/BR). Ihm wurde vorgehalten, eher „neokolonial“ zu verfahren (Buch: Florian Hanig und Andreas Kleinert), da er sich nicht wirklich für die Konflikte indischer Leihmütter interessiere, stattdessen aber die selbstmitleidigen Gefühlsspuren des deutschen Paares unendlich ausdeute (Regie: Andreas Kleinert). Den „guten Willen“ sehe, ahne man, die „politische Naivität“ der Erzählung hingegen sei gegenüber den ethischen Zwischentönen unterkomplex. Die sehr aufmerksame, fast dokumentarisch anmutende Kameraarbeit (Andreas Höfer) wurde positiv hervorgehoben, konnte indes wenig an der grundsätzlichen Kritik ändern.

Eine starke, sozial engagierte Frauenfigur bot – wie bereits „Weiter als der Ozean“ – auch der Film „Der Fall Bruckner“ (ARD/BR) an. Hier wurde einerseits das fabelhafte Spiel von Hauptdarstellerin Corinna Harfouch geschätzt, die melodramatisch-seifige Hürden einfach lakonisch hinter sich lasse, aber zugleich eine Sinnlichkeit der zupackenden Tat spielen könne, ohne ihre Figur zu heroisieren, ohne sie emotional vollzustopfen. Abgesehen davon, dass Harfouch solche „Heiligenscheine“ gut herunterdimmen kann, überzeugte dieser Film auch als „sozialutopische Forderung“ und als lebensnahe Studie einer Sozialbehörde, ihrer verwickelten Hierarchien und internen Prozesse (Buch: Hans-Ullrich Krause und Cooky Ziesche, Regie: Urs Egger).

Ausreißer, Außenseiter, Alpha-Tiere

Selten genug sieht man Märchen- bzw. Kinderfilme im Grimme-Wettbewerb. „Die Schneekönigin“ (ZDF) wurde als durchaus liebevoll gestaltete Fabel geschätzt (Szenenbild: Josef Sanktjohanser, Kostüme: Friederike Tabea May), allerdings wurde festgestellt, dass die meisten Märchen- und Kinderfilme heutzutage weitaus fordernder, im reizvollen Sinne komplexer, schneller, vielgestaltiger und provokanter sind. Die in diesem ZDF-Film angebotenen Bild- und Naturwelten und Konfliktmuster lösten keine vielschichtigen Resonanzen aus (Buch: Anja Kömmerling, Thomas Brinx, Regie: Karola Hattop).

Ein Ausreißer war auf gewisse Weise auch der Genrefilm „Die Frau hinter der Wand“ (ZDF), der mit Topoi des Psychothrillers ebenso aufwartete wie mit Versatzstücken des Horrorfilms, der aber trotz mancher Leiche seltsam blutleer blieb (Buch: Grzegorz Muskala, Robby Dannenberg, Regie: Grzegorz Muskala). Lobend wurde erwähnt, dass hier der originelle Versuch unternommen worden sei, das Berliner Mietshaus in seiner spukhaften Abgründigkeit und all seinen sozialen Zumutungen zu erkunden. Doch letztlich erzeugte die Formelsprache keine Geschichte, die den Zuschauer verschlang wie den Mieter sein Zimmer.

Den Alltag überwinden, ausreißen, die Routinen abstreifen, auch um den Preis, vielleicht als Außenseiter angesehen zu werden: Das war „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ (ARD/WDR/NDR). Dieser Ausbruchsversuch (Buch und Regie: Jan Georg Schütte) war der Jury hochwillkommen. Die Versuchsanordnung war experimentell: kein Drehbuch, an Stelle dessen: Improvisation – dreizehn Schauspieler spielen dreizehn „Senioren“, Menschen, die bei einem Speed-Dating noch einmal das große Glück, die romantische Liebe, eine Putzhilfe, einen Seelenatem, ein bisschen Alltagsüberwindung oder etwas Sex suchen. Das war berührend, witzig, emotional, hoch und tief, das bot eine Bühne für die unterschiedlichsten mimetischen Stile und Figurenerkundungen, das erlöste die Schauspieler aus ihren ewiggleichen Rollen und Sätzen, forderte sie und den Zuschauer heraus, der keine große Geschichte, kein zentrales Thema, keinen Protagonisten als Kapitän und Steuermann vorfand. Stattdessen: viele Perspektiven, viele Miniaturen.

