Minus 15 Mark

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ ARD und ZDF saniert wissen will

Von Dieter Anschlag
13.03.1999 •

Man kannte bisher die “Süddeutsche Zeitung” (SZ) oder zumindest einige Redakteure ihrer Medienseite als beharrliche, ja, investigative Analytiker, wenn es um die Strukturen und Machenschaften beispielsweise der Kirch-Gruppe oder des Bertelsmann-Konzerns, also des privatwirtschaftlichen Rundfunks geht. Gleichzeitig gab es bei der SZ auch über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk natürlich stets eine sachkundige und kritische Berichterstattung, und das nicht nur dann, wenn es mal wieder Filz zwischen CSU und Bayerischem Rundfunk (BR) aufzudecken galt. Doch immer konnte man den Eindruck haben, auch die SZ, wiewohl sie in den vergangenen Jahren erkennbar konservativer statt liberaler geworden ist, sei dennoch eher froh, daß es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als starkes Pendant zum privat-kommerziellen (noch) gibt, so daß man im Notfall aus gutem Grund ARD und ZDF eher a bisserl wohlgesonnen war. Nur noch “Tutti-Frutti”-Striptease, daß erschien uns allen denn doch weniger als Gute- denn als Schlechte-Zeiten-Perspektive

Und jetzt das. Am 3. März auf Seite 4 der SZ Nr. 54/99 folgt der Frontalangriff auf ARD und ZDF. In einem Leitartikel – und nicht auf der Medienseite – äußert Klaus Ott für die Zeitung eine Position, die man zumindest von ihm (1998 Wächterpreis der Tagespresse, 1996 Deutscher Preis für Medienpublizistik) bisher nicht erwartet hatte: Unter der auf den ersten Blick nicht unbedingt verfänglichen Überschrift “Quotenjagd auf allen Kanälen” wird programmatisch vorgeschlagen, ARD und ZDF müßten “vom Quotendruck befreit werden”, dazu sei “eine Radikalkur nötig”, das heißt: “Sport und andere Show-Elemente könnten stark zurückgeführt, die vielen Radio- und Fernsehkanäle um die Hälfte reduziert und ARD und ZDF miteinander verschmolzen werden.” Seltsam, seltsam. Solches hat man bisher immer nur von bayerischen und sächsischen Landesfürsten namens Stoiber und Biedenkopf gehört, von den Medienkonzernen Bertelsmann (besonders aggressiv) und Kirch (eher weniger intensiv), vom Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) und von den völlig wettbewerbsorientierten Kommissaren der Europäischen Union (EU) in Brüssel, von wo der individuelle Blick aufs duale deutsche Rundfunksystem immer schon besonders beschränkt war.

Wir Zwangsgebührenzahler

Doch damit nicht genug. Die SZ kommt auf Sachen, die hat man bisher noch nicht einmal von neoliberalkonservativen deutschen Ministerpräsidenten gehört. Für ein wie von der “Süddeutschen” vorgeschlagenes reduziertes Angebot, das sich allein auf die wesentlichen öffentlich-rechtlichen Aufgaben konzentriert, “würde wohl eine Gebühr von 15 Mark im Monat ausreichen”, so der Autor, “und bei diesem Betrag dürfte es kaum Diskussionen geben, ob es gerechtfertigt ist, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht auf Quotenjagd geht. Bei über 30 Mark sieht das ganz anders aus.” Wie bitte?

Die “Süddeutsche Zeitung” vertritt nämlich in ihrem Leitartikel die Meinung, der öffentlich-rechtliche Rundfunk entferne sich “immer weiter von seiner Grund­idee und seinem Auftrag, einen Beitrag zur Information und Aufklärung und damit zum demokratischen Gemeinwesen zu leisten”. Denn weil ARD und ZDF in ihren Fernsehprogrammen zu viel populäre Unterhaltung inklusive Sport zeigten, würde es dort inzwischen zu wenig Nachrichten und Reportagen geben, zu wenig Vielfalt. Und Sport und Unterhaltung, weiß die SZ, seien ja so teuer, daß wir nur deshalb die hohe Rundfunkgebühr von bald fast 30 Mark zu zahlen hätten. Also: weniger Sport und Unterhaltung bei ARD und ZDF = halbe Gebühr. Diese Gleichung ist an Verwegenheit kaum zu überbieten. Ja, daß noch niemand eher auf dieses Sanierungskonzept gekommen ist! Nachrichten und Reportagen, seriöser und fundierter Journalismus sind ja so billig zu bekommen. Die “Süddeutsche” muß es ja wissen, sie ist ja auch ein Produkt aus diesem Gewerbe. Und: Ob die SZ – und sei sie auch privatwirtschaftlich – nicht auch ihre Sportredaktion reduzieren könnte, damit der Verkaufspreis niedriger ausfällt? Absurde Welt.

