Außenpolitisches Schwellenland

Intendant Erik Bettermann nimmt Abschied von der Deutschen Welle

Von Sabine Sasse
11.10.2013 •

Zwölf Jahre stand Erik Bettermann an der Spitze des Auslandsrundfunks Deutsche Welle (DW). Er übernahm das Intendantenamt bei dem Sender am 1. Oktober 2001 und ging nun am 30. September dieses Jahres im Alter von 69 Jahren in den Ruhestand. FK‑Mitarbeiterin Sabine Sasse hat ihn kurz vor seinem Abschied von der Deutschen Welle noch einmal besucht. • FK

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Ein großes Abschiedsfest hat es nicht mehr gegeben, als Erik Bettermann am 30. September nach zwölf Jahren an der Spitze der Deutschen Welle (DW) in den Ruhestand gegangen ist. „Zu teuer“, sagt er in einem Gespräch, das an einem seiner letzten Arbeitstage in seinem Berliner Büro in der Weddinger Voltastraße stattfand. Das Büro im 6. Stock des Gebäudes ist für ein Intendantenbüro relativ klein, fast bescheiden. Ursprünglich war es viel größer, sagt Bettermann, aber da sein Hauptbüro am DW-Hauptsitz in Bonn sei, wo er ungefähr 60 Prozent seiner Arbeitszeit verbracht habe, und es in Berlin schon immer ein wenig beengt gewesen sei, habe er hier eine Wand einziehen lassen und so etwas mehr Raum für die Mitarbeiter gewonnen. „Wozu brauche ich ein so großes Büro und die Leute sitzen hier übereinander?“, sagt er. So ist er, der Erik Bettermann, ein sympathischer, unprätentiös wirkender Typ, „ene kölsche Jung“, wie er selbst gern von sich sagt.

Um sich von den 1500 festen und noch einmal so vielen festen freien DW-Mitarbeitern zu verabschieden, hat der 69-Jährige die Sommerfeste genutzt, die jährlich am Hauptsitz in Bonn und am Sitz von DW-TV in Berlin stattfinden. Beim Bonner Sommerfest im Juni dieses Jahres wurde zugleich auch das 60-jährige Bestehen der Sendeanstalt gefeiert (vgl. FK-Heft Nr. 25/13). Fast wäre sie nicht einmal 45 Jahre alt geworden, die Deutsche Welle. Denn wäre es nach der rot-grünen Bundesregierung gegangen, wäre 1998 Schluss gewesen mit Deutschlands vielsprachigem Auslandssender. Oskar Lafontaine und der damalige Kulturminister Michael Naumann (beide SPD) wollten die DW „schlankweg zumachen“, so Bettermann. Das konnte er dann gerade noch verhindern, musste aber eine Budgetkürzung von Höhe von 17 Prozent hinnehmen und 1000 Stellen streichen. Das sei bitter gewesen, sagt Bettermann, der selbst Sozialdemokrat ist, auch für ihn persönlich.

„Wir denken viel zu provinziell“

Die DW sei unter Rot-Grün „als Spardose im Kultur- und Medienhaushalt miss­braucht worden“, wetterte der jetzige Kultur- und Medienstaatsminister Bernd Neumann (CDU), zu dessen Verantwortungsbereich die Deutsche Welle gehört, in seiner Festrede in Bonn. Die CDU-Regierung hat das Jahresbudget des Auslandsrundfunks, das aus Steuergeldern aufgebracht wird, dann wieder aufgestockt, zur Zeit beträgt es 271 Millionen Euro. Nicht viel, wenn man es mit den üppigen Etats anderer internationaler Nachrichtensender oder auch mit denen der beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter ARD und ZDF vergleicht.

Dabei bietet die Deutsche Welle sechs verschiedene Fernsehprogramme, abgestimmt auf die unterschiedlichen Kulturen, Bedürfnisse und Empfindlichkeiten in den jeweiligen Staaten bzw. Regionen, in die sie gesendet werden, und auf die verschiedenen Zeitzonen. Einen sogenannten Basiskanal, der täglich 24 Stunden auf Englisch sendet und in Nordamerika, Afrika, Asien und Australien empfangbar ist. Dann DW Europe, das täglich 18 Stunden lang auf Englisch sendet und sechs Stunden auf Deutsch. DW Latinoamérica bietet täglich 24 Stunden Programm auf Spanisch. DW Arabia, das sich an Zuschauer in Nordafrika und Nahost wendet, sendet ein zehnstündiges arabischsprachiges und ein vierzehnstündiges englischsprachiges Programm. DW America sendet jeweils 20 Stunden auf Deutsch und vier Stunden auf Englisch und über DW Asien empfängt man ein 24-stündiges deutsches Programm. Hinzu kommen Radioprogramme in 14 Sprachen und eine multimediale Website mit Informationen in 30 Sprachen, die auch (und dies unentgeltlich) per App abrufbar ist. Ein solches Gesamtangebot kostet.

