Ohne jedes journalistische Ethos

Wie RTL und „Bild“ über die Familientragödie von Solingen berichteten

Von Reinhard Lüke
26.10.2020 •

Als am 3. September dieses Jahres gegen Mittag gemeldet wurde, dass eine Mutter in Solingen fünf ihrer sechs Kinder getötet hatte, taten Zeitungen und Fernsehsender das, was sie in solchen Fällen immer tun. Erst recht, wenn Kinder dabei im Spiel sind. Die Medienhäuser setzten ihre Reporter in Marsch und bereits wenig später gab es die ersten Live-Bilder vom Ort der Tragödie im Fernsehen und auf den Internet-Seiten der Zeitungen zu sehen.

Da standen die Journalisten vor einem unscheinbaren Wohnhaus im Ortsteil Hasseldelle und machten ihre Aufsager. Der Informationsgehalt solcher Einsätze ist in der Regel eher dürftig, aber selbst bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt man den Zuschauern in solchen Fällen gern das Gefühl, hautnah am Geschehen zu sein. Und weil den Polizisten vor Ort keine Details zum Tathergang zu entlocken sind, werden dann Anwohner und Passanten befragt, die ihr Entsetzen zu Protokoll geben, dass so etwas bei ihnen in der Straße passieren konnte. Soweit auch an jenem Donnerstag in Solingen, es war die übliche Berichterstattung, um nicht zu sagen: Business as usual.

Eine krasse Grenzüberschreitung

Im Lauf des Tages wurde dann aber bekannt, dass die Mutter und mutmaßliche Mörderin der Kinder nach der Tat noch ihren elfjährigen Sohn Marcel von der Schule abgeholt und ihn in einen Zug gesetzt hatte, mit dem er zu seiner Oma fahren sollte. Noch am Nachmittag des Tattages hatte RTL einen Freund von Marcel namens Max ausfindig gemacht und ihn auf dem Balkon eines Hauses von einer Reporterin interviewen lassen. Dabei war der Zwölfjährige nicht nur frontal, ohne jede Verpixelung im Bild zu sehen, sondern zudem wurde auch noch sein voller Name per Insert eingeblendet. Damit noch immer nicht genug, zitierte der Sender aus privaten WhatsApp-Nachrichten, die Max während des Tages mit Marcel ausgetauscht hatte.

Am 4. September fanden sich dann auch in einem Artikel der „Bild“-Zeitung Auszüge aus dem Chat-Kontakt der beiden Kinder. Die Überschrift dazu lautete: „Mutter (27) hat fünf ihrer Kinder getötet: Freund Max telefonierte mit dem Sohn, der überlebte“. Dass das mit dem „telefonierte“ so nicht stimmte, war in diesem Zusammenhang eine eher lässliche Falschinformation. Aber die privaten Äußerungen eines elfjährigen Jungen, der wenige Stunden zuvor nahezu seine gesamte Familie verloren hat, in die Öffentlichkeit zu zerren, war eine derart krasse Grenzüberschreitung, wie sie selbst im oft nicht eben zimperlichen Boulevard-Journalismus selten vorkommt. Aus dem „Witwenschütteln“, wie man in der Branche die Unart nennt, nach Unfällen oder Tragödien Hinterbliebene mit Fragen zu bedrängen, wurde hier, so könnte man fast sagen, ein „Kinderschütteln“. Woran auch der Umstand nichts ändert, dass im Umfeld des Interviews mit dem Zwölfjährigen erklärt wurde, das Gespräch habe mit ausdrücklicher Zustimmung von dessen Mutter stattgefunden. Bei RTL sollte man eigentlich schon aus eigener Erfahrung mit diversen Reality-Formaten wissen, dass manche Menschen bereit sind, fast alles zu tun, um ins Fernsehen zu kommen bzw. ihre Kinder vor eine Kamera zu zerren.

Missachtung der Privatsphäre

Schon bald nach diesen Veröffentlichungen gab es nicht nur in sozialen Netzwerken heftige Kritik am Vorgehen von RTL und „Bild“. Rasch erreichten auch den Deutschen Presserat die ersten Beschwerden. Gegenüber dem Online-Portal DWDL rechtfertigte einer RTL-Sprecherin das Vorgehen des Privatsenders mit einem „berechtigten öffentlichen Interesse“. Doch bei keinem der an dem Drama beteiligten Menschen handelte es sich um eine ‘Person des öffentlichen Lebens’. Es gab also in diesem Fall keinerlei Grund, die Privatsphäre der Kinder nicht zu respektieren. Und mit dem Argument eines „öffentlichen Interesses“ ließen sich auch jene Handy-Videos legitimieren, die Gaffer von Verkehrsunfällen machen und anschließend ins Netz stellen.

Zumindest in einem Punkt zeigte man sich bei RTL reumütig: „Wir überprüfen uns und unsere Arbeitsweise jeden Tag aufs Neue und gestehen auch ein, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Wir bedauern, dass in diesem Fall unter anderem der volle Name des Jungen genannt wurde und entschuldigen uns dafür“, hieß es in einem Sender-Statement vom 6. September. Die Entschuldigung galt wohlgemerkt nur für die Namensnennung. Dass man den Zwölfjährigen überhaupt befragt und aus seinem privaten Chatverlauf zitiert hatte, fand man durchaus nicht anstößig.