Im Mittelpunkt des ebenfalls schwer einzuordnenden, von der Jury nachnominierten Films „Männertreu“ (ARD/HR) steht das virile Alphatier Georg Sahl. „Männertreu“ (Buch: Thea Dorn, Regie: Hermine Huntgeburth) untersucht die Binnenbeziehung eines Machtpaares und bilanziert die Prestige-Gewinne ebenso wie die emotional-familiären Verluste dieses Pakts. Nebenbei studiert der Film eine hocherregbare Medienöffentlichkeit, die nach Autorität giert, aber diese nur gelten lässt, sofern sie sich in überschaubaren Bahnen bewegt. Kritische Stimmen in der Jury fanden den selbstherrlichen und selbstverliebten Protagonisten Sahl (Matthias Brandt) affirmativ dargestellt, während die Frauen, trotz aller Macht- und Autoritätsarrondierung, wie seine Opfer wirkten. Dagegen wandten die Verteidiger von „Männertreu“ ein, die Geschichte mute dem Zuschauer ambivalente Figuren zu, weshalb der Film „nicht ohne Haltung“ sei, aber keine politisch-korrekte Haltung propagiere. Vielmehr muss sich der Zuschauer entscheiden, wem er seine Empathie zu welchem Preis schenkt und wie er selbst das hedonistische Selbstverherrlichungsprojekt des Verlegers Sahl einordnet. Dieses Ausloten des eigenen Standorts übernimmt im Film stellvertretend für den Zuschauer auch Suzanne von Borsody, die ihre Figur der Frau an seiner Seite mit beeindruckender emotionaler und erfahrungstiefer Spannweite anlegt. Ein Film, der einem das Denken nicht abnimmt, sondern darauf setzt, dass man mitdenkend sieht, und ein Film, der souverän mit Motiven der Strauss-Kahn-Affäre, des Guttenberg- und des Wulff-Rücktritts operiert und der zugleich eine ganz eigene Geschichte erzählt.

Die Preiswürdigen

Gibt es etwas, das die Filme „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“, „Bornholmer Straße“, „Männertreu“, „Der Fall Bruckner“ und die „Tatort“-Folge „Im Schmerz geboren“ verbindet? Es sind die fünf Preisträger, für die sich die Jury entschied. Was eint die Preisträger? Lassen sich hier Qualitätskriterien destillieren?

Herausragende Filme stiften Irritationsmomente, Fragezeichen. Sie schaffen es, die ‘normale’ Empathie-Verteilung zu überdenken, sie bieten Perspektivwechsel an, schaffen ambivalente und deutungsoffene Figuren. Sie stiften imaginäre Freihandelszonen, in denen der Rezipient aufgefordert ist, sich als Koautor zu behaupten. Solche Filme wagen riskante Dramaturgien, sie erlauben eine Lesartenvielfalt und schlagen das Maß der Mitte aus oder definieren ihre eigene Mitte am Rand. Sie radikalisieren Formensprache, setzen sich intensiv und letztlich eigenwillig mit der Realität auseinander, finden einen Wirklichkeitsbegriff, der den Blick des Zuschauers weitet und ihn die Welt zumindest zeitweilig mit anderen Augen und Wünschen sehen lässt. Sie schicken ethische Provokationsfiguren auf die Reise und leisten sich deviante Biografien, sie können Haltung und Gesinnung auseinanderhalten und lassen sich nicht als Themen- oder Ideologie-Agenten engagieren.

04.04.2015/MK

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