Aber was will uns die “Süddeutsche Zeitung” mit diesem ihrem Leitartikel sagen? Gut, sie bringt die Konvergenz-Theorie ins Spiel, klagt also darüber, daß die TV(!)‑Pro­gramme der Öffentlich-Rechtlichen denen der Privaten immer ähnlicher werden. Diese Erkenntnis freilich ist weder originell und schon gar nicht neu. Mit Blick auf modernes Fernsehen kann man mittlerweile freilich auch die Argumentation von ARD und ZDF verstehen, daß Programme, die von allen Bürgern via Gebühr finanziert werden, auch für alle Geschmäcker etwas enthalten müssen. Ein bißchen Quote kann auch ARD und ZDF nicht schaden. Denn für einen demokratieorientierten Rundfunk ist auch die Akzeptanz des Publikums ein wichtiger Faktor. Und dafür ist die Quote durchaus ein geeignetes Meßinstrument. Würde man ARD und ZDF völlig von der Bestätigung durch die Quote lösen, würden sie, deren Überleben letztlich von politischen Entscheidungen abhängt, nur noch mehr den Begehrlichkeiten der Politiker ausgeliefert. Und das dürfte, selbst nach Meinung der SZ, nicht im Sinne eines staatsfernen öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein. Natürlich darf die Quote nicht zum allein bestimmenden Maßstab werden, dennoch ist es nicht verkehrt, wenn sie von Fall zu Fall anzeigt, daß eine Kultursendung gerade durch Einbettung in ein öffentlich-rechtliches Programm für alle ebenfalls eine gute Zuschauerresonanz findet, eine bessere zudem als in einem Minderheitenprogramm, das sich um das Publikum überhaupt nicht mehr zu scheren braucht.        

Gut, man könnte bei der Diskussion über die Konvergenz-Theorie noch differenzierter werden, muß es aber nicht, denn sie ist doch kalter Kaffee. Neu ist vielmehr in diesem Zusammenhang, daß sich die “Süddeutsche” mittlerweile eine (ebenfalls sehr alte) Lieblingsformel des früheren RTL-Geschäftsführers Helmut Thoma zu Eigen macht, wenn sie schreibt, ARD und ZDF würden von den Hörern und Zuschauern “zwangsweise per Gebühr finanziert”. Unfreiwillig komisch ist dabei schon wieder, daß die entsprechende Passage zudem noch so formuliert ist, daß suggeriert wird, es gäbe auch Intendanten und Programmdirektoren bei ARD und ZDF, die sagen würden, es handle sich um eine “Zwangsgebühr”. Solche ARD- und ZDF-Hierarchen gibt es nun aber wirklich nicht. (Und wenn doch, sollte man sie mit sofortiger Demission bestrafen.)

Optimierung durch Amputation?

Es stimmt hinten und vorne nicht bei der Argumentation der SZ. Zum Beispiel ist es schlicht ein Fehler, in Sachen Vielfalt resp. Konvergenz nur von “den Hauptprogrammen von ARD und ZDF, dem Ersten und dem Zweiten”, zu sprechen. ARD und ZDF sind mehr als ihre Hauptprogramme. Sie machen Fernsehen, Radio, Internet, sie betreiben Kultur- und Regionalprogramme in TV und Hörfunk, sie regen Kulturaustausch an, sie unterhalten Sinfonieorchester, sie leisten Medienforschung, sie geben Zeitschriften heraus...ach, es hieße Eulen nach Athen tragen, jetzt die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu zitieren.

Die Rundfunkgebühren auf 15 Mark pro Monat reduzieren, das hieße doch wohl, (fast) all dies zu gefährden. Und selbst, wenn all die genannten Aktivitäten zum großen Teil unbemerkt von der Öffentlichkeit (und der Wahrnehmung der SZ?) geschehen, sollen sie wirklich mit einem Schlag abgeschafft werden? Denn nichts anderes würde eine halbierte Gebühr auch bedeuten. Abgesehen davon: Wie realitätsfremd ist eine Argumentation, die ernsthaft unterstellt, daß heutzutage mit weniger Geld und weniger Mitarbeitern und weniger Programmen ein besseres Produkt dabei herauskommen soll? Und auf dieses Produkt sollen dann, oh Wunder, alle besonders scharf sein, weil es vielfältiger und weniger populistisch ist als das bisherige? In Scharen soll das Publikum ausgerechnet dann von den Privaten zu den Öffentlich-Rechtlichen überlaufen? ARD und ZDF sollen künftig in amputierter Form optimaler ihren “Beitrag zur Information und Aufklärung und damit zum demokratischen Gemeinwesen [...] leisten”?

Sorry, aber es erfordert wenig Phantasie, um darauf zu kommen (was natürlich auch keine neue Erkenntnis ist), daß es eher genau umgekehrt sein wird und die Leute sich irgendwann vielmehr fragen, ob nicht auch 15 Mark Gebühr zuviel sind für das Wenige, was sie im öffentlich-rechtlichen Reduktionsrundfunk dann noch interessiert. Vom vielfach herbeibeschworenen Abschreckunsgsszenario des Elitefernsehen wäre wir dann nämlich wirklich nicht mehr weit entfernt. Und die Privaten sagen “danke”. Selbst wenn tatsächlich der Meinung wäre, ARD und ZDF müßten ihre Programme reduzieren, so müßte man ihnen doch das jetzige Finanzvolumen lassen, denn wie sollten die verbleibenden Sendungen besser werden, wenn die Redakteure nicht mit mehr Honoraren bessere Mitarbeiter für professionellere Arbeit einsetzen könnten?