„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt vermochte im Vorgehen seines Blattes in Solingen überhaupt nichts Fragwürdiges zu entdecken. Am 7. September, dem Montag nach der Tragödie vom Donnerstag, rechtfertigte auch er sich mit dem „überragenden öffentlichen Interesse“ und fügte hinzu: „Wir orientieren uns natürlich auch daran, was zum Beispiel Ermittlungsbehörden tun und wie sie mit so einem Fall verfahren. Und in diesem Fall war es zum Beispiel so – das ist in der Berichterstattung oder in der Meinungsäußerung über ‘Bild’ in den letzten Tagen ein bisschen verlorengegangen –, dass auch die Polizei auf ihrer Pressekonferenz aus dem Chat oder aus einem Chat, den es gegeben hat mit diesem überlebenden Jungen, dem unser tiefes, tiefes Mitgefühl gilt, Chats von diesem Jungen thematisiert hat und aus diesen Chats zitiert hat.“

Reichelt sagte dies in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Doch was er sagte, stimmt so nicht, wie sich auch heute noch auf einem von bild.de stammenden Mitschnitt der genannten Pressekonferenz auf YouTube verfolgen lässt. Die Polizei hatte dort zwar erwähnt, dass es diesen Chat zwischen den beiden Jungen gegeben hatte, aber mitnichten daraus zitiert oder den vollen Namen jenes Max, des Freundes des überlebenden Kindes, genannt.

Kein Umdenken bei „Bild“

Am 15. September erhielt Reichelt dann in Abwesenheit einen Rüffel seines Vorgesetzten Mathias Döpfner. Auf einer Tagung des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), dessen Vorsitzender Döpfner ist, erklärte der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Konzerns an diesem Tag in Sachen Solingen: „Wir haben Fehler gemacht bei Axel Springer. ‘Bild’ hat WhatsApp-Nachrichten eines Kindes, das überlebt hat, in einem Artikel eins zu eins veröffentlicht. Wir haben den Schutz von Minderjährigen in diesem Fall eindeutig missachtet. Wir wollen und wir müssen das in Zukunft besser machen. Vielleicht kann ja dieser Fall Anlass sein für eine breite Debatte über Standards und Werte im Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Presse auf der einen Seite und dem berechtigten Schutz von Persönlichkeitsrechten.“ Was kaum mehr als wohlfeile Floskeln sein dürften. Anlässe für eine solche Debatte hat „Bild“ in der Vergangenheit schließlich schon zuhauf geliefert, ohne dass da anschließend ein wirkliches Umdenken erkennbar gewesen wäre.

Beim Deutschen Presserat sind im Zusammenhang mit der „Bild“-Berichterstattung im Fall Solingen unterdessen rund 170 Beschwerden eingegangen, über die die Mitglieder des Selbstkontrollorgans der deutschen Presse auf einer Sitzung am 3. Dezember beraten wollen. Im schlimmsten Fall droht „Bild“ eine Rüge, die die Macher kaum sonderlich beeindrucken wird. Mit solch folgenlosen Sanktionen können sie in Berlin inzwischen die Redaktionsräume tapezieren. Für RTL wiederum ist nicht der Presserat zuständig, sondern die den Sender lizenzierende Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) in Hannover, von der man in dieser Angelegenheit nichts hörte. Auf MK-Nachfrage im Oktober hieß es bei der NLM, es seien drei Beschwerden eingegangen. Dazu gibt es eventuell im November eine Entscheidung der Medienaufsicht. Was das Vorgehen von RTL bezüglich des Geschehens in Solingen angeht, wurde kolportiert, dass Nachrichten-Anchorman Peter Kloeppel, einer der angesehensten Mitarbeiter des Senders, intern geäußert haben soll, wenn das so weitergehe, dann das sei nicht mehr sein RTL.

Julian Reichelt in Winnenden

Die ethisch mindestens fragwürdige Berichterstattung über die Tragödie von Solingen erinnert nicht zuletzt an andere Fälle, in denen journalistische Grundsätze massiv missachtet wurden. Da ist zum einen der sogenannte „Amoklauf von Winnenden“, bei dem ein 17-jähriger Schüler am 11. März 2009 15 Menschen und schließlich sich selbst tötete. Auch damals schwärmten massenhaft Reporter aus, um Zeugen und deren Familienmitglieder zu interviewen. Für bild.de war seinerzeit – daran erinnerte „BILDblog“ im Zusammenhang mit den Berichten zu Solingen – der junge Reporter Julian Reichelt im Einsatz, der nassforsch Zeugen in deren Privatwohnungen zum Tathergang befragte.

Sieben Jahre zuvor hatte zum anderen aber auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen vergleichbaren Fehltritt abgeliefert. Am 26. April 2002 erschoss am Erfurter Gutenberg-Gymnasium ein 19-jähriger 16 Menschen und schließlich sich selbst. Johannes B. Kerner, der damals im ZDF viermal in der Woche Menschen zu einer nach ihm benannten Talkrunde einlud, präsentierte noch am Abend des Tattages eine „Amok Spezial“ betitelte Sondersendung, für die man in aller Eile in Erfurt ein behelfsmäßiges Zeltstudio errichtet hatte. Darin befragte Kerner einen elfjährigen Schüler des Gymnasiums im Beisein seiner Mutter, wie er denn die Bluttat erlebt habe. Nach massiven Protesten gegen dieses Prozedere wies das ZDF jede Kritik zurück und attestierte dem Talker eine äußerst behutsame Gesprächsführung. Wie man überhaupt auf die absurde Idee kommen konnte, ein Kind wenige Stunden nach derart traumatisierenden Erlebnissen vor eine Fernsehkamera zu setzen, erklärte der Sender nicht.

26.10.2020/MK

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