Doch bei der Deutschen Welle wird trotz steigender Kosten und wachsender Aufgaben seit Jahren immer wieder eher gespart als aufgestockt. „Deutschland ist außenpolitisch ein Schwellenland“, sagt Erik Bettermann in Richtung Politik: „Wir denken zum Teil viel zu provinziell. Dass aber auch immer das Image des Landes eine Rolle spielt und das auch gepflegt werden muss, ist bei vielen noch nicht durchgedrungen.“

Dennoch ist es ihm als DW-Intendant gelungen, das Haus auf stabile Füße zu stellen. Hatte Bettermanns Vorgänger Dieter Weirich, der ebenfalls zwei ‘Legislaturperioden’ im Amt war und CDU-Mitglied ist, 1992 das Auslandsfernsehen eingeführt, hat Erik Bettermann in seiner Zeit den schweren Tanker ins digitale Zeitalter gesteuert und den Sender in ein Multimediahaus verwandelt. Um das bei gleichbleibend niedrigem Budget hinzukriegen und im zunehmenden Wettbewerb auf dem internationalen Medienmarkt bestehen zu können, musste er vor allem im Hörfunk deutliche Einschnitte vornehmen: Radioprogramme wurden reduziert oder zum Teil – wie das deutschsprachige Programm und die Kurzwellen-Angebote mit Ausnahme von Subsahara-Afrika – sogar komplett eingestellt; dafür wurden das Fernsehprogramm und das Internet-Angebot erheblich ausgebaut.

Überzeugt von der christlichen Grundlehre

Als Bettermann 2001 zum Intendanten gewählt wurde, gab es gerade mal eine Handvoll internationaler Nachrichtensender: Neben BBC World, CNN International und der Deutschen Welle waren das Nile TV in Ägypten (gegründet 1994), das chinesische CCTV, Arirang TV aus Südkorea und Al-Jazeera aus Katar (alle drei 1996 gegründet). Mittlerweile wetteifern 27 Nachrichtenkanäle um die Deutungshoheit auf dem internationalen Markt, als letztes wurde im Juli dieses Jahres der israelische Sender i24 News gestartet. Sehr viele dieser Anbieter – man kann eigentlich sagen: fast alle – wollen dabei mit ihrem Programm bewusst die Bevölkerung ideologischer Gegner erreichen und sie gezielt beeinflussen, weshalb westliche Kanäle vermehrt arabische Sendungen ins Programm heben und die arabischen zunehmend auf Englisch senden.

So strahlen beispielsweise weder Russia Today noch i24 News Programme in ihren jeweiligen Landessprachen aus, sondern ausschließlich englische und arabische. Da der in Tel Aviv stationierte Sender i24 News mit französischem Geld finanziert wird, bringt er sein Programm auch auf Französisch. Und Al-Jazeera America, ein Ableger des arabischen Senders Al-Jazeera (Doha/Katar), versucht seit dem 20. August, mit einem speziell auf die Amerikaner zugeschnittenen Programm den US-Markt zu erobern. Al-Jazeera America hat seinen Sitz in New York und betreibt in den USA zwölf weitere Landesbüros (vgl. hierzu FK-Heft Nr. 37/13). Um es zugespitzt zu formulieren: Im Prinzip sind die meisten internationalen Nachrichtensender nichts anderes als Instrumente moderner Kriegsführung, bei der Massenkommunikation als Waffe eingesetzt wird.

„Wir machen keine Propaganda“, sagt Erik Bettermann, „sondern bemühen uns, auch immer die jeweils andere Sicht der Dinge darzustellen und so objektiv wie möglich zu sein.“ Statt offensive Meinungsmache zu betreiben, ist die Deutsche Welle laut Eigendefinition in erster Linie aufklärerisch tätig und verfolgt so hehre Ziele wie die Förderung der deutschen Sprache im Ausland und des Dialogs zwischen den Kulturen, die Vertretung Deutschlands nach außen in seinen freiheitlich-demokratischen Wurzeln und Werten sowie – mittels der 2004 gegründeten DW-Akademie – die Ausbildung von Journalisten in Krisenländern.