Übrigens, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk derart zurechtzustutzen, wie von der SZ gefordert, würde auch bedeuten, zu Tausenden Personal zu entlassen. Der Vorschlag des Blattes ist also gleichzeitig eine riesige Arbeitslosenbeschaffungsmaßnahme, denn natürlich würde nicht einmal die Hälfte einen neuen Job bekommen. Das Know-how stünde fortan sozusagen auf der Straße. Und wieso sollen ARD und ZDF “miteinander verschmolzen werden”? Ehrlich gesagt, seien wir froh, daß wir auch innerhalb des öffentlich-rechtlichen System noch einen Wettbewerb haben, einen sinnvollen Binnenwettbewerb um Qualität, der auch ein Korrektiv sein kann, daß das eine Programm das andere mit nach oben zieht und so ein Absinken des (öffentlich-rechtlichen) Niveaus, eine weitere Anpassung an Privatprogramme gerade verhindert. Gäbe es nur noch ein einziges öffentlich-rechtliches Hauptprogramm auf dem Markt, an wem würde es sich wohl orientieren und woran würden es seine Kritiker wohl messen, selbst wenn es durch eine geringe Gebühr von 15 Mark, wie die SZ meint, doch eigentlich vom Quotendruck befreit wäre?

Und daß in seinem solchen Leitartikel die Probleme des digitalen Rundfunks mit keinem Wort thematisiert werden, ist ein weiteres Manko. Digitalität bedeutet vor allem Programmvermehrung und -segmentierung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, will er nicht untergehen, kann gar nicht anders, als sich dieser Entwicklung zu stellen. Doch durch den SZ-Kommentar könnte man glatt den Eindruck bekommen, ARD und ZDF sollten sich zurück- und nur die kommerzielle Konkurrenz dürfe sich fortentwickeln. Das wäre in etwa so, als wollte man den öffentlichen Verkehr auf das Zeitalter der Postkutsche zurückschrauben, während der Privatmann ICE und Concorde nutzt, so er es sich leisten kann.

Enttäuschung, ja vielleicht Wut

Natürlich kann und soll man unbedingt auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zum Beispiel all seine Verkrustungen, kritisch hinterfragen. Aber nicht mit der Methode Rolle rückwärts. Es ist logisch auch einfach nicht nachvollziehbar, was der SZ-Autor vorschlägt. Man könnte sich bei dem Versuch, eventuelle Schlußfolgerungen abzuleiten, noch fragen: Wünscht die “Süddeutsche” sich das Ende des dualen Systems, so wie es jetzt funktioniert, herbei? Entweder so, daß das ZDF als Vollkonkurrent zu den Privaten komplett kommerzialisiert und die ARD zum staatsfunkähnlichen werbefreien Nachrichtenkanal außer Konkurrenz degradiert wird. Oder so, daß künftig auch die Privaten für ganz bestimmte Ausgaben an Geld aus dem durch die “Zwangsgebühr” ach so vollen Topf bekommen und ARD wie ZDF dann auch wieder mehr Werbe- und Sponsoringgelder einnehmen dürfen? Nein, mit solchen Spekulationen kommen wir so recht nicht weiter.

Es bleibt das Erstaunen über die Wende der SZ. Wohlgemerkt, wäre besagter Leitartikel von der FAZ, unserem Urorgan der kapitalistischen Marktwirtschaft, gedruckt worden, niemand hätte sich gewundert. Sicher, auch die “Süddeutsche” ist heute selbst auf dem Fernseh- und Radiomarkt aktiv, hat klare Eigeninteressen. Und doch hatte die SZ versucht, im Medienressort auf nachvollziehbarem Kurs zu bleiben. So schien es bislang jedenfalls, trotz gelegentlicher anderer Anzeichen. Warum nun diese gravierende Richtungsänderung? Die “Süddeutsche Zeitung” gehört doch inzwischen nicht etwa Kirch oder Bertelsmann, und keiner hat’s gemerkt? Oder wollen die SZ-Herausgeber dem steuergeplagten Bürger einfach nur aufzeigen, wie er monatlich 15 Mark “Zwangsgebühr” einsparen kann, um dieses Geld in ein Freiwillig-Abo für die “Süddeutsche” zu investieren? Aber wahrscheinlich hat sich hier jemand, der ARD und ZDF früher wohlgesonnener war, aus Enttäuschung, ja vielleicht Wut über die mangelnde Reformierbarkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von ihm abgewandt. Und die Starrheit von ARD und ZDF spielt dann der Umarmungsstrategie eines Hauses wie Bertelsmann, das sich medienpolitisch gern so staatstragend gibt, in die Hände. Die Lage ist ernst. Das sollte ARD und ZDF zu denken geben.

 Text aus Heft Nr. 10/1999 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

13.03.1999/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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