„Die Deutsche Welle versteht sich als ein Sender, der Brücken bauen will zwischen unterschiedlichen Kulturen“, erklärt Bettermann: „Wir erleben jeden Tag, wie schwer genau dieser Spagat ist zwischen den eigenen Überzeugungen, den eigenen Meinungen und Anschauungen, ja, dem eigenen Glauben – und der Gewissheit, die Menschen da draußen denken anders, glauben anders.“ Erik Bettermann ist ein engagierter Christ. Am 9. Juni dufte er die Predigt auf der Lutherkanzel in Wittenberg halten. „Das war für mich die größte Ehre, die mir am Ende meiner Berufslaufbahn zuteil werden konnte. Das geht jemandem, der überzeugt ist von der christlichen Grundlehre, schon sehr nah. Der Auftrag der Deutschen Welle“, sagt er dann, „unterscheidet sich vom Grundsatz ja nicht vom Auftrag, den Jesus seinen Jüngern mit auf den langen Weg gegeben hat: Gehet hin in alle Welt …“

Doch ähnlich wie heutzutage sogar die Kirche hat auch die Deutsche Welle immer wieder mit ihrer Existenzberechtigung zu kämpfen. Erreicht sie die Menschen? Ist sie noch zeitgemäß? Wofür braucht man sie eigentlich noch? Wie, so ist von Kritikern immer wieder zu hören, soll man den Wert eines Senders bemessen, dessen Zuschauerzahlen nicht bekannt sind, der sich gegen eine wachsende Anzahl von finanziell viel besser ausgestatteten Konkurrenten durchsetzen muss und dessen Existenz durch das Internet mit seinen überall auf der Welt empfangbaren Radio-, Fernseh- und Online-Programmen doch im Grunde überflüssig geworden ist?

Dem hat sich Bettermann entgegengestemmt, indem er jahrelang mit Bund und Ländern über eine engere Verzahnung der DW mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD, ZDF und Deutschlandradio verhandelt hat. Zum Abschluss seiner Intendantentätigkeit ist er besonders stolz, dass „der Deutsche Bundestag im April 2011 mit vier von fünf Fraktionen beschlossen hat, mit den Bundesländern zu verhandeln und für eine Ausweitung der Kooperation der Deutschen Welle mit den Landesrundfunkanstalten der ARD, dem ZDF und dem Deutschlandradio zu sorgen“. Am 13. Juni dieses Jahres folgte nun endlich der Beschluss. Die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder vereinbarten eine zweijährige Testphase, in der die Deutsche Welle, die ARD-Landesrundfunkanstalten, das ZDF und das Deutschlandradio stärker zusammenarbeiten sollen (vgl. FK-Heft Nr. 25/13). Danach sollen grundsätzlich alle Programme des öffentlich-rechtlichen Inlandsrundfunks für eine Übernahme durch die DW in Betracht kommen, was auch fiktionale Formate ausdrücklich mit einschließt.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit ARD und ZDF

Zudem unterstützen die Regierungschefs von Bund und Ländern das DW-Vorhaben, „eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und im Rahmen einer Produktionsgemeinschaft Inhalte herzustellen, die entsprechend ihrem jeweiligen Auftrag sowohl in den Inlands- als auch in gegebenenfalls angepasster Form in den Auslandsprogrammen der Partner gesendet werden können“. Das, so Bettermann, „bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Zusammenarbeit der Deutschen Welle mit den Inlandsmedien auf Augenhöhe. Das ist der erste Meilenstein der Verbindung der Deutschen Welle ins deutsche Mediensystem.“ Und ein wichtiger Baustein, um die DW auf dem heiß umkämpften Markt der internationalen Nachrichtensender konkurrenzfähiger zu machen.

Konkret heißt dies, dass man bei der Deutschen Welle seit Anfang 2012 neben Nachrichten und selbstproduzierten Formaten wie „Euromaxx“ oder den Talkshows „Quadriga“, „New Arab Debates“ und „Shabab-Talk“ auch Programme von ARD und ZDF zu sehen bekommt, unter anderem die Talkshows von Jauch, Maischberger, Illner & Co. Langfristig wünscht Bettermann sich, dass bei der DW auch deutsche Fernsehereignisse wie etwa „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ (ARD) oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF) laufen, aber bisher scheitere das noch an den Weltrechten. Unterhaltung, sagt er, sei das „Schmiermittel“, um Zuschauer anzulocken und zu binden. Selbst eine Zusammenarbeit mit den privaten Sendern hält er für nicht ausgeschlossen.

„Deutschland hat ein hochentwickeltes Mediensystem, und damit meine ich nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen“, sagt Bettermann: „Und wenn es nicht mehr Geld gibt, dann müssen wir mehr von dem nutzen, was wir bereits haben. Bei den Privaten ist von ‘Spiegel TV’ bis Pro Sieben Sat 1 ein ungeheures Potenzial an guten Produktionen, zum Beispiel Dokumentationen, vorhanden. Warum sollen wir für die mediale Visitenkarte Deutschlands nicht darauf zurückgreifen?“ Übernommen werden könne, was zum Programmauftrag passe und mit Blick auf die weltweiten Ausstrahlungsrechte auch finanziell gestemmt werden könne. Im Bereich Dokumentationen liege der Anteil der Übernahmen von den Öffentlich-Rechtlichen schon bei 80 Prozent. Zudem könne man Koproduktionen umsetzen. Bettermann: „In den nächsten Jahren finden in Brasilien zwei große Sportereignisse statt, Fußball-WM und Olympische Spiele. Da könnte man viele schöne kleine Features und Dokumentationen machen, gemeinsam mit den ARD-Landesrundfunkanstalten, das wird dann in den Dritten oder im Ersten ausgestrahlt und bei der Deutschen Welle.“

In seinen letzten beiden Dienstmonaten ist Erik Bettermann systematisch durch die Büros gegangen, hat jedem einzelnen Mitarbeiter die Hand gedrückt, sich bedankt und „Tschüss“ gesagt. „Das ist das Ende meines Berufslebens, ich wechsele ja nicht woanders hin. Das ist schon ein Lebensabschnitt. Die zwölf Jahre waren eine ungeheure Chance für mich“, resümiert er, „und es war eine großartige Erfahrung, mit 3000 Menschen aus 60 Nationen zusammenzuarbeiten. Manche denken ab Mitte 50 schon an die Rente, ich habe in diesem Alter diese Herausforderung angenommen. Das war eine große Anregung für mein Leben.“

Deutschland im Ausland darstellen

Während Bettermann seine Abschiedstournee absolvierte, startete sein Nachfolger Peter Limbourg bereits seine Begrüßungstour. Limbourg, 53, hat das DW-Intendantenamt am 1. Oktober übernommen. Er war vorher vor allem als Nachrichtenmann des Privatsenders Sat 1 bekannt, außerdem als Stichwort- und Zahlengeber von Stefan Raab in dessen Sendungen „Absolute Mehrheit“ und „Die TV total Bundestagswahl“ (jeweils Pro Sieben). Nun ist der ehemalige Chefredakteur von N 24, der zuletzt Informationsdirektor der Pro Sieben Sat 1 Media AG war, der erste Intendant eines öffentlich-rechtlichen Senders, der zuvor Karriere beim Privatfernsehen gemacht hat. Staatsminister Bernd Neumann begrüßte in einer offiziellen Erklärung die Wahl Limbourgs, bekomme die Deutsche Welle doch jetzt „einen Intendanten mit einem ausgewiesenen journalistischen Profil, der umfangreiche Medien- und Auslandserfahrung in einer Person vereint“.

Das klingt ein bisschen, als hätte es dem vorherigen Intendanten an diesen Eigenschaften gefehlt. Doch Erik Bettermann, der 170 Länder bereist und nach seinem Studium der Philosophie, Pädagogik und Sozialpädagogik in Köln und Bonn als freier Mitarbeiter für Kölner Tageszeitungen und eine evangelische Kirchenzeitung gearbeitet, aber dann eine politische Laufbahn in der Verwaltung eingeschlagen hat, empfindet das nicht so. „Peter Limbourg hat meine volle Unterstützung. Ich wie mein Vorgänger Dieter Weirich kommen aus der Politik und hatten journalistische Erfahrung, vor allem im Printbereich“, sagt er: „Bei uns beiden stand die politische Erfahrung im Vordergrund. Jetzt kommt einer aus der direkten journalistischen Tätigkeit und bringt politische Erfahrung mit. Das ist sehr wichtig.“ Anlässlich seiner Amtsübernahme sagte Limbourg gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), ein vorrangiges Ziel der Deutschen Welle müsse es sein, noch umfangreicher die verschiedenen digitalen Plattformen zu nutzen, „um weiter konkurrenzfähig zu bleiben“.

Erik Bettermann ist überzeugt, dass man die Deutsche Welle in Zukunft stärker journalistisch ausrichten muss. „Ich habe dafür mit der Multimedialität die Grundstruktur eingeführt. Bei der DW sind die fremdsprachigen Programme ganz entscheidend, wenn es darum geht, Deutschland im Ausland darzustellen. Und ich finde, wir müssen in dieser Multilingualität – ich würde meinem Nachfolger empfehlen, keine einzige Sprache zuzumachen – stark überlegen, wie unser Auftritt in Europa ist.“

Text aus Heft Nr. 41/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.10.2013/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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